Speakers’ Corner

De­si­gner kön­nen von Vor­trä­gen auf Krea­tiv­kon­fe­ren­zen enorm pro­fi­tie­ren. Viel­leicht ist es ja auch für Sie an der Zeit, über ei­nen Auf­tritt als Spre­cher nach­zu­den­ken

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● »Think De­sign. Chan­ge the World.« Un­ter die­sem Mot­to lud der Art Di­rec­tors Club für Deutsch­land im Herbst Gestal­ter un­ter­schied­lichs­ter Dis­zi­pli­nen zur be­reits drit­ten ADC De­sign Ex­pe­ri­ence ( www.adc.de/ ad­cdx-2016 ) ein. Dar­un­ter auch das Künst­ler­duo Ta­pe Over, das dem Pu­bli­kum zeig­te, was mit Ta­pe Art, al­so dem krea­ti­ven Um­gang mit Kle­be­band, al­les mög­lich ist. »Cat­ches your eye & sticks in your mind« lau­te­te der Ti­tel ih­res Auf­tritts, zu dem auch ei­ne Li­ve-per­for­mance ge­hör­te.

Für die bei­den Köp­fe hin­ter Ta­pe Over, La­mia Mich­na und Ro­bert Kö­nig aus Ber­lin, ge­hö­ren Prä­sen­ta­tio­nen auf Krea­tiv­kon­fe­ren­zen ei­gent­lich nicht zum Kern­ge­schäft. Nor­ma­ler­wei­se ge­stal­ten sie In­stal­la­tio­nen, Road­shows und Bran­dings für Kun­den wie Te­le­kom, Adi­das, Mer­ce­des-benz oder Axel Sprin­ger so­wie freie Ar­bei­ten. Den­noch nut­zen sie ih­re Auf­trit­te ger­ne als Ver­stär­ker fürs ei­ge­ne Net­wor­king.

Re­den und Fach­bei­trä­ge auf Start-up-, De­sign- und sons­ti­gen Fach­kon­fe­ren­zen kön­nen für Gestal­ter zu ei­nem er­gie­bi­gen Teil des Selbst­mar­ke­tings wer­den. Wie aber kommt man über­haupt an ein sol­ches En­ga­ge­ment her­an, wenn man nicht gera­de zu den Promis der Bran­che ge­hört?

Wie emp­fiehlt man sich als Red­ner?

Ein gro­ßer Teil der Pro­gram­me ein­schlä­gi­ger Kon­fe­ren­zen fußt auf der Re­cher­che und dem Netz­werk der Ver­an­stal­ter. Der Ku­ra­tor oder das Or­ga­ni­sa­ti­ons­team ken­nen die Spre­cher, die sie für be­stimm­te The­men ger­ne an Bord hät­ten, per­sön­lich, ha­ben sie selbst ein­mal auf­tre­ten se­hen oder wer­den durch Be­rich­te in Blogs und Ma­ga- zi­nen auf sie auf­merk­sam. Das heißt aber nicht, dass aus­schließ­lich er­fah­re­ne Ex­per­ten Chan­cen ha­ben, die Büh­ne für sich zu ge­win­nen. Denn auch Neu­lin­ge dür­fen sich an­bie­ten – »Initia­tiv­be­wer­bun­gen« sind durch­aus er­wünscht. »Wenn man ein The­ma hat, das un­se­re Bran­che be­we­gen könn­te, kann man im­mer auf das ADC-BÜ­RO zu­ge­hen«, sagt Hein­rich Pa­ra­vici­ni, Vor­stands­mit­glied des Clubs und fe­der­füh­rend ver­ant­wort­lich für die ADC De­sign Ex­pe­ri­ence. Wich­tig bei der Aus­wahl ist ihm, dass je­mand ei­ne kla­re Bot­schaft hat, die zum Kon­gress­mot­to passt.

Wer für ei­ne Sa­che brennt, schafft es auch, auf der Büh­ne glaub­wür­dig rü­ber­zu­kom­men – sol­che Red­ner wol­len die Zu­schau­er se­hen. Wo der Fo­kus der ADC De­sign Ex­pe­ri­ence 2017 lie­gen soll, will der Club im März be­kannt­ge­ben.

