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Va­ria­ble Fonts sind in der Ty­po­sze­ne das The­ma der St­un­de. Was aber kön­nen sie und wem nüt­zen die neu­en Open­ty­pe-schrif­ten?

PAGE - - Trends 2017 -

● Men­schen jen­seits der vier­zig hat­ten ein Déjà-vu, als App­le, Ado­be, Goog­le und Microsoft kürz­lich die neu­es­te Open­ty­pe-spe­zi­fi­ka­ti­on ver­öf­fent­lich­ten. Sie um­fasst nun Va­ria­ble Fonts, ei­ne Tech­no­lo­gie, die stu­fen­los wähl­ba­re Zwi­schen­schrit­te aus ei­ner ein­zi­gen Font­da­tei her­aus er­mög­licht. Hat es nicht ge­nau das schon in den 1990er Jah­ren mit den Mul­ti­ple Mas­ter Fonts ge­ge­ben? »Stimmt, das tech­ni­sche For­mat ist nicht neu«, sagt In­dra Kup­fer­schmid, »va­ria­ble Fonts aber kön­nen mehr. Sie er­lau­ben es nicht nur, die Strich­stär­ke stu­fen­los zu ver­än­dern, son­dern auch je­de In­ter­po­la­ti­ons­ach­se an­zu­le­gen, zu der man Lust hat: Brei­te, x-hö­he, Kon­trast, Se­ri­fen­län­ge, Pun­zen­grö­ße, Punkt­de­kor, was auch im­mer«, er­klärt die Ty­po­gra­fin und Pro­fes­so­rin an der HBK­saar, die mit ih­ren Stu­die­ren­den schon flei­ßig mit Va­ria­ble Fonts ex­pe­ri­men­tiert hat.

Ein Font statt zehn

Wäh­rend die neue Tech­nik in Prin­t­an­wen­dun­gen we­ni­ger Sinn macht – grö­ße­re Schrift­fa­mi­li­en stel­len meist mehr als ge­nug Strich­stär­ken zur Ver­fü­gung –, ist sie fürs Web­de­sign durch­aus in­ter­es­sant. Denn sie er­wei­tert das Re­s­pon­sive De­sign um den Aspekt Schrift. »Im Re­s­pon­sive De­sign ist al­les fle­xi­bel und kann sich flui­de be­we­gen, nur die Schrif­ten wa­ren bis­lang sta­ti­sche Zei­chen, die ent­spre­chend aus­ge­tauscht wur­den«, so In­dra Kup­fer­schmid. »Jetzt aber kön­nen sie sich mit­be­we­gen: Zieht man et­wa ein Fens­ter brei­ter auf, wird auch die Ty­po brei­ter.« Dass da­bei auch Fürch­ter­li­ches ent­ste­hen kann, ist klar – wie bei je­der neu­en Tech­no­lo­gie wird auch hier et­was Er­zie­hung not­wen­dig sein.

Web­de­si­gner wer­den be­son­ders zu schät­zen wis­sen, dass sie nun al­lein noch ei­ne Font­da­tei la­den müs­sen, die dann al­le Schnit­te, Small Caps, Con­den­s­ed- und Ex­ten­ded-va­ri­an­ten und so fort ent­hält. Das geht na­tür­lich schnel­ler, als zehn ein­zel­ne Da­tei­en zu la­den, und er­höht so die Per­for­mance ei­ner Web­sei­te. Viel­leicht wer­den wir al­so künf­tig noch mehr ty­po­gra­fi­sche Viel­falt im Web er­le­ben.

Schwie­rig wird es je­doch bei Kur­si­ven. »Es gibt zwar ei­ne Slant-ach­se, aber das sind nur schräg ge­stell­te Buch­sta­ben«, er­klärt In­dra Kup­fer­schmid. »Nun sind ja bei ei­ner se­ri­fen­lo­sen Kur­si­ven nicht al­le Zei­chen kom­plett um­ge­stal­tet. Man könn­te den Font zum Bei­spiel so an­le­gen, dass zu­sätz­lich zum Schräg­stel­len ei­ni­ge Buch­sta­ben­for­men wie e, a oder g aus­ge­tauscht wer­den. Für ei­ne Se­ri­fen­schrift wie die Ga­ra­mond bräuch­te man aber ei­ne ech­te Kur­si­ve, das heißt ei­nen zwei­ten va­ria­blen Font.« Oder man än­dert das De­si­gn­kon­zept und ar­bei­tet im Web nicht viel mit Kur­si­ven, son­dern mit ver­schie­de­nen Fet­ten, Small Caps oder an­de­ren Aus­zeich­nun­gen.

