»Aus der Vo­gel­per­spek­ti­ve be­trach­tet ver­läuft mein Le­ben im Zick­zack«

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Nach ei­ner lan­gen Rei­se ent­schloss sich Ta­tevik Ag­ha­ba­by­an, ih­ren si­che­ren Agen­tur­job zu ver­las­sen und als di­gi­ta­le No­ma­din um die Welt zu zie­hen

● Der Wohn­sitz nur noch ein Start­punkt in die Welt, der Ar­beits­platz über­all, wo man Strom- und In­ter­net­an­schluss hat: Ta­tevik Ag­ha­ba­by­an ver­folgt ih­ren Traum des di­gi­ta­len No­ma­den­tums und reist fort­an als Fre­e­lan­ce Di­gi­tal Crea­ti­ve und Art Di­rec­tor durch die (Ar­beits-)welt ( www.tats­sa­chen.de ). Da­bei stand ihr ei­ne stei­le Kar­rie­re bei der Frank­fur­ter Di­gi­ta­l­agen­tur Sy­zy­gy be­vor. Doch ei­ne sie­ben­mo­na­ti­ge Welt­rei­se ver­än­der­te ih­re Sicht auf die Din­ge, auf ihr Le­ben und ih­ren Job. Es ist nicht der ein­zi­ge Bruch in der Vi­ta der ge­bür­ti­gen Ar­me­nie­rin. Ur­sprüng­lich stu­dier­te sie In­for­ma­tik und Ma­the­ma­tik in Je­re­wan, sie­del­te nach ih­rem Ba­che­l­or­ab­schluss aber nach Deutsch­land um und stu­dier­te De­sign. Wie es da­zu kam und war­um sich die 36-Jäh­ri­ge nun ei­ne orts­un­ab­hän­gi­ge Exis­tenz auf­bau­en will, ver­rät sie im Interview. nik

Du hast In­for­ma­tik und Ma­the­ma­tik in Ar­me­ni­en stu­diert. Wie­so hast du ent­schie­den, nach Deutsch­land zu ge­hen und et­was ganz an­de­res zu ma­chen?

Ta­tevik Ag­ha­ba­by­an: Dass ich hier­her­ge­kom­men bin, hat sich eher zu­fäl­lig durch Be­kann­te er­ge­ben. Mit ei­nem Zweit­stu­di­um in Wirt­schafts­in­for­ma­tik hät­te ich si­cher gu­te Kar­rie­re­chan­cen ge­habt und mei­nen Auf­ent­halt lo­cker fi­nan­zie­ren kön­nen. Aber ich woll­te das ma­chen, was ich lieb­te, und das war nun mal De­sign. Des­halb ha­be ich ein De­sign­stu­di­um an der Hoch­schu­le Mainz be­gon­nen. Ne­ben­her ha­be ich re­mo­te ge­ar­bei­tet.

Wel­che Auf­trä­ge hat­test du? Und wie kamst du zu Sy­zy­gy?

Ich ha­be Web­pro­jek­te ge­stal­tet und pro­gram­miert, vor­wie­gend für Auf­trag­ge­ber aus Ar­me­ni­en und Russ­land. Im Grun­de war ich da­mals schon ei­ne di­gi­ta­le No­ma­din – lan­ge be­vor das Wort er­fun­den wur­de. Ich woll­te aber in ei­ner an­de­ren Li­ga spie­len und in gro­ßen Agen­tu­ren ar­bei­ten. Der Kon­takt zu Sy­zy­gy ent­stand durch ei­ne Pro­fes­so­rin. Gleich nach dem Stu­di­um ha­be ich dort als Ju­ni­or Art Di­rec­tor an­ge­fan­gen, mich schnell ein­ge­lebt und bin die Spros­sen hoch­ge­klet­tert. Nach drei Jah­ren war ich Se­ni­or Art Di­rec­tor.

Hat­test du ei­nen Kar­rie­re­plan?

