Zu Be­such bei Sing Sing in L. A.

Wir ha­ben das ka­li­for­ni­sche Stu­dio Sing Sing be­sucht, in dem Kunst und Gestal­tung ei­ne um­wer­fen­de Li­ai­son ein­ge­hen

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In den Ar­bei­ten des De­sign- und Ani­ma­ti­ons­stu­di­os ge­hen Kunst und Gestal­tung, Hand­ar­beit und di­gi­ta­le Tech­nik ei­ne um­wer­fen­de Li­ai­son ein

● So far­ben­froh und wun­der­bar ei­gen wie je­ne Wel­ten, die Sing Sing aus Los An­ge­les ent­wirft, ist auch der Weg in ih­re ei­ge­ne Welt. Er führt durch gro­ße bun­te Tor­bö­gen, vor­bei an leuch­tend tür­kis­far­be­nen Fas­sa­den und ist von Lö­wen und Dra­chen ge­säumt, wäh­rend über ei­nem ro­te Lam­pi­ons schau­keln. Mit­ten in Chi­na­town, zwi­schen Sou­ve­nir­lä­den, Ga­le­ri­en und di­rekt ne­ben der Black Dra­gon Kung Fu So­cie­ty re­si­diert das Stu­dio – im ehe­ma­li­gen »Arts & Gifts«-shop The Hap­py Li­on.

Die Tür ist an die­sem hei­ßen Früh­lings­tag weit ge­öff­net, so steht man di­rekt im Ate­lier, in dem in­mit­ten der boo­men­den Di­gi­tal-me­tro­po­le Ar­bei­ten aus Holz und Pa­pier ent­ste­hen, wo ge­bas­telt und mit Stoppt­rick han­tiert wird, Far­ben auf gro­ßen Glas­schei­ben in Zeit­lu­pe in­ein­an­der­flie­ßen, kun­ter­bun­te Holz­säu­len sich dre­hen, in dem To­ast so lan­ge in die Luft fliegt, bis er da­bei die per­fek­te Fi­gur macht, und Adi­let­ten bei ei­nem Fo­to­shoo­ting auf ech­tem Sa­lat ser­viert wer­den. Ge­zau­bert wird das al­les von der Set­de­si­gne­rin Adi Good­rich und Re­gis­seur Se­an Peck­nold, die schon zu den Grö­ßen ih­rer Branche ge­hör­ten, als sie sich 2014 auf ei­nem Wer­be­film­dreh für So­ny ken­nen­lern­ten, und die seit­her zu­sam­men ar­bei­ten, le­ben und in krea­ti­ve Hö­hen ab­he­ben.

Von Mu­sik­clips und Mid-cen­tu­ry-kunst

Als Ju­ror der ADC Young Guns kann­te Se­an Peck­nold be­reits die knall­bun­ten Ar­bei­ten von Adi Good­rich, »doch dass sie so süß ist, wuss­te ich da noch nicht«, lacht er. Dass sie heu­te zu­sam­men­ar­bei­ten, ist ganz or­ga­nisch ent­stan­den. Erst zog Adi Good­rich aus ih­rer Werk­statt, die sie sich mit ein paar Jungs teil­te, in das Ate­lier. »Als ich mei­nen Lap­top hier auf­ge­baut ha­be, rie­sel­te je­de Men­ge Sä­ge­mehl her­aus«, er­zählt sie.

Kurz dar­auf kam be­reits ihr ers­ter ge­mein­sa­mer Auf­trag – und ein sehr coo­ler da­zu: Sie soll­ten ein

»Na­tür­lich hät­te Adi im­mer das Girl mit den knall­bun­ten Sets blei­ben kön­nen und ich der Stop-mo­ti­on-guy. Aber mitt­ler­wei­le mö­gen wir es rich­tig, uns auf frem­des, un­be­que­mes Ge­biet zu be­ge­ben« Se­an Peck­nold, Re­gis­seur und Grün­der des Stu­di­os für Ani­ma­ti­on, Fo­to­gra­fie und De­sign Sing Sing, Los An­ge­les www.sing-sing.co

Mu­sik­vi­deo für Ni­co­las Go­din von Air dre­hen. Ge­mein­sam lie­ßen sie für des­sen Song »Or­ca« bun­te Punk­te hüp­fen und Li­ni­en vi­brie­ren, be­mal­ten Zim­mer­ecken mit geo­me­tri­schen For­men und lie­ßen flie­der­far­be­ne Do­mi­no­stei­ne vor alt­ro­sa­far­be­nem Hin­ter­grund zu­sam­men­klap­pen. Es ist kein Zu­fall, dass man da­bei an die Farb­ex­pe­ri­men­te von So­nia De­lau­nay denkt oder an Was­si­ly Kand­ins­kys Kon­struk­ti­vis­mus. Die Kunst hat ei­nen gro­ßen Ein­fluss auf ih­re Ar­bei­ten. »Ich bin be­ses­sen von Künst­ler­bio­gra­fi­en«, sagt Adi Good­rich, »und auch wenn vie­le mei­ner Ido­le aus dem letz­ten Jahr­hun­dert stam­men, ent­de­cke ich bei ih­nen die­sel­be Ener­gie und die­sel­ben Ge­füh­le, die uns um­trei­ben.«

