„Ös­ter­reichs Ty­pede­sign lag lan­ge im Dorn­rös­chen­schlaf “*

In Ös­ter­reich ent­steht ei­ne le­ben­di­ge, jun­ge Ty­po­sze­ne. Wir tra­fen Rai­ner Erich Schei­chel­bau­er und Li­sa Schultz in ih­rem Wie­ner Schrift­la­bor und spra­chen mit ih­nen über die­se Ent­wick­lung, über feh­len­de Aus­bil­dungs­mög­lich­kei­ten, ös­ter­rei­chi­sche Ei­gen­ar­ten

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● Der in Wi­en ge­bo­re­ne Rai­ner Erich Schei­chel­bau­er hat Fo­to­gra­fie, Phi­lo­so­phie und Nie­der­län­disch stu­diert. Schon im­mer pfleg­te er sein Fai­b­le für Il­lus­tra­ti­on und Ty­po­gra­fie. In den 1990er Jah­ren be­gann er, sich mit dem Fon­te­di­tor Font­lab in­ten­si­ver aus­ein­an­der­zu­set­zen und Schrif­ten so zu ma­ni­pu­lie­ren, dass sie zum Bei­spiel auch Ak­zen­te dar­stel­len kön­nen, die ei­gent­lich nicht an­ge­legt wa­ren. In der klei­nen Ty­po­sze­ne sprach sich schnell her­um, dass er je­mand ist, der Schrif­ten zum Lau­fen bringt. Spä­ter lern­te Schei­chel­bau­er das von Ge­org Sei­fert ent­wi­ckel­te Gly­phs ken­nen und war von dem an­wen­der­freund­li­chen Font­edit­ing­tool be­geis­tert. Heu­te ist er des­sen Mit­ei­gen­tü­mer, be­treibt in Wi­en die Found­ry Schrift­la­bor Font Ser­vices ( https://schrift­la­bor.at ) und lei­tet Work­shops zur Schrift­ge­stal­tung. Da er au­ßer­dem über ein ko­mö­di­an­ti­sches Ta­lent ver­fügt, ist er ein gern ge­se­he­ner Red­ner auf Ty­po­ver­an­stal­tun­gen al­ler Art.

Die 2015 ge­grün­de­te Found­ry hat in­zwi­schen zwei fes­te Mit­ar­bei­te­rin­nen: Mi­ri­am Surá­nyi, die an un­se­rem Ge­spräch lei­der nicht teil­neh­men konn­te, weil sie ei­nen ei­li­gen Job fer­tig­stel­len muss­te, und Li­sa Schultz. Li­sa kommt eben­falls aus Wi­en. Sie stu­dier­te Gra­fik und Wer­bung an der Uni­ver­si­tät für an­ge­wand­te Kunst. In ih­rem letz­ten Jahr dort ent­deck­te sie das The­ma Schrift für sich. Nach ih­rem Ab­schluss ging sie für den Ma­ty­pe­face­de­sign­stu­di­en­gang an die Uni­ver­si­tät Rea­ding und ent­wi­ckel­te dort die Text­schrift Mar­tha. Seit gut zwei Jah­ren ar­bei­tet sie fest beim Schrift­la­bor. Wenn sie nicht ge­ra­de selbst Buch­sta­ben zeich­net, un­ter­rich­tet sie seit 2016 an der An­ge­wand­ten in Wi­en Ty­po­gra­fie und Schrift­ge­stal­tung oder backt Ku­chen. ant [3884]

Max Bill, Jan Tschi­chold, Karl Gerst­ner, Adri­an Fru­ti­ger, Otl Ai­cher – die Lis­te Schwei­zer und deut­scher Ty­po-iko­nen lie­ße sich noch ei­ne Wei­le fort­set­zen, Ös­ter­rei­cher fal­len mir spon­tan kei­ne ein. Fehlt in Ös­ter­reich ei­ne ty­po­gra­fi­sche Tra­di­ti­on?