Kei­nen Plan, aber Am­bi­tio­nen. Ich ha­be mein Bes­tes ge­ge­ben, hat­te viel Spaß bei mei­nen Pro­jek­ten und wur­de ent­spre­chend an­er­kannt. Ich ha­be kei­ne Kin­der und mich voll auf mei­nen Be­ruf kon­zen­triert.

Al­so auch vie­le Über­stun­den ge­scho­ben?

Es ist kein Ge­heim­nis, dass es in Agen­tu­ren Über­stun­den gibt, und wenn man selbst­stän­dig ist, so­wie­so. Das hängt we­ni­ger vom Un­ter­neh­men ab als vom Pro­jekt und der Per­sön­lich­keit. Da­mals hat mich das nicht ge­stört. Wäh­rend mei­nes Stu­di­ums wa­ren 16-St­un­den-ta­ge ganz nor­mal, in den an­stren­gends­ten Pha­sen ha­be ich nicht mehr als vier bis sechs St­un­den ge­schla­fen. Die ge­re­gel­ten Ar­beits­zei­ten und Ur­laubs­ta­ge in der Agen­tur wa­ren für mich Ent­span­nung!

Trotz­dem hast du nach sechs Jah­ren ein Sab­ba­ti­cal ge­macht.

An­fangs war mir gar nicht klar, dass ich rei­sen woll­te. Ich hat­te das Ge­fühl, mich im Kreis zu dre­hen, und war un­si­cher, wie es wei­ter­ge­hen soll­te. Zu dem Zeit­punkt hat­te ich seit mei­nem 16. Le­bens­jahr non­stop ge­ar­bei­tet und nie wirk­lich Zeit zum In­ne­hal­ten und Nach­den­ken ge­habt. Es war Zeit, mei­ne Mus­ter zu durch­bre­chen. Das ha­be ich in der Agen­tur ganz of­fen an­ge­spro­chen, und man hat mir ein Sab­ba­ti­cal samt Spar­plan vor­ge­schla­gen.

Das Mo­dell exis­tier­te in der Agen­tur schon?

Es gab Kol­le­gen, die et­was Ähn­li­ches ge­macht hat­ten. So ent­stand mein Plan, zu rei­sen und mich ein­fach mal trei­ben zu las­sen. Zu dem Zeit­punkt hat­te ich gera­de mei­nen deut­schen Pass be­kom­men – das öff­net noch mal ganz an­de­re Tü­ren. Vie­le wis­sen gar nicht, welch ein Kom­fort es ist, an fast je­der Gren­ze ein­fach so durch­zu­kom­men.

Du warst knapp sie­ben Mo­na­te un­ter­wegs. Wo bist du ge­we­sen?

Me­xi­ko, Gua­te­ma­la, Pe­ru, Bo­li­vi­en, Chi­le, Pa­ta­go­ni­en, Ar­gen­ti­ni­en, Aus­tra­li­en, Kam­bo­dscha, Ja­pan, In­di­en, Ar­me­ni­en. Ins­ge­samt ha­be ich knapp 75 000 Ki­lo­me­ter ab­ge­ris­sen. Ge­mes­sen am Äqua­tor (40 075 Ki­lo­me­ter) bin ich fast zwei Mal um die Welt ge­reist!

Was hat die­se Rei­se mit dir ge­macht?

Mir ist klar ge­wor­den, welch ein schö­nes und pri­vi­le­gier­tes Le­ben ich füh­re. Es gibt ei­nem sehr viel Kraft, sich das be­wusst zu ma­chen. In un­se­rem all­täg­li­chen, gut sor­tier­ten Le­ben be­fin­den sich vie­le In­stink­te im Schlaf­mo­dus. So­bald du weit weg bist von zu Hau­se und dich mit an­de­ren The­men be­schäf­tigst, wer­den sie ak­ti­viert und du fühlst dich le­ben­di­ger. Du denkst an­ders über Geld, über Zeit, über Be­zie­hun­gen, und du or­ga­ni­sierst dich an­ders, gehst an­ders mit dei­ner Ener­gie um und musst Ent­schei­dun­gen tref­fen, von de­nen du den Aus­gang nicht kennst. Du musst dich oft auf dei­nen In­stinkt ver­las­sen.

