Froit­nests F

Bel­gi­en liegt zwi­schen den Ty­po-schwer­ge­wich­ten Nie­der­lan­de und Frank­reich, mit de­nen es auch sprach­lich-kul­tu­rell ver­bun­den ist. Trotz­dem hat Klaus-pe­ter Stau­din­ger dort ei­ne ei­gen­stän­di­ge, teils bi­zar­re Ty­po­sze­ne vor­ge­fun­den

PAGE - - Typoreise Belgien -

● Wech­selt je­mand in­ner­halb von Mi­nu­ten sei­ne Iden­ti­tät, nennt man das in der Psy­cho­lo­gie »Bor­der­li­ne-syn­drom«. Das Wan­deln zwi­schen den Ex­tre­men, das Aus­lo­ten und Über­schrei­ten von Gren­zen zieht sich bis­wei­len auch durch die ty­po­gra­fi­schen Ar­bei­ten un­se­rer bel­gi­schen Nach­barn. Da­bei scheint der Ver­such, ver­meint­lich Ge­gen­sätz­li­ches zu­sam­men­zu­brin­gen, auf den ers­ten Blick gar nicht zu dem eher ge­müt­lich und pit­to­resk wir­ken­den Land mit sei­ner Vor­lie­be für Bier, Spit­zen, Scho­ko­la­de – und na­tür­lich Pom­mes Fri­tes – zu pas­sen. Doch nicht erst seit den schreck­li­chen Ter­ror­an­schlä­gen im Früh­jahr 2016 ahnt man, dass es dort un­ter der Ober­flä­che bro­delt.

Das all­täg­li­che Le­ben ist ge­prägt von dem Dau­er­kon­flikt zwi­schen den nie­der­län­disch ge­präg­ten Fla­men und den eher fran­ko­phi­len Wal­lo­nen. »Du lernst schnell et­was über die Emp­find­lich­kei­ten, wenn du In­for­ma­tio­nen in zwei Spra­chen gleich gut rü­ber­brin­gen möch­test«, sagt Reg He­ry­gers, In­ha­ber der Ant­wer­pe­ner De­si­gnagen­tur un’der­cast. Das konn­te er schon bei di­ver­sen Iden­ti­ty-pro­jek­ten fest­stel­len, die lan­des­weit funk­tio­nie­ren soll­ten. Schwie­ri­ger fin­det er es in­des, mit der ver­zweig­ten Bü­ro­kra­tie um­zu­ge­hen. »Das ver­langt ei­nem bis­wei­len ein gro­ßes Maß an Ge­duld und Di­plo­ma­tie ab.«

Wäh­rend Brüs­sel – zu­gleich Haupt­stadt und wirt­schaft­li­ches Zen­trum des Lan­des – als Schalt­zen­tra­le der EU auch zum Syn­onym für den Hang zur Re­gu­lie­rung wur­de, bil­det Ant­wer­pen ein­drucks­voll den krea­ti­ven Ge­gen­pol. Die Ha­fen­stadt mau­ser­te sich in den spä­ten 1980er Jah­ren zum Fa­shion-hots­pot mit Iko­nen wie Mar­tin Mar­gie­la oder Raf Si­mons. Bis heu­te zeich­net die bel­gi­sche

Mo­dea­vant­gar­de ei­ne Ex­zen­trik aus, die sich aus den Ge­gen­sät­zen im Land zu spei­sen scheint – und da­bei die an­de­ren Gestal­tungs­dis­zi­pli­nen be­flü­gelt. Das zeig­te sich ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber bei dem drei­tä­gi­gen Krea­tiv­fes­ti­val OFFF by Night, das mit ei­nem span­nen­den in­ter­na­tio­na­len Li­ne-up auf­war­te­te und zu­gleich auch jun­gen bel­gi­schen De­si­gnern wie et­wa Stephanie Specht als Spre­che­rin und als Gestal­te­rin des Fes­ti­va­ler­schei­nungs­bilds ei­ne Büh­ne bot.