Viel­leicht doch nicht so neu?

Deut­lich kri­ti­scher als vie­le sei­ner Kol­le­gen sieht Ty­pede­si­gner Akiem Helm­ling von Un­der­wa­re in Den Haag das Gan­ze. »Ex­tre­me zu ge­stal­ten und dar­aus dann Ge­wich­te zu in- ter­po­lie­ren – so ar­bei­ten wir schon seit fast zwan­zig Jah­ren. Bei vie­len Va­ria­ble-fonts-ani­ma­tio­nen, die das Po­ten­zi­al die­ser Tech­nik de­mons­trie­ren sol­len, be­wegt sich viel, aber es pas­siert we­nig, was wirk­lich neue Mög­lich­kei­ten für den De­si­gner bie­tet und nicht nur theo­re­tisch ist, son­dern prak­tisch ein Pro­blem be­hebt.«

Ein sol­ches Pro­blem ist zum Bei­spiel die Kom­bi­na­ti­on von Schrif­ten, de­ren Ge­wich­te nicht voll­stän­dig zu­ein­an­der­pas­sen. Für Fäl­le wie die­se ent­wi­ckel­te Un­der­wa­re die Sans Se­rif Zei­tung: ei­gent­lich ei­ne ganz nor­ma­le Schrift­fa­mi­lie in acht Fet­ten, mit Ita­lics, Small Caps und Mi­cro-fonts für klei­ne Grö­ßen, doch in der Va­ri­an­te Flex las­sen sich die Ge­wich­te stu­fen­los ver­stel­len. Im Web funk­tio­niert das mit ei­nem jque­ry-plug-in, für Il­lus­tra­tor und In­de­sign gibt es ei­ne Ex­ten­si­on ( https://is.gd/un­der­wa­re­flex ).

»Kom­bi­niert man un­se­re Zei­tung mit ei­ner Se­ri­fen­schrift ei­ner an­de­ren Found­ry, kann es na­tür­lich pas­sie­ren, dass

die Ge­wich­te nicht wirk­lich har­mo­nie­ren, die ei­ne Re­gu­lar et­wa fet­ter ist als die an­de­re. Mit der Ex­ten­si­on kann ich das Ge­wicht der Zei­tung stu­fen­los re­geln, so lan­ge, bis es ge­nau zu der an­de­ren Schrift passt.« Drückt man dann auf den But­ton »Crea­te Fa­mi­ly«, wer­den pas­sen­de Light- und Bold-schnit­te ge­ne­riert. Macht man die Schrift klei­ner oder grö­ßer, wählt die Ex­ten­si­on au­to­ma­tisch die rich­ti­ge op­ti­sche Grö­ße. Zu­sätz­lich steht Zei­tung als ech­ter va­ria­bler Font zur Ver­fü­gung. So­lan­ge noch nicht al­le Brow­ser und Pro­gram­me die Tech­nik un­ter­stüt­zen, kann man al­so mit der Ex­ten­si­on ar­bei­ten, spä­ter dann auch mit ech­ten va­ria­blen Fonts.

Das User In­ter­face ent­schei­det

Noch gibt es le­dig­lich ge­rin­gen Sup­port für va­ria­ble Fonts. Wäh­rend App­le, Goog­le, Microsoft und Ado­be von ei­ner bal­di­gen Un­ter­stüt­zung durch al­le Brow­ser aus­ge­hen, zeigt sich Akiem Helm­ling skep­tisch: »Gera­de im Web ist es wich­tig, ei­ne Lö­sung zu ha­ben, die über­all funk­tio­niert. Oft aber wer­den Sa­chen prä­sen­tiert, die aus­schließ­lich auf we­ni­gen Brow­sern mög­lich sind. Den­ken wir an die Open­ty­pe-fea­tu­res. Noch im­mer wer­den sie nicht von al­len Brow­sern un­ter­stützt, da­bei sind sie deut­lich ein­fa­cher zu im­ple­men­tie­ren als Va­ria­ble Fonts.«