Bist du auch an dei­ne Gren­zen ge­sto­ßen?

Mit­ten auf der Rei­se wur­de mein Porte­mon­naie ge­stoh­len und ich hat­te ei­ne Zeit lang kei­ner­lei Zu­gang zu mei­nem Geld. Das hat sich im ers­ten Mo­ment ziem­lich schei­ße an­ge­fühlt. Aber so et­was ak­ti­viert die Über­le­bens­in­stink­te, man reißt sich zu­sam­men, sor­tiert sich neu – und reist trotz­dem noch 45 000 Ki­lo­me­ter wei­ter. Und wenn du ein­mal 40 000 Ki­lo­me­ter von zu Hau­se ent­fernt ei­ne Lö­sung ge­fun­den hast, kannst du es über­all. Wir hal­ten Exis­tenz­ängs­te für nor­mal, aber man kann auch oh­ne sie le­ben – und das fühlt sich ziem­lich gut an!

Konn­test du die­ses Ge­fühl mit zu­rück nach Deutsch­land neh­men?

Ich glau­be, es ist ei­ne nach­hal­ti­ge Ve­rän­de­rung. Nach ei­ner so lan­gen Zeit des stän­di­gen Wech­sels von Or­ten und Pro­zes­sen wird man ein­fach ent­spann­ter und weiß, dass schon al­les klap­pen wird. Das ist kei­ne Un­ver­nunft, son­dern Ge­las­sen­heit.

Was fiel dir bei dei­ner Rück­kehr be­son­ders schwer?

In den ers­ten zwei Wo­chen in Frank­furt fühl­te sich al­les un­end­lich lang­sam an. Als ob man vom Zei­t­raf­fer- in den Zeit­lu­pen­mo­dus über­geht. Es hat­te sich nichts ver­än­dert – als wä­re ich gera­de mal drei Ta­ge weg ge­we­sen! Der Wie­der­ein­stieg ins Be­rufs­le­ben war ex­trem schwie­rig. Ich hat­te sie­ben Mo­na­te oh­ne Wo­chen­ta­ge ge­lebt. Haupt­sa­che, ich wuss­te, wann ich am nächs­ten Flug­ha­fen sein muss. Zu­rück in Frank­furt, bin ich oft in Pa­nik auf­ge­wacht und wuss­te nicht, wel­cher Wo­chen­tag ist und ob ich ver­schla­fen ha­be. Au­ßer­dem ha­be ich fest­ge­stellt, dass mei­ne Krea­ti­vi­tät und Ef­fi­zi­enz kei­nem Ach­tSt­un­den-takt fol­gen. Aber als Festan­ge­stell­te hat man nun mal nicht die Mög­lich­keit, wäh­rend der Ar­beits­zeit et­was an­de­res zu ma­chen. Mir war zwar im­mer be­wusst, dass ich in mei­nem Be­rufs­all­tag zu­rück­keh­ren wür­de – und ich woll­te es auch so. Aber dann hat es sich ein­fach nur falsch an­ge­fühlt.

Das musst du vor­her zu­min­dest ge­ahnt ha­ben?