An­ders als bei vie­len For­schungs- oder De­ve­l­oper-kon­fe­ren­zen ist ein Call for Pa­pers bei ent­spre­chen­den Krea­tiv­ver­an­stal­tun­gen nicht üb­lich. Es geht eher dar­um, ein The­ma auf den Tisch zu brin­gen und sich ken­nen­zu­ler­nen. »Ich be­kom­me täg­lich et­wa drei Mails von Leu­ten, die ger­ne mal bei bey­ond tel­ler­rand spre­chen wol­len«, be­rich­tet Event-initia­tor Marc Thie­le. Dar­un­ter sei­en vie­le, de­ren ers­te Vor­stel­lung schon nach plat­ter Pro­dukt­wer­bung oder Agen­tur­vor­stel­lung riecht. »Die kön­nen dann ger­ne Part­ner wer­den, ge­hö­ren aber we­ni­ger auf die Büh­ne«, so Thie­le. Mit den an­de­ren tritt er en­ger in Kon­takt und baut sich so ei­nen Pool aus mög­li­chen Spre­chern in­klu­si­ve de­ren Vi­ten und Links zu ih­ren Ar­bei­ten auf.

Aus Sicht der Krea­ti­ven, die mit ei­nem Auf­tritt auf ei­ner Kon­fe­renz­büh­ne lieb­äu­geln, ist es na­tür­lich sinn­voll, prin­zi­pi­ell be­reits ei­ni­ge sol­cher Bran­chen­ver­an­stal­tun­gen be­sucht zu ha­ben, um sich ein Bild vom Ge­sche­hen ma­chen zu kön­nen. Das heißt aber nicht, dass man sei­ne ers­te ei­ge­ne Re­de zwin­gend auf ei­nem Event hal­ten muss, das man selbst schon als Zu­schau­er ken­nen­ge­lernt hat. Viel­mehr kom­me es aufs Er­schei­nungs­bild der Kon­fe­renz an, fin­det der De­si­gner und De­ve­l­oper Bastian All­gei­er (https://bas­ti­anall­gei­er.com), der »sei­ne ers­ten Geh­ver­su­che« im Rah­men von Bar­camps, al­so eher klei­ne­ren Ver­an­stal­tun­gen, ge­macht hat. In sei­nen Au­gen soll­te man zum Bei­spiel dar­auf ach­ten, dass Lin­eups nicht nur aus ge­spon­ser­ten Talks be­ste­hen. Ins­ge­samt sei es hilf­reich, sich On­li­ne­vi­de­os aus den Vor­jah­ren an­zu­se­hen, um ein Ge­fühl für die Stim­mung ei­ner Kon­fe­renz zu be­kom­men. Auch Feed­back auf Twit­ter und an­de­ren Ka­nä­len ist da­für ei­ne gu­te In­for­ma­ti­ons­quel­le.

The­ma fest­zur­ren, re­cher­chie­ren, fei­len

Die kon­kre­te Zu­sa­ge er­folgt meist ein hal­bes bis vier­tel Jahr vor dem Kon­fe­renz­ter­min. Da­nach be­ginnt die Ent­wick­lung des Vor­trags, die gera­de für Krea­ti­ve, die nur ge­le­gent­lich auf­tre­ten, nicht zu un­ter­schät­zen ist. »Ich emp­fin­de die Vor­be­rei­tung im­mer noch als sehr auf­wen­dig«, so Bastian All­gei­er, der un­ter an­de­rem auf der bey­ond tel­ler­rand (https://bey­ond­tel­ler­rand.com), der UX Mu­nich (http://ux­mu­nich.com), der Night­ly­build in Köln ( https://night­ly­build. io ) und der Zürcher Front­end Con­fe­rence (https://front­end­conf.ch) ge­spro­chen hat. The­men­über­schnei­dun­gen gab es da­bei we­ni­ge, All­gei­er ent­wi­ckelt für je­de Ein­la- dung ei­ne neue Prä­sen­ta­ti­on und in­ves­tiert da­bei je­weils et­wa 20 bis 30 Ar­beits­stun­den in­klu­si­ve Üben des Vor­trags, aber oh­ne An­rei­se und Zeit vor Ort.