Rai­ner: Schrift­gie­ße­rei­en hat es schon vie­le ge­ge­ben, vor al­lem na­tür­lich in Wi­en. Ei­ni­ge Gestal­ter sind aber ein­fach auch in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Der Kal­li­graf Rudolf von La­risch et­wa, der vor al­lem in den Zwi­schen­kriegs­jah­ren tä­tig war. Oder nach

dem zwei­ten Welt­krieg der Gra­fi­ker Ar­thur Zel­ger, der nicht nur den Ti­rol­schrift­zug ent­wor­fen hat, son­dern auch vie­le Pla­ka­te, die das Bun­des­land präg­ten. Und dann ab den 1960er Jah­ren Oth­mar Mot­ter. Von ihm stammt die 1975 ent­stan­de­ne Schrift Mot­ter Tek­tu­ra, die App­le und Ree­bok bis in die 1980er Jah­re in ih­ren Lo­gos ver­wen­de­ten.

Seit ei­ni­gen Jah­ren boomt die ös­ter­rei­chi­sche Schrif­ten­sze­ne und fin­det auch in­ter­na­tio­nal An­er­ken­nung. Was ist ge­sche­hen?

Li­sa: Die 2002 ge­grün­de­te ty­po­gra­phi­sche ge­sell­schaft aus­tria (tga) hat ganz si­cher als Ka­ta­ly­sa­tor fun­giert und die Leu­te zu­sam­men­ge­bracht. Auch die zahl­rei­chen Ty­pede­sign­work­shops von Rai­ner ha­ben et­was be­wirkt.

Der Wie­ner Gra­fik­de­si­gner Mar­tin Tief­entha­ler, Grün­dungs­mit­glied der tga, schreibt im Vor­wort des Bands »Sub­text: Ty­pede­sign« (sie­he Seite 103), dass bis in die 1990er Jah­re in Ös­ter­reich Schrift­de­sign für Men­gen­satz so gut wie nicht exis­tent ge­we­sen sei. Kei­ne ein­zi­ge welt­be­we­gen­de Ty­pe sei in Ös­ter­reich ent­wi­ckelt wor­den. Gleich­zei­tig sei »ei­ne er­staun­li­che Par­al­le­li­tät zum Feh­len von ori­gi­nä­rer Phi­lo­so­phie« zu be­ob­ach­ten. Stimmt ihr dem zu?

Rai­ner: Zu­min­dest was die Phi­lo­so­phie be­trifft, se­he ich das an­ders. Der Wie­ner Kreis, Lud­wig Witt­gen­stein und Karl Pop­per hat­ten über Ös­ter­reich hin­aus Ein­fluss. Ge­gen­wär­tig ist et­wa Her­ta Nagl­doce­kal ei­ne wich­ti­ge Phi­lo­so­phin, die sich mit Gen­der­und Ethikthe­men beschäftigt. Und in punc­to Schrif­ten könn­te man fra­gen, ab wann sie denn als »welt­be­we­gend« gel­ten. Aber ich ge­be ihm recht, was das di­gi­ta­le Ty­pede­sign bis et­wa 2000 be­trifft. Da lag Ös­ter­reich in ei­nem Dorn­rös­chen­schlaf. Das hat sich aber in den letz­ten 10, 15 Jah­ren sehr ver­än­dert. Ein Bei­ spiel: BBC Ara­bic ver­wen­det die Nas­sim von Ti­tus Ne­meth – das be­wegt die Welt durch­aus, den­ke ich.