Na­tür­lich. Schließ­lich ha­be ich ein hal­bes Jahr lang aus­schließ­lich ge­macht, was ich woll­te. Ich bin auf­ge­wacht und das ein­zi­ge Brie­fing war: Was ma­che ich heu­te Tol­les? Im All­tag fra­gen wir statt­des­sen: Was muss ich heu­te ma­chen? Mails be­ant­wor­ten, De­ad­lines ein­hal­ten, Sa­chen von der Wä­sche­rei ab­ho­len und so wei­ter. Der Tag be­steht nur aus Müs­sen. Die­ses Pflicht­be­wusst­sein ist uns an­er­zo­gen – mir mit mei­nem ar­me­ni­schen Hin­ter­grund ganz be­son­ders. Wä­re es nicht viel bes­ser, nur noch das zu tun, was wir lie­ben und tun wol­len? Das mag sich un­rea­lis­tisch an­hö­ren, aber ge­nau das ist mein Ziel.

Klingt gut. Wie willst du das ma­chen?

In Men­do­za, al­so in Ar­gen­ti­ni­en, hät­te ich fast auf ei­nem Wein­gut bei ei­ner Kö­chin ei­ne Aus­bil­dung ge­macht. Mir ist dann aber klar ge­wor­den, dass ich mei­nen Be­ruf lie­be. Ich mach­te zwar ei­ne Pause, aber ich lief nicht da­vor weg. In­so­fern gibt es für mich kei­nen Grund, et­was kom­plett an­de­res zu ma­chen – ich muss mich nur an­ders sor­tie­ren. Zu­rück bei Sy­zy­gy, hat­te ich ein ech­tes Pro­blem da­mit, an ei­nen Ort ge­bun­den zu sein – sei es das Bü­ro, Frank­furt

»Wir hal­ten Exis­tenz­ängs­te für nor­mal, aber man kann auch oh­ne sie le­ben – und das fühlt sich ziem­lich gut an!«

oder auch Deutsch­land. Mir wur­de klar: Das Pro­blem ist nicht das Bü­ro, son­dern mein no­ma­di­scher Kern. Des­halb ist mein Plan, ei­ne nicht ortge­bun­de­ne Exis­tenz auf­zu­bau­en. Mein Be­ruf ist uni­ver­sell, ich kann von über­all ar­bei­ten, oh­ne mich zer­ti­fi­zie­ren las­sen zu müs­sen. Ich brau­che nicht mehr als ein Han­dy und ei­nen Lap­top. Und das pro­bie­re ich jetzt ein­fach mal aus.

Al­so hast du bei Sy­zy­gy ge­kün­digt?

Mein Kopf sag­te zwar, ich soll blei­ben, weil ich ei­ne gu­te Kar­rie­re vor mir hat­te – aber mein Herz sag­te mir, ich ge­hö­re wo­an­ders­hin. Ich ha­be bald nach mei­ner Rück­kehr ein of­fe­nes Ge­spräch mit mei­nen Vor­ge­setz­ten ge­führt und ge­sagt, dass es mir leid­tue, ich aber nicht blei­ben kön­ne. Das ha­ben sie ver­stan­den und kurz­fris­tig ei­ne Lö­sung ge­fun­den. Da­für bin ich sehr dank­bar. Vie­le Leu­te ha­ben mich ge­fragt, war­um ich Sy­zy­gy ver­las­sen ha­be. Aber so wür­de ich das gar nicht sa­gen. Es war ei­ne per­sön­li­che Ent­schei­dung für ein an­de­res Le­bens­mo­dell – nicht ge­gen die Agen­tur.

Wie ging es dann wei­ter?

Nach­dem ich mei­ne Kün­di­gung emo­tio­nal ver­ar­bei­tet hat­te – Sy­zy­gy war für mich schon ein Stück weit Fa­mi­lie –, ha­be ich spon­tan ei­nen Be­kann­ten an­ge­ru­fen und sag­te ihm, dass ich die neue Krea­tiv­di­rek­to­rin sei­nes Start-ups bin. Der war ganz schön baff. Wir hat­ten zwar im­mer spo­ra­disch Kon­takt – auch wäh­rend mei­ner Rei­se –, aber da­mit hat er nicht ge­rech­net.

Und das war ganz spon­tan?