Plan­tin, De Sti­jl und die Lie­be zu den Se­ri­fen­lo­sen

Das bel­gi­sche Gra­fik­de­sign stand lan­ge im Schat­ten der Nach­barn Nie­der­lan­de und Frank­reich. Ver­gli­chen mit sei­nen welt­be­kann­ten Ge­nus­ser­zeug­nis­sen be­sitzt Bel­gi­en ein eher ma­ge­res ty­po­gra­fi­sches Er­be. Im­mer­hin exis­tier­te mit Chris­toph Plan­tin und des­sen Schwie­ger­söh­nen für kur­ze Zeit ei­ne ein­fluss­rei­che Dy­nas­tie von Buch­dru­ckern und Ver­le­gern. Nach kriegs­be­ding­ter Ver­le­gung ins nie­der­län­di­sche Lei­den führ­te Jan Mo­re­tus das Ant­wer­pe­ner Stamm­haus noch bis 1610. Heu­te be­her­bergt es als Mu­se­um für Druck­kunst mit dem Plan­tin In­sti­tuut die ein­zi­ge Aus­bil­dungs­stät­te für Ty­pede­sign Bel­gi­ens. In­ter­es­san­ter­wei­se setz­te der Nie­der­län­der Fred Smei­jers mit sei­nen ers­ten Schrift­ent­wür­fen Mit­te der 1980er Jah­re wie­der bei Plan­tin an und er­öff­ne­te 2002 sei­ne Found­ry Our­ty­pe im flan­dri­schen De Pin­te.

Nach­hal­ti­ge­re Im­pul­se je­doch setz­te die De-sti­jl-be­we­gung mit ih­rer geo­me­tri­schen Klar­heit. Der Ant­wer­pe­ner Hen­ry van de Vel­de, als Ar­chi­tekt und De­si­gner ein Ver­tre­ter der Art nou­veau, gilt als ei­ner der Weg­be­rei­ter des Bau­hau­ses. Die 1926 von ihm ge­grün­de­te Kunst- und De­si­gn­hoch­schu­le La Cam­bre in Brüs­sel exis­tiert bis in die Ge­gen­wart, seit 1980 se­pa­riert in ei­ne Fa­kul­tät für vi­su­el­le Kunst und Ar­chi­tek­tur. Die Bin­dung zur Mo­der­ne aber ist ge­blie­ben und hat Ge­ne­ra­tio­nen von Stu­den­ten be­ein­flusst.

Dies er­klärt viel­leicht die Pas­si­on für die Se­ri­fen­lo­se bei Bel­gi­ens Gestal­tern – vor­zugs­wei­se für schma­le, neu­tra­le oder gar kon­stru­ier­te Schrif­ten. Ty­pede­si­gner wie Fre­de­ric Ber­la­en und Ni­co­las Des­lé zei­gen ein ho­hes Maß an Ex­pe­ri­men­tier­freu­de so­wie In­ter­es­se an Pro­gram­mie­rung und Scrip­t­ing. An­de­re, wie Dries Wie­wau­ters, David Alex­an­der Slaa­ger, Co­ert De Dek­ker und Jo De Ba­er­de­maeker, su­chen mehr die Ver­bin­dung zu den Küns­ten. »Die De­si­gner im flä­mi­schen Teil des Lan­des nut­zen Ty­po­gra­fie als Bild oder Weg des krea­ti­ven Aus­drucks. Im Sü­den, in Wal­lo­ni­en, hin­ge­gen dient Ty­po­gra­fie vor­wie­gend da­zu, Text ab­zu­bil­den.

Ers­te­re ori­en­tie­ren sich stär­ker an neu­em, tren­di­gem De­sign«, sagt der ge­lern­te Schrif­ten­schnei­der und St­ein­metz Co­ert De Dek­ker, der seit 2011 die Ty­pe Found­ry Kust­om­ty­pe so­wie ein ei­ge­nes De­sign­stu­dio in der west­flan­dri­schen Pro­vinz be­treibt.

Ei­ne neue Ge­ne­ra­ti­on geht ei­ge­ne We­ge

»Die Nie­der­lan­de wur­den lan­ge Zeit als Le­a­der in der De­si­gn­in­dus­trie ge­se­hen. Im Gra­fik­de­sign ha­ben sie ei­ne rei­che Tra­di­ti­on und ge­nie­ßen welt­wei­te An­er­ken­nung«, sagt Reg He­ry­gers, »doch das än­dert sich gera­de: Die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on bel­gi­scher Gra­fik­de­si­gner be­fasst sich auf ver­schie­de­ne Wei­se mit Ty­po­gra­fie und Gra­fik – mal au­to­nom, mal als Brü­cke zu an­de­ren Dis­zi­pli­nen.« Ein­drucks­voll de­mons­trie­ren dies Mat­t­hi­js Jans­sens, ein Schü­ler He­ry­gers, der ein hap­ti­sches »Speel­fa­bet« für Kin­der ent­wor­fen hat, und das Duo An Ei­send­rath und Stof­fel Van den Bergh, das mit sei­ner hip­pen Re­tro-buch­sta­ben­pres­se ka­staar ei­nen sehr mo­der­nen Weg geht.