Un­ge­klärt ist auch die Fra­ge der Li­zen­zen. Schließ­lich be­kommt man mit ei­nem va­ria­blen Font ja vie­le Fonts in ei­nem. Von der Idee, die ein­zel­nen Ach­sen auch ein­zeln zu ver­kau­fen, bis zum Vor­schlag, den Va­ria­ble Font als Zu­ga­be bei der Li­zen­zie­rung ei­ner Schrift­fa­mi­lie an­zu­bie­ten, gibt es ver­schie­de­ne An­sät­ze. Ähn­lich wie bei den Web-fonts wird es si­cher dau­ern, bis sich ein prak­ti­ka­bles Mo­dell durch­setzt.

Ne­ben dem Sup­port macht vor al­lem eins Kopf­zer­bre­chen: das Hand­ling für Nut­zer, die sich nicht aus­ken­nen. »Die Mul­ti­ple-mas­ter-tech­nik ist auch dar­an ge­schei­tert, dass sie viel zu kom­pli­ziert zu be­die­nen war«, meint In­dra Kup­fer­schmid. »Ob va­ria­ble Fonts sich durch­set­zen, wird in ers­ter Li­nie ei­ne Fra­ge des User In­ter­faces sein, und auch in den Desk­top-pro­gram­men müs­sen An­wen­der die Funk­tio­nen ganz klar in ei­nem Drop-down-me­nü er­ken­nen kön­nen.« Un­der­wa­re hat das mit der Zei­tung schon gut ge­löst, die Ex­ten­si­on lässt sich ein­fach be­die­nen.

Fle­xi­ble­res De­sign

Schrift­ge­stal­ter und De­ve­l­oper müs­sen jetzt her­aus­fin­den, für wel­che An­wen­dun­gen va­ria­ble Fonts sinn­voll sind. »Für Bar­rie­re­frei­heit bei­spiels­wei­se«, meint In­dra Kup­fer­schmid, »da­mit mein Va­ter nicht bloß zwi­schen Nor­mal und Fett, son­dern ei­ne le­dig­lich et­was kräf­ti­ge­re Schrift auf sei­nem ipad wäh­len kann. Oder ein­fach nur den Knopf ›Mach mir les­ba­re Schrift für Leu­te über 65‹ drü­cken muss.«

In­ter­es­sant sind va­ria­ble Fonts auch für App­me­nüs. Denn stellt man dort von Eng­lisch auf Deutsch, kann es pas­sie­ren, dass der Platz für die Be­zeich­nun­gen nicht mehr reicht. Mit ei­nem va­ria­blen Font wür­de die Schrift et­was schma­ler wer­den.

Auf die­ser Ent­de­ckungs­rei­se wer­den ga­ran­tiert ei­ni­ge ner­vi­ge Sa­chen, wie zu vie­le Ani­ma­tio­nen ent­ste­hen, aber si­cher auch viel Sinn­vol­les und Span­nen­des – wie im­mer, wenn neue, nütz­li­che Tech­ni­ken und Spie­le­rei zu­sam­men­kom­men. ant

Va­ria­ble Wurst-zu­stän­de: Ty­pede­si­gne­rin Ul­ri­ke Rausch (http://lie­be­fonts.com) ex­pe­ri­men­tier­te schon mal mit der neu­en Tech­nik – mit Würs­ten statt Buch­sta­ben

Bei den Va­ria­ble Fonts ist es vor al­lem span­nend her­aus­zu­fin­den, wel­che Ach­sen au­ßer Ge­wicht und Brei­te noch in­ter­es­sant und nütz­lich sein könn­ten. Mit ei­ner va­ria­blen x-hö­he und Lauf­wei­te bei­spiels­wei­se könn­te ich ei­ne

Für ih­re neue Schrift Zei­tung ent­wi­ckel­te Un­der­wa­re ei­ne Flex-va­ri­an­te, hier lässt sich die Strich­stär­ke mit dem Schie­be­reg­ler stu­fen­los ver­stel­len

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