To­tal! Ich bin ein­fach der Fra­ge ge­folgt, was ich ma­chen möch­te. Die letz­ten sechs Jah­re ha­be ich mit Branding und Mar­ken­kom­mu­ni­ka­ti­on ver­bracht – al­so da­für ge­sorgt, dass fer­ti­ge Pro­duk­te an den Mann ge­bracht wer­den. In die­sem Bu­si­ness ar­bei­tet man un­ter wahn­sin­ni­gem Druck an Pro­jek­ten, in­ves­tiert viel Ener­gie und Zeit. Dann läuft die Kam­pa­gne sechs Wo­chen und ist da­nach ver­schwun­den. Ich woll­te an et­was teil­ha­ben, das dau­er­haft ist, an dem man län­ger und kon­stan­ter ar­bei­tet und es im­mer wei­ter­ent­wi­ckelt. Da fiel mir Cap­su­le.fm ein (sie­he Kas­ten auf Sei­te 102). Ich ken­ne den Grün­der Espen Sy­stad pri­vat, ha­be die Ent­wick­lung der App vom ers­ten Be­ta­test an als Nut­ze­rin ver­folgt und schon ei­ni­ge Ide­en und An­re­gun­gen mit den De­ve­l­opern ge­teilt. Jetzt woll­te ich tie­fer ein­stei­gen und die Grün­der bei der Wei­ter­ent­wick­lung un­ter­stüt­zen.

Wie sieht die Ar­beit bei Cap­su­le.fm ge­nau aus?

Das Start-up ist na­tür­lich viel klei­ner und spar­ta­ni­scher als ei­ne so gro­ße Agen­tur wie Sy­zy­gy. Wir sind ein klei­ner Kreis oh­ne Hier­ar­chi­en und in St­ein ge­mei­ßel­te Ab­läu­fe. Ab­stim­mun­gen wer­den auch mal mit­ten in der Nacht über Sky­pe ge­trof­fen. Wir er­fül­len fast al­le Start-up-kli­schees – bis hin zum Ar­bei­ten in Ca­fés in Ber­lin (wo das rest­li­che Team sitzt) oder das kon­ti­nu­ier­li­che Brain­stor­men. Man hört nicht auf zu ar­bei­ten, nur weil man kei­ne St­un­den in ein Sys­tem ein­gibt. In den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten ha­ben wir die Web­site re­launcht, ei­nen Tv-spot pro­du­ziert und über 30 000 User da­zu­ge­won­nen. Wir wa­ren ei­ne Zeit lang die zweit­be­lieb­tes­te App in App­les App Sto­re! Vie­les ha­ben wir schon ge­schafft, ei­ni­ges steckt noch in der Pi­pe­line. Das Span­nen­de an der Pro­dukt­ent­wick­lung ist, dass man nie fer­tig ist – man kann es im­mer noch bes­ser ma­chen.

Wirst du für dei­ne Ar­beit be­zahlt?

Nein, wir kämp­fen gera­de zu­sam­men um die nächs­ten Fun­dings. Zum Glück kann ich mir die­sen Lu­xus im Mo­ment leis­ten. Je­der im Team in­ves­tiert et­was – bei mir sind es Wis­sen, Zeit und Ener­gie. Je­der Frei­be­ruf­ler kennt das: Man­che Pro­jek­te machst du für Geld, an­de­re für die See­le. Die Rei­se hat mich ge­lehrt, wie wich­tig es ist, auch mal un­lo­gi­sche Ent­schei­dun­gen zu tref­fen und et­was zu ris­kie­ren. In Deutsch­land sind wir al­ler­dings sehr auf Si­cher­heit be­dacht. Wir wol­len ein mo­nat­li­ches Ein­kom­men, das die Fix­kos­ten deckt, und schlie­ßen zu­dem Un­men­gen Ver­si­che­run­gen ab. Ich ha­be auf mei­ner Rei­se sehr vie­le un­ter­schied­li­che Exis­tenz­mo­del­le ge­se­hen und die­ses Si­cher­heits­be­dürf­nis in­zwi­schen ab­ge­legt. Heu­te kann ich su­per schla­fen, oh­ne

