Ty­pewri­ter-font Ai­dos

So char­mant Ty­pewri­ter-fonts auch sind, in der An­wen­dung er­wei­sen sie sich oft als et­was schwie­rig. Mit der Ai­dos ge­stal­te­te Alex­an­der Rüt­ten jetzt ei­ne Va­ri­an­te, die platz­spa­ren­der und har­mo­ni­scher auf­tritt als Cou­rier und Co

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Wie Alex­an­der Rüt­ten sei­ne »se­mi­pro­por­tio­na­le« Schreib­ma­schi­nen­schrift ge­stal­te­te

Mit zu­neh­men­der Strich­stär­ke wer­den die drei­ecki­gen Se­ri­fen im­mer stei­ler und auf­fäl­li­ger

Pro­jekt: Gestal­tung der Schrift­fa­mi­lie Ai­dos De­si­gner: Alex­an­der Rüt­ten, Mit­be­grün­der der Ty­pe Found­ry Li­ga­tu­re Inc. und des De­sign­stu­di­os Form­sport in Ber­lin ↗ http://form­sport.de Tools: Blei­stift, Pa­pier, Tu­sche, Tipp-ex, Font­lab Stu­dio, Font Re­mix Tools Zei­t­raum: Ok­to­ber 2016 bis Mai 2017 ● Wohl nie­mand wünscht sich ernst­haft die Schreib­ma­schi­nen zu­rück. An­ders ver­hält es sich mit Fonts im Stil al­ter Schreib­ma­schi­nen­schrif­ten. Rein tech­nisch gibt es heu­te kei­ne Not­wen­dig­keit mehr für Ty­pen mit fes­ter Zei­chen­brei­te – höchs­tens fürs Co­ding oder für Ta­bel­len. Trotz­dem er­freu­en sich die­se sym­pa­thi­schen Ty­pen, die an Farb­bän­der und Tipp-ex er­in­nern, gro­ßer Be­liebt­heit, im­mer wie­der sieht man sie in den ver­schie­dens­ten De­sign­pro- jek­ten. Da­bei ver­hal­ten sie sich in der An­wen­dung im Wort­sin­ne et­was sper­rig, denn durch die fes­te Buch­sta­ben­brei­te ver­brau­chen sie un­ver­hält­nis­mä­ßig viel Platz. Auch lau­fen Tex­te im Ver­gleich zu pro­por­tio­na­len Schrif­ten sehr viel un­ru­hi­ger und fle­cki­ger – gera­de in kur­zen Pas­sa­gen bre­chen Schreib­ma­schi­nen­schrif­ten schnell aus­ein­an­der und sind recht schwer zu le­sen. Zu­dem wir­ken die Groß- im Ver­gleich zu den Klein­buch­sta­ben sehr schmal.

Die­se Er­fah­rung mach­te auch Alex­an­der Rüt­ten. Der Ty­pede­si­gner, Web­pro­gram­mie­rer und Mit­be­grün­der des De­si­gn­bü­ros Form­sport in Ber­lin ent­wi­ckel­te für das Ber­li­ner Ca­fé Ka­tie’s Blue Cat ei­nen On­li­ne­shop, in dem er ne­ben der DIN gern ei­ne Schrift mit Ty­pewri­ter-cha­rak­ter ein­set­zen woll­te. »Sie se­hen so freund­lich aus und un­ter­strei­chen das Hand­ge­mach­te der Back­wa­ren. Ihr rie­si­ger Platz­be­darf führt aber lei­der da­zu, dass et­wa ein kom­pak­ter But­ton zu groß und auch zu leicht wird und dass der Text in schma­len Bo­xen nach zwei, drei Wör­tern um­bricht. But­tons oder über­haupt Be­dien­ele­men­te müs­sen aber ei­nen ge­wis­sen Punch ha­ben.« Trotz­dem ent­schied er sich für die Cou­rier – mit vie­len An­pas­sun­gen und Kom­pro­mis­sen ans De­sign der Sei­te funk­tio­nier­te sie auch.

So rich­tig zu­frie­den war Alex­an­der Rüt­ten aber nicht. Er frag­te sich, wie sich das ele­gan­ter lö­sen lie­ße, und be­schloss, ei­ne Schrift zu ge­stal­ten, die zwar nost­al­gi­schen Charme ver­sprüht, aber trotz­dem so pro­por­tio­nal ist, dass man sie für heu­ti­ge An­wen­dun­gen ein­set­zen kann. Er­fah­rung im Ty­pede­sign hat­te er be­reits. Vor acht Jah­ren er­hielt er für sei­ne ers­te Schrift Gink­go ein Aus­zeich­nung beim Schrif­ten­wett­be­werb des TDC New York, 2011 die nächs­te für Suhmo. Im Ja­nu­ar 2017 grün­de­te er mit dem Schrift­ge­stal­ter Fe­lix Bra­den die Found­ry Li­ga­tu­re Inc, und als ge­mein­sa­mes Pro­jekt er­schien dort An­fang des Jah­res die Schrift­fa­mi­lie Tu­na (sie­he www.pa­ge-on­line.de/li­ga­tu­re-tu­na).