Spielt es über­haupt ei­ne Rol­le, in wel­chem Land ei­ne Schrift ent­steht und wer sie ge­stal­tet? Um noch ein­mal Mar­tin Tief­entha­ler zu zi­tie­ren: »Auf kei­nem Ge­biet sind na­tio­nal be­zo­ge­ne Aus­sa­gen so deut­lich ir­re­le­vant wie auf dem der Schrift­ge­stal­tung. Sie ist ih­rem We­sen nach zwin­gend un- be­zie­hungs­wei­se über­na­tio­nal.«

Li­sa: Schrift­ge­stal­ter sind heu­te in­ter­na­tio­nal ver­netzt und ar­bei­ten im stän­di­gen Aus­tausch. Ich glau­be aber schon, dass De­si­gner von kul­tu­rel­len oder his­to­ri­schen Ein­flüs­sen aus ih­rer un­mit­tel­ba­ren Um­ge­bung in­spi­riert wer­den. In­so­fern kann ei­ne Schrift durch­aus re­gio­nal be­ein­flusst und da­bei gleich­zei­tig in­ter­na­tio­nal re­le­vant sein.

Vor­aus­set­zung für ei­ne star­ke Ty­po­sze­ne, die hoch­wer­ti­ge Schrif­ten pro­du­ziert, sind ge­eig­ne­te Aus­bil­dungs­stät­ten. Was hat Ös­ter­reich da zu bie­ten?

Rai­ner: In Wi­en ha­ben wir die Uni­ver­si­tät für an­ge­wand­te Kunst, kurz die An­ge­wand­te, und die Gra­phi­sche, ei­ne be­rufs­bil­den­de hö­he­re Schu­le für vi­su­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on und Me­dien­tech­nik. Bis in die 1980er gab es dort ei­ne ei­ge­ne Schrift­klas­se, die wur­de dann aber zur Klas­se für Gra­fik und Wer­bung von Walter Lür­zer. Was auch po­li­ti­sche Grün­de hat­te, denn die letz­te Da­me, die dort Schrift­de­sign un­ter­rich­tet hat­te, galt als sehr kon­ser­va­tiv. Das woll­ten die jun­gen Wer­ber um Lür­zer nicht. Da­her hat Ty­pede­sign an der An­ge­wand­ten bis heu­te kei­nen gu­ten Ruf. Von da ist al­so kei­ne Un­ter­stüt­zung zu er­war­ten. Li­sa: Dass sie ei­nen schlech­ten Ruf hat, wür­de ich jetzt nicht sa­gen, aber es gibt zu­min­dest kei­ne Be­stre­bun­gen, ei­nen gan­zen Stu­di­en­gang der Schrift­ge­stal­tung zu wid­men.

»Je­de Hel­ve­ti­ca we­ni­ger ist ein Ge­winn für die op­ti­sche Kul­tur der Welt­be­völ­ke­rung« Rai­ner Erich Schei­chel­bau­er, Grün­der von Schrift­la­bor Font Ser­vices, Wi­en www.schrift­la­bor.at

Und wie sieht es an der Gra­phi­schen aus?

Rai­ner: Das letz­te Mal ha­be ich dort bis Som­mer 2016 ei­nen Kurs zur Schrift­ge­stal­tung ge­ge­ben, dann wur­de er nicht ver­län­gert. Jetzt ma­che ich dort zwei Work­shops pro Jahr, das ist al­les.

Aber bei den Stu­die­ren­den ist schon In­ter­es­se da?

Rai­ner: Auf je­den Fall. Wo­bei es schon ein sehr spe­zi­el­les The­ma ist, da hat man na­tür­lich viel klei­ne­re Grup­pen als im Gra­fik­de­sign. Das be­deu­tet, es kom­men we­ni­ger Schü­ler auf ei­ne Lehr­kraft, wo­mit der Kurs teu­rer ist. Seit be­stimmt 20, 30 Jah­ren gibt es in Ös­ter­reich die Ten­denz, die Aus­ga­ben für Bil­dung zu re­du­zie­ren. Hat man al­so ei­nen Kurs, der sehr gut läuft, aber nur fünf, sechs Schü­ler um­fasst, dann kürzt das Mi­nis­te­ri­um den schon mal ger­ne weg. Das ist er­nüch­ternd.

Wie sieht es au­ßer­halb von Wi­en aus?