»Ich tren­ne mein Pri­vat­le­ben und mei­nen Be­ruf nicht von­ein­an­der. So­bald ich mich von mei­nem Job dis­tan­zie­re, be­deu­tet das für mich ver­lo­re­ne Le­bens­zeit«

mir Ge­dan­ken über ei­ne Be­rufs­un­fä­hig­keits­ver­si­che­rung zu ma­chen.

Vor­her war das an­ders?

Nach mei­nem Stu­di­um war ich sehr auf Sta­bi­li­tät aus­ge­rich­tet: Ich woll­te ei­ne fes­te Ar­beit, be­zahl­ten Ur­laub und ei­ne Kran­ken­ver­si­che­rung. Ich sa­ge nicht, dass das falsch ist. Aber es ist ei­ne in­di­vi­du­el­le Ent­schei­dung, wie viel Si­cher­heit man braucht, um glück­lich zu sein. Ich ha­be jetzt die Frei­heit zu wäh­len, wie und un­ter wel­chen Um­stän­den ich le­ben und ar­bei­ten möch­te. Na­tür­lich kann das schief­ge­hen – aber das neh­me ich in Kauf.

Wie geht es jetzt bei dir wei­ter?

Das Ein­zi­ge, was ich wirk­lich pla­ne, sind mei­ne nächs­ten Rei­sen. Die Jobs wer­den schon kom­men und mit ih­nen das Geld. Das mag über­heb­lich klin­gen, aber es stimmt! Na­tür­lich ist das nicht für je­den ge­eig­net. Man­che füh­len sich in fes­ten Struk­tu­ren woh­ler und kön­nen dort ih­re bes­te Ar­beit ma­chen. Für mich ist Im­pro­vi­sa­ti­on und ein ge­wis­ses Le­bens­künst­ler­tum der rich­ti­ge Weg. Mein Mot­to: »Think big. Then big­ger. Now you got a plan, work hard on it!« Im Grun­de ist das Selbst­stän­di­gen­da­sein für mich ei­ne Rück­kehr zu mei­nen Wur­zeln. Ich ha­be da­zwi­schen nur ei­ne sechs­jäh­ri­ge Pause als Festan­ge­stell­te ge­macht.

Und wo­hin geht’s als Nächs­tes?

Ich wer­de ein, zwei Mo­na­te in Viet­nam ver­brin­gen und tes­ten, ob mei­ne Vor­stel­lung des di­gi­ta­len No­ma­den­tums funk­tio­niert – und wenn nicht, war­um. An wel­chen Stell­schrau­ben muss ich dre­hen, da­mit es klappt? Ich ha­be be­wusst nach ei­nem Land mit gu­ter In­ter­net ver­bin­dung und Co­wor­king Spaces ge­sucht. Es geht mir nicht ums bil­li­ge Back­packing – aus dem Al­ter bin ich raus. Statt­des­sen muss ich je­der­zeit in der La­ge sein, mei­nen Lap­top an­zu­do­cken und zu ar­bei­ten. Wenn man Glück hat, braucht es nicht mehr als zwei bis drei Auf­trag­ge­ber, um gut über die Run­den zu kom­men. Und selbst der ödes­te Auf­trag der Welt macht ei­nem über­haupt nichts aus, wenn man ihn an ei­nem der schöns­ten Or­te der Welt be­ar­bei­tet. In Viet­nam ist im Win­ter üb­ri­gens tol­les Wet­ter.

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Wie sieht der Ablauf aus, wenn ihr in ein neu­es Pro­jekt star­tet?