Buch­sta­ben nach Brei­te sor­tie­ren

Zu­nächst schau­te sich Alex­an­der Rüt­ten die Buch­sta­ben ver­schie­de­ner Pro­por­tio­nal­schrif­ten ganz ge­nau an und be­gann, sie in Grup­pen mit un­ter­schied­li­chen Brei­ten zu sor­tie­ren. So ord­ne­te er et­wa

l und i der­sel­ben Klas­se zu, m und w ei­ner an­de­ren. Wäh­rend in der Cou­rier al­le Zei­chen ei­ne Lauf­wei­te von 600 em ha­ben, soll­ten in sei­ner Schrift die brei­ten Buch­sta­ben et­was mehr als die­se 614 em be­kom­men, schma­le wie das i et­was we­ni­ger. Nach ei­ni­gem Hin und Her und viel Aus­pro­bie­ren hat­te der 43-Jäh­ri­ge vier Grup­pen fest­ge­legt – 400, 500, 600 und 700 em –, in die er 95 Pro­zent der Zei­chen ein­sor­tie­ren konn­te. Nur ei­ni­ge we­ni­ge tanz­ten aus der Rei­he, die Brü­che bei­spiels­wei­se ha­ben 800 em. Da­bei ach­te­te er sehr dar­auf, die Ba­lan­ce zwi­schen Pro­por­tio­na­li­tät und Ty­pewri­ter-cha­rak­ter zu hal­ten – bei ei­nem Ver­such mit sie­ben Grup­pen sah die Ai­dos plötz­lich über­haupt nicht mehr nach Schreib­ma­schi­ne aus.

Als Nächs­tes wid­me­te er sich dem Zeich­nen der ein­zel­nen Buch­sta­ben. »Das De­sign der Ai­dos ori­en­tiert sich von den Pro­por­tio­nen her sehr stark an klas­si­schen Schreib­ma­schi­nen­schrif­ten wie der Cou­rier«, meint Alex­an­der Rüt­ten. Die Ver­sal­hö­he, Ober- und Un­ter­län­ge sind fast iden­tisch; die x-hö­he leg­te er et­was ge­rin­ger an. »Die Ver­sal­hö­he ist re­la­tiv klein und ver­hin­dert, dass die Groß­buch­sta­ben im Ver­gleich zu den Klein­buch­sta­ben zu schmal wer­den«, er­klärt er. Au­ßer in den Pro­por­tio­nen zeigt sich die Ty­pewri­ter-äs­t­he­tik auch in den fast mo­no­li­nea­ren Buch­sta­ben so­wie in den Se­ri­fen. Wo­bei Alex­an­der Rüt­ten sich bei die­sen ganz schön weit vom ty­pi­schen Schreib­ma­schi­nen-look ent­fern­te.

Schar­fe Se­ri­fen, schwie­ri­ge Zah­len

Die Se­ri­fen ent­spre­chen nicht den für Ty­pewri­ter-fonts cha­rak­te­ris­ti­schen Slab-for­men, son­dern sind drei­eckig. »Die­se Idee stammt aus ei­nem an­de­ren Pro­jekt, ei­nem Lo­go, das ich nie rea­li­siert ha­be. Das Kon­zept ge­fiel mir aber nach wie vor, und so ha­be ich es in die Ai­dos ein­ge­baut«, er­zählt Alex­an­der Rüt­ten. Mit zu­neh­men­der Strich­stär­ke ge­win­nen die Se­ri­fen an Dy­na­mik. In der Light und Ro­man wir­ken sie noch recht un­auf­fäl­lig, in der Me­di­um und Bold he­ben sie sich dank des stei­len Win­kels em­por. An­fangs wa­ren sie so­gar noch ex­tre­mer, sa­hen fast aus wie rus­si­sche Ra­ke­ten. Das war dem Ty­pede­si­gner dann aber doch too much, und er ging ei­nen Schritt zu­rück.

Acht Schnit­te hat die Ai­dos nun: Light, Nor­mal, Me­di­um und Bold plus die je­wei­li­gen Kur­si­ven. Da­mit kann man sie so­wohl für Fließ­tex­te als auch für He­ad­lines ein­set­zen – ob­wohl man sich gera­de für gro­ße, kur­ze Über­schrif­ten noch ei­ne Black-ver­si­on wün­schen wür­de. »Tat­säch­lich sind die Ge­wich­te recht zart und könn­ten ex­tre­mer sein«, fin­det auch Alex­an­der Rüt­ten und kann sich durch­aus vor­stel­len, ei­ne Ai­dos Black zu zeich­nen.