Tat­säch­lich ha­ben sich in Ant­wer­pen und Brüs­sel ei­ni­ge be­mer­kens­wer­te De­si­gnagen­tu­ren an­ge­sie­delt. Die­se Ent­wick­lung be­glei­te­te Hu­go Put­ta­ert, en­ga­gier­ter Lei­ter des De­sign-de­part­ments der Kunst­schu­le Sint Lu­cas in Ant­wer­pen, der seit 1990 das Stu­dio vi­sio­nand­fac­to­ry be­treibt. Ei­ne Vor­rei­te­rin der neu­en Ge­ne­ra­ti­on war Sa­ra De Bondt, die mit ih­ren schlich­ten, far­ben­präch­ti­gen Ty­po­ar­bei­ten auch in Lon­don re­üs­sie­ren konn­te, wo sie seit 15 Jah­ren mit en­gen Ver­bin­dun­gen in die Hei­mat ar­bei­tet.

Die De­si­gner der jüngst auf­stre­ben­den Stu­di­os Ate­lier Pink, c’est beau, Flink, Ma­de, Pin­keye oder un’der­cast blei­ben lie­ber vor Ort – sie schei­nen das ei­gen­wil­li­ge Kon­glo­me­rat von Alt und Neu für ih­re In­spi­ra­ti­on zu brau­chen. Der in Brüs­sel le­ben­de Lu­xem­bur­ger Mi­chel Wel­frin­ger drückt es so aus: »Ir­gend­wie ist vie­les hier ei­ne gu­te Mi­schung aus po­pu­lä­rer Kul­tur, ver­spot­te­ten Vor­ur­tei­len, so­li­dem Hand­werk, Selbst­kri­tik und gu­ter Lau­ne – im Fran­zö­si­schen heißt das au­to­dé­ri­si­on, im Deut­schen ›Selbst­iro­nie‹.« Die be­herr­schen die Bel­gi­er al­so auch.

Klaus-pe­ter Stau­din­ger wun­der­te sich über die un’der­cast-schreib­wei­se. Die Er­klä­rung: Das Stu­dio hat­te vie­le Pro­jek­te selbst­iro­nisch mit »un« be­nannt (un­fa­mous, un­no­ti­ced . . . ). So wird man Un’ikat.

Ty­po­rei­se Bel­gi­en. Wei­te­re tol­le Ar­bei­ten zei­gen wir un­ter ↗ www. pa­ge-on­li­ne.de/ty­po­rei­se_­bel­gi­en

An­sich­ten ei­nes Fahr­rad­park­hau­ses im Ant­wer­pe­ner Stadt­teil Ber­chem, für das Hu­go Put­ta­ert und Jel­le Ma­ré­chal von vi­sio­nand­fac­to­ry aus Brüs­sel die ver­ti­kal ge­teil­te Ty­pe Ber­chem Fol­ded Sans ent­wi­ckel­ten. Die ge­heim­nis­vol­len Buch­sta­ben­gir­lan­den auf den Glas

Auch die Agen­tur un’der­cast von Reg He­ry­gers aus Ant­wer­pen ar­bei­tet gern mi­ni­ma­lis­tisch mit Ty­po­gra­fie, vor­wie­gend in den Be­rei­chen Iden­ti­ty und Buch­co­ver. Bei der als Tri­lo­gie an­ge­leg­ten Aus­stel­lung »Ty­po« in der Brüs­se­ler Seed Fac­to­ry zoll­te un’der­cast

Der kunst­af­fi­ne Lu­xem­bur­ger Mi­chel Wel­frin­ger stu­dier­te in Brüs­sel und lebt seit vier Jah­ren wie­der dort. Ne­ben lo­ka­len Auf­trag­ge­bern be­treut er auch Kun­den in Luxemburg und Frank­reich. Als Ci­ne­ast nutz­te er gern die Chan­ce, für die Iden­ti­ty der Quin­zai­ne

Nach sei­nem Gra­fik­de­sign- und Ty­po­gra­fie­stu­di­um ver­leg­te sich Dries Wie­wau­ters auf die Ent­wick­lung von Ex­klu­siv­schrif­ten. Den Font Lu­ca schuf er für den ge­mein­sa­men Auf­tritt der sechs größ­ten Kunst­schu­len Bel­gi­ens. Die las­zi­ve Gro­tesk be­sticht durch ir­rit

Jo De Ba­er­de­maeker aus Ant­wer­pen, Ab­sol­vent des re­nom­mier­ten Ma-ty­pe­face-de­si­gnStu­di­en­gangs in Rea­ding, setzt ei­nen Fo­kus auf nicht­la­tei­ni­sche Schrif­ten aus dem Nord­os­ten Asi­ens. Für das Stu­dio Sa­ra De Bondt kre­ierte er den Dis­play-font Wiels Bold, den da

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