Orthen: In ers­ten Work­shops mit dem Kun­den ver­su­chen wir her­aus­zu­fin­den, was die Vi­si­on und Mis­si­on hin­ter dem Pro­jekt ist. Wir über­le­gen uns ers­te Fea­tu­res und ei­ne In­for­ma­ti­ons­ar­chi­tek­tur. Wenn der Kun­de sein Go gibt, schrei­ben wir User Sto­rys, über­le­gen uns ei­nen Flow und stei­gen ins Pro­to­typ­ing ein. Be­son­ders in die­ser Pha­se ist es wich­tig, sich in den Nut­zer hin­ein­zu­ver­set­zen. Im All­tag pro­bie­re ich viel aus, baue Wi­re­frames, pin­ne Kon­zep­te an die Wand und ge­he sie Schritt für Schritt durch. So­bald das Grob­kon­zept steht, geht es in die De­sign­pha­se. In ihr de­fi­nie­ren wir je­de Funk­ti­on – vom Start­screen über Feh­ler­mel­dun­gen bis hin zum La­de­ver­hal­ten. Wir fra­gen uns: Was sieht der Nut­zer, wenn er die App öff­net? Gibt es ei­ne Ani­ma­ti­on? Was pas­siert im Hin­ter­grund? All die­se Din­ge, die der Nut­zer nicht be­wusst wahr­nimmt be­zie­hungs­wei­se gar nicht wahr­neh­men soll, wer­den hier durch­dacht und de­fi­niert. Par­al­lel da­zu be­gin­nen die Ent­wick­ler mit der Um­set­zung, um in ite­ra­ti­ven Schlei­fen das De­sign an­zu­pas­sen.

Wie wich­tig ist Pro­to­typ­ing bei eu­rer Ar­beit?

Mül­ler: Ex­trem wich­tig. Wir set­zen Pro­to­typ­ing so früh wie mög­lich ein, um un­se­re Ent­wür­fe zu tes­ten und dem Kun­den ei­ne Vor­stel­lung da­von zu ver­mit­teln, wie sich ei­ne App spä­ter ver­hal­ten wird. Mit Tools wie In­vi­si­on, Fl­in­to und Mar­vel las­sen sich schnell Klick­dum­mys bau­en, die man auf dem Smart­pho­ne tes­ten kann. Da­bei han­delt es sich qua­si um ei­ne Ver­knüp­fung von Bild­schir­men und An­sich­ten. So über­zeugt man Kun­den viel bes­ser von ei­nem Kon­zept als mit zig Po­wer­point-sli­des. Die Pro­to­typ­ing-soft­ware Fra­mer geht schließ­lich mehr ins De­tail. Hier­mit las­sen sich sehr gut kom­ple­xe und in­di­vi­du­el­le Ani­ma­tio­nen si­mu­lie­ren. Orthen: Schon in der Ide­en­fin­dungs­pha­se set­zen wir Pro­to­ty­pen ein, um un­ser Kon­zept in klei­ner Run­de zu tes­ten. Oft tau­chen be­reits Un­ge­reimt­hei­ten auf, wenn man nur zehn Leu­te be­fragt, und man kann das Kon­zept so­fort ver­bes­sern. Be­vor die Ent­wick­lung star­tet und ein Re­lease ver­öf­fent­licht wird, ma­chen wir zu­sätz­lich pro­fes­sio­nel­le User­tests.

Co­dest du auch selbst?

Orthen: Wenn ich ei­nen sehr kom­ple­xen Pro­to­typ baue, ha­be ich schon mal mit HTML und CSS zu tun. Ei­ni­ge Interaction De­si­gner fan­gen dann an zu coden, um die Mach­bar­keit zu tes­ten. Das ler­ne ich gera­de. Ich ver­su­che aber grund­sätz­lich zu wis­sen, was tech­nisch mög­lich ist, wie es funk­tio­niert und wie auf­wen­dig es ist. So kom­me ich über­haupt nicht erst in die Ver­le­gen­heit, et­was vor­zu­schla­gen, das gar nicht geht. Manch­mal ist es an­de­rer­seits auch gut, wenn man die­ses Wis­sen igno­riert und trotz­dem fragt. So kön­nen sich ganz neue Ide­en oder Mög­lich­kei­ten er­ge­ben. Mei­ne all­täg­li­chen Pro­gram­me ne­ben den Pro­to­typ­ing-tools sind Pho­to­shop, Il­lus­tra­tor und Sketch.