Man soll­te mei­nen, dass im Tüf­teln an der Fra­ge, wie viel Pro­por­tio­na­li­tät die Schrift ha­ben darf, oh­ne ih­ren Ty­pewri­ter-cha­rak­ter zu ver­lie­ren, der Knack­punkt die­ses Pro­jekts be­stand. Irr­tum. Es wa­ren – ein­mal mehr – die Zah­len. Schon bei sei­nen an­de­ren Schrift­ent­wür­fen be­schlich Alex­an­der Rüt­ten bei ih­rer Gestal­tung das Ge­fühl, sie wä­ren noch nicht hun­dert­pro­zen­tig ge­lun­gen. »Ich fin­de Zif­fern schwie­rig. Gera­de in den klei­nen Grö­ßen, zum Bei­spiel in Brü­chen oder hoch­ge­stellt, ent­deck­te ich im­mer noch Stel­len, an de­nen die In­ter­po­la­ti­on nicht hin­ge­hau­en hat, wo sie zu

»Ich fin­de Zah­len schwie­rig. Gera­de wenn sie sehr klein sind, ent­deckt man im­mer noch Stel­len, an de­nen sie nicht per­fekt sind« Alex­an­der Rüt­ten, Ty­pede­si­gner und Web­pro­gram­mie­rer, Ber­lin

dick, nicht ganz aus­ge­wo­gen, eben nicht per­fekt wa­ren. Das al­les ma­nu­ell nach­zu­be­ar­bei­ten hat viel Zeit ge­kos­tet.«

Ty­po­gra­fi­sches Kalei­do­skop

Die Ai­dos-fa­mi­lie ist für die An­for­de­run­gen mo­der­ner Typografie gut ge­rüs­tet. Sie bie­tet gän­gi­ge Open­ty­pe-fea­tu­res und hat ei­nen gut aus­ge­bau­ten Zei­chen­satz mit 530 Gly­phen, der mit­tel- und west­eu­ro­päi­sche Spra­chen ge­nau­so un­ter­stützt wie ost­eu­ro­päi­sche. Dank ih­rer platz­spa­ren­den Pro­por­tio­nen und dem gleich­mä­ßi­gen Text­bild lässt sie sich nicht nur in Print, son­dern pro­blem­los auch für User In­ter­faces und re­s­pon­sive Web­sites nut­zen.

Ei­gent­lich soll­te die Schrift Kalei­dos hei­ßen, weil das kris­tall­ar­ti­ge Schrift­bild der ers­ten Ent­wür­fe Alex­an­der Rüt­ten an ein Kalei­do­skop er­in­ner­te. Aber der Na­me war schon ver­ge­ben. Und da die Na­mens­fin­dung für ihn eben­so her­aus­for­dernd war wie der Fein­schliff der Zah­len, blieb schließ­lich der Mit­tel­teil mit A statt E üb­rig. Alex­an­der Rüt­ten be­zeich­net sei­ne Schrift als se­mi­pro­por­tio­nal. Mag sein. Was sie auf je­den Fall nicht ist, das ist se­mi­op­ti­mal. Ihm ist ei­ne mo­der­ne und zu­gleich nost­al­gi­sche Schrift ge­lun­gen, die ganz oh­ne Tipp-ex aus­kommt. ant [1115] Ai­dos ist über My­fonts und Font­spring er­hält­lich. Für Desk­top und Web kos­tet die kom­plet­te Fa­mi­lie gut 300 Eu­ro.

»But­tons auf Web­sites müs­sen ei­nen ge­wis­sen Punch ha­ben. Der fehlt Ty­pewri­terSchrif­ten in der Re­gel« Alex­an­der Rüt­ten, Ty­pede­si­gner und Web­pro­gram­mie­rer, Ber­lin

Alex­an­der Rüt­ten ver­bin­det mit dem Cha­rak­ter der Ai­dos et­was Fein­me­cha­ni­sches. Er könn­te sie sich gut im Kon­text hoch­wer­ti­ger tech­ni­scher Pro­duk­te, aber auch im Li­fe­sty­le­be­reich oder in der Mo­de vor­stel­len

Im Zei­chen­satz fin­den sich ei­ni­ge Ele­men­te von Schrift­bil­dern al­ter Schreib­ma­schi­nen­mo­del­le. Die In­spi­ra­ti­on für das For­mat der Zah­len mit den Un­ter­schnei­dun­gen kommt von ei­nem sel­te­nen Mo­dell aus der Schweiz: Bu­tec 8000

Mit Ai­dos statt Cou­rier in den But­tons, Ein­ga­be­fel­dern und Bo­xen sieht die Web­site des Ca­fés Ka­tie’s Blue Cat gleich viel bes­ser aus

Ant­je Doh­mann er­in­nert sich noch an ih­re re­gel­mä­ßi­gen Wut­an­fäl­le im Stu­di­um, wenn die Ab­ga­be ei­ner Haus­ar­beit dräu­te und ent­we­der Tipp-ex oder Farb­band al­le wa­ren. Ty­pewri­terFonts mag sie aber trotz­dem sehr.

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