Li­sa: An der Fach­hoch­schu­le Jo­an­ne­um in Graz gibt es im­mer wie­der Stu­den­ten mit gu­ten Schrift­ar­bei­ten, aber eben­falls kei­ne fi­xe Klas­se. Und an der New De­sign Uni­ver­si­ty in St. Pöl­ten un­ter­rich­tet Gio­van­ni de Fac­cio, der Gestal­ter der Ri­al­to, Ty­pede­sign.

Was emp­fehlt ihr Ös­ter­rei­chern, die Schrift­ge­stal­tung ler­nen wol­len?

Rai­ner: Vi­el­leicht nach St. Pöl­ten zu ge­hen. Oder ins Aus­land. Für Ös­ter­reich ha­be ich für die kom­men­den Jah­re die Hoff­nung fast auf­ge­ge­ben. Da­für ent­wi­ckeln sich aber ge­ra­de span­nen­de Sa­chen an der Aca­de­my of Arts, Ar­chi­tec­tu­re and De­sign in Prag (Um­prum) und an der Uni­ver­si­tät Ljublja­na in Slo­we­ni­en. An der Um­prum un­ter­rich­tet der mehr­fach aus­ge­zeich­ne­te Ty­pede­si­gner Ra­dek Si­dun. Er en­ga­giert sich sehr für ei­ne in­ter­na­tio­na­le Aus­rich­tung. Ku­rio­ser­wei­se hat sich die Ty­po­sze­ne in Graz über die Ver­an­stal­tun­gen in Slo­we­ni­en ent­wi­ckelt.

Wie das?

Rai­ner: Dort gibt es zwei Work­shop­se­ri­en: Ty­pe Cli­nic von To­ma­to Košir und Ti­po Br­da, bei­de ein­wö­chig und zwei­mal pro Jahr. Die sind nicht nur sehr gut, son­dern auch sehr güns­tig, so­dass vie­le Gra­zer dort re­gel­mä­ßig teil­neh­men. Von Graz nach Ljublja­na sind es nur knapp 200 Ki­lo­me­ter.

Aber wo hat die jetzt so er­folg­rei­che jun­ge ös­ter­rei­chi­sche Ty­pede­si­gner­ge­ne­ra­ti­on ihr Hand­werk ge­lernt?

Li­sa: Sehr vie­le wa­ren zum Mas­ter­stu­di­um im Aus­land. Ty­pi­scher­wei­se ab­sol­viert man an der An­ge­wand­ten oder Gra­phi­schen ein nor­ma­les Gra­fik­stu­di­um und geht dann nach Den Haag oder Rea­ding. Ich fin­de den Weg auch nicht schlecht, sich erst mal grund­sätz­lich mit Gestal­tung aus­ein­an­der­zu­set­zen und da­mit, wie Ty­po­gra­fie an­ge­wen­det wird – und sich dann aufs Ty­pede­sign zu stür­zen.

Was ist für ös­ter­rei­chi­sche Ty­po­gra­fie cha­rak­te­ris­tisch?

Rai­ner: Vi­el­leicht der oft­mals en­ge Be­zug zur Kunst. Wie bei Na­ta­lie Dee­wan. Sie ist Ak­ti­ons­künst­le­rin, macht aber auch viel mit Schrift. Zum Bei­spiel ih­re groß­ar­ti­gen »Leer­stands­a­na­gram­me«, in de­nen sie die Be­schrif­tun­gen leer ste­hen­der Ge­schäf­te neu ar­ran­giert: Da wird aus »Fleisch Wurst« »Schwu­le First« oder aus »Schuh­ser­vice« »Ich ver­such es«. Li­sa: Sehr pro­duk­tiv sind auch die Ty­pede­si­gner Jo­han­nes Lang und Ell­mer Ste­fan. 2017 rea­li­sier­ten sie das sehr schö­ne Projekt Non­al­pha­bets, in dem sie um 1900 ent­stan­de­ne Schrif­ten wie­der­be­lebt ha­ben.

