Rat­ge­ber: Ka­schie­ren

Mit dem Ka­schie­ren un­ter­schied­li­cher Pa­pie­re las­sen sich vi­su­ell und hap­tisch schö­ne Er­geb­nis­se er­zie­len. Vor­aus­ge­setzt, man weiß, wie es geht

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Un­ter­schied­li­che Pa­pie­re zu kom­bi­nie­ren ist ei­ne tol­le Mög­lich­keit, um Druckerzeug­nis­se wie Vi­si­ten­kar­ten oder No­tiz­bü­cher vi­su­ell und hap­tisch auf­zu­wer­ten

● Vi­si­ten­kar­ten mit ver­schie­den­far­bi­ger Vor­der­und Rück­sei­te, Bro­schü­ren mit ei­nem Tri­plex­co­ver, bei dem zwi­schen zwei La­gen Pa­pier noch ei­ne drit­te her vor­lugt – Ka­schie­ren kann aus ei­nem Durch­schnitts­print­pro­dukt et­was Be­son­de­res ma­chen. »Ka­schie­ren oder La­mi­nie­ren sind zwei un­ter­schied­li­che Be­grif­fe für den­sel­ben Vor­gang, näm­lich Pa­pier und Kar­ton mit­ein­an­der zu ver­kle­ben, was be­son­ders dann reiz­vol­le Er­geb­nis­se zu­lässt, wenn die ein­zel­nen La­gen je an­de­re Far­ben ha­ben«, sagt Al­f­red Kö­nig.

Der Grün­der der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­und Pro­duk­ti­ons­agen­tur Kö­nig Kon­zept in Mün­chen ( https://ko­enig­kon zept.eu) weiß aber auch, dass dies ein­fa­cher klingt, als es in der Praxis ist. »Vor al­lem, wenn es sich um di­ver­se Gram­ma­tu­ren oder gar ver­schie­den­ar­ti­ge Ma­te­ria­li­en han­delt. Je­des Pa­pier be­ginnt, sich zu rol­len, wenn es feucht wird: Das stär­ke­re zieht das schwä­che­re zu sich hin, und das End­pro­dukt ist wel­lig oder tel­lert, das heißt, das Pa­pier ver­wirft sich – je grö­ßer der Bo­gen, des­to mehr, weil die Feuch­tig­keit beim Trock­nen nur un­gleich­mä­ßig ent wei­chen kann.«

Auf Num­mer si­cher geht, wer zwei iden­ti­sche Pa­pie­re ver­klebt, mög­lichst auch in der­sel­ben Stär­ke. Nor­ma­le Ka­schier­ma­schi­nen kom­men mit Ge­wich­ten ab 170 Gramm gut klar, dar­un­ter wird es schwie­rig, denn dün­nes Pa­pier ver­formt sich schnel­ler beim An­lei­men. Be­ach­ten muss man zu­dem die Lauf­rich­tun­gen. Die Vor­stel­lung, dass es die Stei­fig­keit er­höht, wenn man die Bo­gen ge­gen­ein­an­der klebt, stimmt nicht, meis­tens ver­zieht sich das Pa­pier dann. Die Bo­gen müs­sen in der­sel­ben Lauf­rich­tung lie­gen.

Durch­blick auf die Rück­sei­te

Ein Ef­fekt, den Al­f­red Kö­nig äu­ßerst gern nutzt, ent­steht beim Ka­schie­ren ge­laser­ter Bo­gen – bei­spiels­wei­se bei Vi­si­ten­kar­ten. Für Feu­er Im­mo­bi­li­en rea­li­sier­te er ei­ne drei­la­gi­ge Kar­te, bei der er das Si­g­net des Kun­den – ei­nen fi­li­gra­nen Phö­nix – vor dem La­ser­vor­gang be­hut­sam »ver­grö­ber­te«, da­mit die­ser das an­schlie­ßen­de Ka­schie­ren oh­ne Be­schä­di­gun­gen über­stand. Der Auf­trag­ge­ber nahm ger­ne er­heb­li­che Mehr­kos­ten in Kauf, da­mit die Kar­te nicht nur ei­ne oran­ge­far­be­ne Rück­sei­te aus der Pa­pier­sor­te Co­lour Mat­ters in Man­da­ri­ne hat­te, son­dern auch der vier­far­big auf Bil­der­druck­kar­ton ge­druck­te Phö­nix durch­schim­mer­te.

Bei die­ser so­ge­nann­ten Fas­son­ka­schie­rung, bei der ein Bo­gen nur par­ti­ell be­leimt und mit dem zwei­ten ver­bun­den wird, muss man zum ei­nen pe­ni­bel dar­auf ach­ten, dass kein Kleb­stoff in den ge­laser­ten Be­reich ge­langt und zum an­de­ren ei­nen ge­wis­sen »Ka­schier­ver­zug« be­rück­sich­ti­gen: Die ka­schier­ten Blät­ter schwan­

ken leicht im Stand. Aus die­sem Grund war es nö­tig, fast 20 Pro­zent der Phö­nix-kar­ten ma­nu­ell aus­zu­sor­tie­ren. »Der Auf­wand für sol­che Ob­jek­te wird ger­ne un­ter­schätzt – um wirk­lich über­zeu­gen­de Er­geb­nis­se zu er­zie­len, müs­sen al­le Be­tei­lig­ten in­ten­siv zu­sam­men­ar­bei­ten«, so Al­f­red Kö­nig.