Wie be­rei­tet ihr die Work­shops mit den Kun­den auf?

Mül­ler: Wir ho­len zu­erst die Er­war­tungs­hal­tung vom Kun­den ein, um den Work­shop in­di­vi­du­ell auf sei­ne Be­dürf­nis­se zu­zu­schnei­den. Die Vor­be­rei­tung ma­chen wir ge­mein­sam, die Prä­sen­ta­ti­on über­neh­me meis­tens ich. Uns ist ex­trem wich­tig, dass die Interaction De­si­gner hier mit am Tisch sit­zen. So sieht der Kun­de, wer da­hin­ter steckt, und die Krea­ti­ven kön­nen ih­re ei­ge­nen Ide­en vor­stel­len und mit dem Kun­den dis­ku­tie­ren. Wir ge­hen im­mer in ei­nen of­fe­nen Dia­log mit den Kun­den. Nur so fin­det man am En­de zu selbst­er­klä­ren­den, in­tui­ti­ven Lö­sun­gen, die be­geis­tern und Spaß ma­chen.

Of­fen­heit und Kri­tik­fä­hig­keit sind al­so wich­ti­ge Ei­gen­schaf­ten für ei­nen Interaction De­si­gner?

Orthen: Ja ge­nau. Aber das lernt man ver­gleichs­wei­se schnell. Es gibt nie die ei­ne Idee, son­dern im­mer ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten. Durch Tech­ni­ken wie A/b-tes­ting, Um­fra­gen, Scribbles, Flow­charts und Pro­to­typ­ing lässt sich die mög­lichst bes­te Lö­sung für ein Pro­blem fin­den. Mül­ler: Gu­te Interaction De­si­gner brin­gen ei­ne be­stimm­te Mi­schung mit: Er­fah­rung und Ge­schmack auf der ei­nen Sei­te – Of­fen­heit, Zu­hö­ren und Sich­selbst-in­fra­ge-stel­len auf der an­de­ren. Bei der Ent­wick­lung von di­gi­ta­len Ser­vices geht es dar­um, den Men­schen das Le­ben leich­ter zu ma­chen. Es braucht ei­nen be­stimm­ten Cha­rak­ter, um sich für so et­was zu mo­ti­vie­ren. Der Wer­ber, der sich über gro­ße Vi­ralHits und prä­mier­te Kam­pa­gnen de­fi­niert, ist hier fehl am Platz.

Muss ein Interaction De­si­gner vorm Kun­den prä­sen­tie­ren und sei­ne Ide­en ver­kau­fen kön­nen?

Mül­ler: Es scha­det nicht, wenn man das mit­bringt, aber es ist kein Must-ha­ve. Häu­fig kris­tal­li­siert sich in­ner­halb ei­nes Teams erst her­aus, wer wel­che Stär­ken hat und ent­spre­chen­de Auf­ga­ben über­nimmt. Interaction De­si­gner ver­ei­nen Kon­zep­ti­on, De­sign und ei­nen Teil der Ent­wick­lung in ei­ner Per­son. Wenn sie dann auch noch gu­te Ver­käu­fer, Te­am­play­er und Ma­na­ger sein müs­sen, sucht man nach der ei­er­le­gen­den Woll­milch­sau.

Wo und wie lasst ihr euch in­spi­rie­ren?

Orthen: Ich gu­cke je­den Mor­gen, was es Neu­es gibt und was an­de­re so ma­chen, bei­spiels­wei­se bei

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