Jo­sef Al­bers, Paul Klee, Lász­ló Mo­h­oly-na­gy, aber auch die De­si­gner Charles und Ray Ea­mes und der Pup­pen­spie­ler Jim Hen­son ge­hö­ren zu ih­ren Hel­den. So­wie die Künst­ler, die sich nach 1933 im Black Moun­tain Col­le­ge in North Ca­ro­li­na zu­sam­men­fan­den und die Kunst des 20. Jahr­hun­derts präg­ten. Wal­ter Gro­pi­us, das Ehe­paar Al­bers und auch John Ca­ge, Mer­ce Cun­ningham und Ro­bert Rau­schen­berg. Es ist das ge­mein­sa­me Krea­tiv­sein, das die bei­den so in­spi­riert, die Ar­beit mit den Hän­den und dass ne­ben dem Ge­stal­ten die Bil­dung, das Schrei­ben und die Li­te­ra­tur so wich­tig ge­nom­men wur­den. Sie ver­su­chen, dies eben­falls in ih­ren All­tag zu in­te­grie­ren. Statt mor­gens auf dem Han­dy her­um­zu­wi­schen oder Mails zu tip­pen, le­sen sie Es­says und Künst­ler­bio­gra­fi­en zum Kaf­fee oder blät­tern in Ka­ta­lo­gen. »Auch wenn die Zeit manch­mal nur für fünf Sei­ten reicht, macht es ei­nen Un­ter­schied für uns, den Tag so zu be­gin­nen«, sagt Se­an Peck­nold. Es er­det sie krea­tiv.

Am liebs­ten in Hand­ar­beit

Genau­so wich­tig wie die künst­le­ri­schen Ide­en ist ih­nen das Hand­werk. Adi Good­rich ist in der Werk­statt ih­res Va­ters, der denk­mal­ge­schütz­te Häu­ser re­stau­riert, qua­si auf­ge­wach­sen: »Dort war es sehr kör­per­lich, sehr pro­le­ta­risch, und vor al­lem wur­de mit den Hän­den ge­ar­bei­tet. Da­bei ent­steht ei­ne ganz an­de­re Ver­bin­dung mit dem ei­ge­nen Tun.« Und ge­nau dies möch­te sie in die Welt der Wer­bung ein­brin­gen, die ihr oft viel zu cle­an ist. Se­an Peck­nold hin­ge­gen hat jah­re­lang Stoppt­rick­fil­me ge­dreht und kann bis heu­te wo­chen­lang in die­se Wel­ten ab­tau­chen, in de­nen man mit un­ge­heu­rer Ge­duld Fi­gu­ren nur zen­ti­me­ter­wei­se be­wegt und ab­filmt.

»Wirk­lich toll ist, dass wir uns ge­gen­sei­tig im­mer wie­der pus­hen, Neues aus­zu­pro­bie­ren. Es ist fast so, als woll­ten wir uns selbst be­ein­dru­cken«, sagt Se­an Peck­nold. »Na­tür­lich hät­te Adi im­mer das Girl mit den knall­bun­ten Sets blei­ben kön­nen und ich der Stop-mo­ti­on- Guy. Aber in­zwi­schen mö­gen wir es rich­tig, uns auf frem­des und un­be­que­mes Ge­biet zu be­ge­ben.« Wie in den bei­den Vi­de­os, die sie ge­ra­de für die Band Fleet Fo­xes ge­dreht ha­ben. Zum Song »Third of May« setz­te Adi Good­rich Far­ben auf ei­ner Glas­schei­be in Be­we­gung und ließ sie in­ein­an­der­flie­ßen, wäh­rend Se­an Peck­nold das Gan­ze von un­ten be­leuch­te­te und film­te. Noch ei­nen Schritt wei­ter gin­gen sie in dem brand­neu­en Clip zum Fleet-fo­xes-song »Fool’s Er­rand«.

Vi­deo­dreh am Kliff

Statt et­was zu bas­teln oder zu ani­mie­ren, en­ga­gier­te Sing Sing zwölf Tän­ze­rin­nen, die hoch an der ka­li­for­ni­schen Küs­te die Schön­heit der Far­ben und die Kunst der Be­we­gung ze­le­brie­ren. Und das in raf­fi­nier­ten Klei­dern, die aus den Fun­dus der Film­stu­di­os in Hol­ly­wood stam­men. »Wir wa­ren vor­her noch nie dort, aber man kann wirk­lich al­les lei­hen, Flug­zeu­ge in­klu­si­ve. Das gibt es nur in L. A.«, sagt Se­an Peck­nold. Und wäh­rend die Tän­ze­rin­nen

»Die Hand­ar­beit ist für uns wie ein Fil­ter, durch den un­se­re Ent­wür­fe ge­hen, be­vor sie dann ir­gend­wann im Com­pu­ter lan­den« Adi Good­rich, Set­de­si­gne­rin und Grün­de­rin des De­sign­stu­di­os Sing Sing, Los An­ge­les www.sing-sing.co

»Not a Knot«, kein Kno­ten, hat Adi Good­rich ih­re Fo­to­se­rie über die »Kom­ple­xi­tät der mensch­li­chen Exis­tenz« ge­nannt. Ent­stan­den ist die­se mit Gum­mi­schläu­chen, die sie be­mal­te

Für das ak­tu­el­le Vi­deo zu dem Song »Fool’s Er­rand« der Fleet Fo­xes hat Sing Sing hoch an der ka­li­for­ni­schen Küs­te ei­ne Grup­pe Tän­ze‑ rin­nen in Ko­s­tü­men, die aus Hol­ly­woodtu­di­os stam‑ men, am Kliff tan­zen las­sen

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