Erst prä­gen, dann ka­schie­ren

Ei­ne Prä­gung stei­gert den Reiz ka­schier­ter Print­pro­duk­te noch ein­mal. Für die Ham­bur­ger De­si­gnagen­tur Ro­bi­ni­zers ent­stan­den Vi­si­ten­kar­ten, bei de­nen al­le zwölf Mit ar­bei­ter ih­re per­sön­li­che Farb­kom­bi­na­ti­on be­stim­men konn­ten. Ma­te­ri­al der Wahl war auch hier Co­lour Mat­ters. Bei der mehr­stu­fig hoch­ge­präg­ten Lo­go­sei­te ka­men drei Farb­tö­ne in 540 Gramm zum Ein­satz, für die Rück­sei­te mit dem Na­men ei­ne wei­ße Heiß­fo­li­en­prä­gung auf 270 Gramm star­kem Kar­ton. Da die Mit­ar­bei­ter auch nicht al­le die­sel­be Men­ge an Vi­si­ten­kar­ten er­hiel­ten, war die Pro­duk­ti­on kei­ne leich­te Auf­ga­be. »Bei Werk­zeug­auf­bau und Bo­gen­tei­lung ha­ben wir die Gren­ze zur hö­he­ren Ma­the­ma­tik be­rührt«, scherzt Al­f­red Kö­nig. Und da­mit die Blind­prä­gung nicht auf die in­di­vi­dua­li­sier­te Sei­te durch­schlug, wur­de erst nach dem Prä­gen bei­der Sei­ten ka­schiert.

Auch das Schnei­den ge­stal­te­te sich beim Ro­bi­ni­zer­sPro­jekt auf­wen­dig. Die ka­schier­ten Bo­gen wie üb­lich ein­fach mit ei­nem Pl­an­schnei­der auf Kar­ten­for­mat zu brin­gen funk­tio­nier­te nicht, da des­sen Press­bal­ken die Prä­gung zer­stört hät­te. »Es gab nur zwei Mög­lich­kei­ten: ent we­der ei­ne Stanz­form an­fer­ti­gen und oh­ne Druck stan­zen«, er­klärt Al­f­red Kö­nig, »oder ei­ne auf­wen­di­ge­re, aber bes­se­re Ver­si­on, die wir ge­wählt ha­ben, weil ei­ne St­an­zung im­mer et­was rup­fi­ger aus­sieht als ein mit ei­nem schar­fen Mes­ser aus­ge­führ­ter Schnitt – und wir bei die­sen sehr spe­zi­el­len Kar­ten kei­ne Kom­pro­mis­se ein­ge­hen woll­ten.«

Die­ser an­de­re Weg sah so aus: Al­f­red Kö­nig stanz­te in Kar­ton­bo­gen, die et­was stär­ker sein müs­sen als die Prä­gung hoch, ei­ne Aus­spa­rung, die grö­ßer als die Prä­gung war. »Die­se ge­stanz­ten Bo­gen führ­ten wir dann mit den Vi­si­ten­kar­ten­bo­gen ma­nu­ell zu­sam­men. So lie­ßen sie sich in klei­nen Sta­peln auf dem Pl­an­schnei­der schnei­den, denn nun gab es ja ei­nen Ab­stand­hal­ter, der die Prä­gung vor dem Press­bal­ken­druck schütz­te«, er­klärt Al­f­red Kö­nig das Vor­ge­hen.

Mix der Ex­tre­me

Ob Ka­schie­ren un­ter­schied­li­cher Gram­ma­tu­ren oder Ma­te­ria­li­en, mit Prä­gun­gen oder St­an­zun­gen – ei­ner, der kei­ne Angst vor gar nichts hat, ist Rei­mund Pirk. Der Ge­schäfts­füh­rer von Pirk Mus­ter­kar­ten­tech­nik in Köln ( www.pirk-mus­ter­kar­ten­tech­nik.de ) sagt: »Un­ser An­spruch ist es, al­les, was der Markt an Pa­pie­ren, Kar­tons et ce­te­ra her­gibt, ver­ar­bei­ten zu kön­nen.« So ist es ihm zum Bei­spiel ge­lun­gen, le­dig­lich 100 Gramm schwe­re Bo­gen zu ka­schie­ren.

Rei­mund Pirks jüngs­tes Ex­pe­ri­ment ist ein Ma­te­ri­al­mix im Auf­trag von Rö­mer­turm: Gmund Lea­ther, das

„Pa­pier, Druck und Ve­re­de­lung sind in der heu­ti­gen, di­gi­ta­len Zeit nicht län­ger ein selbst­ver­ständ­li­ches, son­dern ein er­klä­rungs­be­dürf­ti­ges Pro­dukt, für das man In­ter­es­se oft erst we­cken muss“Al­f­red Kö­nig, Grün­der von Kö­nig Kon­zept in Mün­chen www.ko­enig-kon­zept.eu

Schich­ten­sys­tem Bei den Vi­si­ten­kar­ten (ganz oben) ka­schier­te Rö­mer­turm ver­schie­de­ne Far­ben, bei den Book­lets (oben und links) meh­re­re La­gen auf­ein­an­der.

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