Mit die größ­te Her­aus­for­de­rung sei es, das Pu­bli­kum rich­tig ein­zu­schät­zen, meint All­gei­er. »Da ich meist auf Kon­fe­ren­zen spre­che, die sich an De­si­gner und an Ent­wick­ler rich­ten, muss ich mich stets fra­gen: Wie viel De­sign und wie viel Co­de soll­ten im Talk ste­cken?«. Au­ßer­dem müs­se man im­mer ver­schie­de­ne Wis­sens­stän­de ein­kal­ku­lie­ren. »Fängt man bei Adam und Eva an, lang weilt man al­le, die sich schon seit Län­ge­rem mit dem The­ma be­schäf­ti­gen. Geht man zu sehr ins De­tail, steigt die Hälf- te der Zu­schau­er even­tu­ell be­reits nach kur­zer Zeit aus.«

Das The­ma selbst wird in Ab­spra­che mit den Or­ga­ni­sa­to­ren fest­ge­legt. Manch­mal ge­ben die­se ein Leit­mot­to wie »Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on« oder »Wan­del« vor. Oft er­gibt sich die Rich­tung auch durch in­ter­es­san­te freie Pro­jek­te der Spre­cher – bei Bastian All­gei­er wa­ren et­wa sein So­ci­al-book­mar­king-di­enst Zoo­tool oder sein Con­ten­tMa­nage­ment-sys­tem Kir­by die Auf­hän­ger. Bei Nach­wuchs­kon­fe­ren­zen kann man da­von aus­ge­hen, dass Ein­bli­cke in die Wer­de­gän­ge von Gestal­tern das Pu­bli­kum in­ter­es­sie­ren. Grund­sätz­lich las­sen die meis­ten Ver­an­stal­ter ih­ren Spre­chern bei den in­halt­li­chen De­tails viel Frei­heit. Oft möch­ten sie die Prä­sen­ta­tio­nen im Vor­feld zwar se­hen, doch hat dies haupt­säch­lich tech­nisch-or­ga­ni­sa­to­ri­sche Grün­de.

Dass es sich lohnt, kon­kre­ten The­men­an­fra­gen der Ver­an­stal­ter nicht un­re­flek­tiert zu fol­gen, zeig­te Micha­el Ull­rich am ADC Nach­wuchs­tag im Früh­jahr 2016. Der Ju­ni­or Art Di­rec­tor bei Kol­le Reb­be in Ham­burg soll­te dort ei­gent­lich sein Pro­jekt »Hel­go­land. Kurz hin – lang wei­len« vor­stel­len, für das er 2015 den Preis ADC Ta­lent des Jah­res er­hal­ten hat­te. Statt­des­sen schlug er vor, über die The­men Job­su­che und Be­rufs­ein­stieg zu spre­chen, und be­geis­ter­te sei­ne Zu­hö­rer dann mit ei­nem sym­pa­thi­schen Vor­trag über Ku­rio­si­tä­ten der Krea­tiv­bran­che und Stol­per­stei­ne für Agen­tur­neu­lin­ge.

Bit­te kei­ne Port­fo­lio-shows!

Was Ull­rich rich­tig ge­macht hat? Er hat vor al­lem dar­auf ver­zich­tet, sein Pro­jekt schlicht nach­zu­er­zäh­len. Port­fo­li­o­schau­en oder Prä­sen­ta­tio­nen, die aus­schließ­lich aus

Die Vor­trä­ge von Zeich­ner Se­bas­ti­an Lör­scher ha­ben stets et­was Thea­tra­li­sches. Auf der TY­PO Ber­lin 2016 sprach er über sein neu­es Ös­ter­reich-buch

Büh­nen­neu­ling Micha­el Ull­rich, ADC Ta­lent und Ju­ni­or Art Di­rec­tor bei Kol­le Reb­be, hält ei­nen sym­pa­thi­schen Vor­trag beim ADC Nach­wuchs­kon­gress. The­ma: Job­su­che in der Krea­tiv­bran­che

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