Über Fan­ta­sie

Al­le vier Wo­chen fin­den in Ham­burg die Crea­ti­ve Mornings statt. Nicht De­si­gner stel­len sich hier mit span­nen­den Bei­trä­gen vor, son­dern Men­schen, die auf an­de­re Wei­se krea­tiv sind. Das No­vem­ber­mot­to war »Fan­ta­sy« und zu Gast die Ham­bur­ger Zu­kunfts­for­sche­ri

PAGE - - Programmatic Creation -

● Die Goog­le-bil­der­su­che zum Wort »Fan­ta­sie« spuckt ziem­lich ir­res Zeug aus. Flie­gen­de ro­sa Pu­del, re­gen­bo­gen­far­be­ne Licht­stru­del und trans­lu­zen­te nack­te Frau­en, die auf Him­mels­pfa­den in den Wol­ken wan­deln. Fan­tas­ti­sche Wel­ten oh­ne Be­zug zur Rea­li­tät. Kit­schi­gen Spinn­kram. Der Be­griff ist eben nicht nur po­si­tiv be­setzt. Und wo ein Kind für sei­ne tol­le Fan­ta­sie ge­lobt wird, schlägt Er­wach­se­nen schnell Skep­sis ent­ge­gen, wenn sie rum­fan­ta­sie­ren (lus­ti­ger­wei­se ist ei­ne Be­deu­tung des grie­chi­schen Ur­sprungs­worts phan­ta­sía auch »Ge­spenst«).

Er­setzt man das Wort »Fan­ta­sie« je­doch durch »Krea­ti­vi­tät«, passt es wie­der, zu­min­dest für uns De­si­gner. Denn Krea­ti­vi­tät ist das, wo­für wir be­zahlt wer­den. Wir ar­bei­ten in der Krea­tiv­bran­che, nicht in der Fan­ta­sie­bran­che. Ei­gent­lich scha­de, weil das fan­tas­ti­sche Spek­trum so viel rei­cher zu sein scheint. Fan­ta­sie kennt kei­ne Gren­zen. Krea­ti­vi­tät aber hat letzt­lich im­mer ein biss­chen auf dem Tep­pich zu blei­ben. Muss ja um­setz­bar sein. Und be­zahl­bar.

Um in die Zu­kunft zu bli­cken, be­darf es bei­der­lei: Krea­ti­vi­tät und Fan­ta­sie. Und das ist die gu­te Nach­richt, die die Zu­kunfts­for­sche­rin und ge­lern­te In­nen­ar­chi­tek­tin Bir­git Geb­hardt gleich an den An­fang ih­res Vor­trags setzt: Das Hand­werks­zeug, das wir Krea­ti­ve be­sit­zen, eig­net sich her­vor­ra­gend, um min­des­tens ein paar Trends auf­zu­spü­ren – und viel­leicht so­gar die Zu­kunft zu se­hen. »Es gibt ei­nen gro­ßen Be­darf an der Art und Wei­se, wie Krea­ti­ve ar­bei­ten«, sagt Geb­hardt, »und ich glau­be tat­säch­lich, dass sie die­se Art und Wei­se der Wirtschaft ver­kau­fen kön­nen – und nicht nur die Pro­duk­te, die sie ent­wi­ckeln.«

Bei mir rennt Geb­hardt da­mit of­fe­ne Tü­ren ein, weil ich das oft er­le­be. Dass es näm­lich die De­si­gner sind, die ih­ren Auf­trag mu­tig nach vor­ne den­ken und Vor­schlä­ge ma­chen, die we­sent­lich wei­ter ge­hen als die ei­gent­li­che De­si­gnauf­ga­be. Nicht sel­ten ist das dann rich­tig gu­te Un­ter­neh­mens­be­ra­tung jen­seits von Po­wer­point: be­greif­bar, an­wend­bar und meis­tens auch noch schön. Schau­en wir al­so mal nach und ent­de­cken wir un­se­re fan­tas­ti­schen Fä­hig­kei­ten. Sei­en wir selbst­be­wusst!

Wir sind krea­tiv und fan­ta­sie­be­gabt. Zu­gleich ar­bei­ten wir struk­tu­riert und ana­ly­tisch, weil die Pro­zes­se es er­for­dern. Wir sind gu­te Hand­wer­ker, weil man von uns sau­be­res Ar­bei­ten bis zum fer­ti­gen Pro­dukt ver­langt. Wir kön­nen vi­sua­li­sie­ren und er­klä­ren, weil wir die Fan­ta­sie un­se­rer Auf­trag­ge­ber be­flü­geln müs­sen. Wir den­ken die Din­ge zu En­de und sor­gen da­für, dass sie tat­säch­lich exis­tie­ren – meist in viel zu knap­pen Zei­t­räu­men. Mit viel Dis­zi­plin ma­chen wir Un­mög­li­ches mög­lich. Wir den­ken »out of the box«, weil wir für un­ter­schied­li­che Bran­chen ar­bei­ten, und hel­fen so un­se­ren Kun­den, über ih­ren Tel­ler­rand zu schau­en. Und wir sind tech­nisch »Sta­te of the Art«, weil es gar nicht an­ders geht.

»Trend­for­schung und Krea­tiv­sein be­deu­ten: ge­nau be­ob­ach­ten und dar­über nach­den­ken, wie sich die Din­ge ent­wi­ckeln wer­den und was das ei­nem er­zählt«, so Geb­hardt, »über un­ser We­sen und über un­ser Wer­den.«

Und das neh­me ich mit von Bir­git Geb­hardt: Wir sind noch lan­ge nicht an­ge­kom­men am En­de un­se­rer Mög­lich­kei­ten!

PS: Bir­git Geb­hardt spricht in ih­rem Vor­trag stets von der Wirtschaft, für die un­se­re Fä­hig­kei­ten als De­si­gner ge­braucht wer­den. Aber das Spek­trum an Be­tä­ti­gungs­fel­dern ist na­tür­lich viel grö­ßer. Ein Bei­spiel: 2017 sind Bun­des­tags­wah­len. Das wer­den wich­ti­ge Wahlen, weil es an die Gr­und­fes­ten der De­mo­kra­tie ge­hen könn­te. Im Mo­ment re­den al­le da­von, dass man »jetzt end­lich mal wie­der po­li­tisch wer­den müss­te«, um De­mo­kra­tie und Frei­heit zu stüt­zen. Ei­ne ho­he Wahl­be­tei­li­gung wür­de da schon ei­ni­ges be­wir­ken, das ist längst be­wie­sen. Nut­zen wir al­so un­se­re Krea­ti­vi­tät und un­se­re Fä­hig­kei­ten. Der Fan­ta­sie sind kei­ne Gren­zen ge­setzt.

Crea­ti­ve-mornings-vi­de­os. Das Vi­deo zum Crea­ti­ve Morning mit Trend­for­sche­rin Bir­git Geb­hardt zei­gen wir un­ter ↗ www.pa­ge-on­li­ne.de/ crea­ti­ve-mornings-hh

Jo­han­nes Er­ler ist Part­ner des De­si­gn­bü­ros Er­ler­skib­be­töns­mann, das die Crea­ti­ve Mornings im Ham­bur­ger de­si­gnx­port ver­an­stal­tet, und Mit­be­grün­der des De­si­gn­kol­lek­tivs Sü­per­grüp

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