An wel­chen ös­ter­rei­chi­schen Foundries geht kein Weg vor­bei – wer prägt die Sze­ne hier­zu­lan­de?

Li­sa: Es ist im­mer blöd, ein­zel­ne Foundries her­aus­zu­he­ben, und es gibt in­zwi­schen so vie­le: Ty­pe­

»Un­ser Vor­bild als Di­gi­tal Punch­cut­ters ist Au­gust Ro­sen­ber­ger, der Her­mann Zapfs kal­li­gra­fi­sche Vor­la­gen für den Blei­satz um­ge­setzt hat. Wir ma­chen das Glei­che, nur eben di­gi­tal« Li­sa Schultz, Ty­pedi­rek­tor bei Schrift­la­bor, Wi­en

jo­ckeys, Dots&stri­pes, Fa­ce­ty­pe, phos­pho, aber auch Ein­zel­kämp­fer wie Ste­fan Wil­ler­stor­fer, Ek­ke Wolf, Ge­org He­rold­wild­fell­ner, Wolfgang Ho­mo­la oder Ti­tus Ne­meth.

Und dann gibt es ja auch noch eu­er Schrift­la­bor. Seid ihr ei­ne klas­si­sche Found­ry?

Li­sa: Schon, wo­bei wir uns ger­ne als »Di­gi­tal Punch­cut­ters« be­zeich­nen, al­so di­gi­ta­le Stem­pel­schnei­der. Un­ser Vor­bild ist Au­gust Ro­sen­ber­ger, der Her­mann Zapfs kal­li­gra­fi­sche Vor­la­gen für den Blei­satz um­ge­setzt hat. Wenn man so will, hat Ro­sen­ber­ger ei­gent­lich die Fonts er­stellt. Und wir ma­chen das Glei­che, nur eben di­gi­tal.

Aber ihr macht auch ei­ge­ne Fonts?

Rai­ner: Mo­men­tan ha­ben wir vier Re­tail­schrif­ten. Ein wei­te­res Stand­bein sind Cor­po­ra­te Fonts, un­ser größ­tes Projekt war hier ei­ne Schrift­fa­mi­lie für die Nord­ame­ri­ka­zen­tra­le des Par­füm­und Kos­me­tik­her­stel­lers Se­pho­ra. Li­sa: Cust­om­fonts zu gestal­ten ist un­ser Lieb­lings­job, da hat man den meis­ten Ein­fluss. Und man weiß ge­nau, für wel­chen Zweck sie ein­ge­setzt wer­den, und kann sie dar­auf­hin op­ti­mie­ren. Ist die Schrift dann bei gro­ßen Mar­ken auf Pa­cka­gings oder auf Pla­ka­ten zu se­hen, macht ei­nen das schon stolz. Rai­ner: Lei­der ist der ös­ter­rei­chi­sche Markt für Cor­po­ra­te Fonts sehr un­ter­ent­wi­ckelt. Die Kun­den kom­men in der Re­gel nicht von al­lei­ne dar­auf, dass sie ei­ne Schrift brau­chen. Da gibt es viel zu tun.

Das heißt, ihr ar­bei­tet oft an meh­re­ren Pro­jek­ten gleich­zei­tig?

Li­sa: Im Mo­ment ma­che ich drei Sa­chen par­al­lel. Haupt­pro­dukt ist ei­ne neue Re­tail­schrift, dann tes­te ich ei­ne Ty­pe für ei­nen an­de­ren Gestal­ter und baue ei­ne Schrift für ei­ne wei­te­re Gestal­te­rin aus, von der nur ein Ba­sis­de­sign steht.

Ist es nicht selt­sam, die Schrift von je­mand an­de­rem wei­ter­zu­ent­wi­ckeln? Du nimmst dann ja schon Ein­fluss aufs De­sign?

Li­sa: Der Job er­for­dert ei­ne en­ge Zu­sam­men­ar­beit und vie­le Ab­spra­chen. Man­che Gestal­ter las­sen ei­nem sehr viel Frei­heit, an­de­re ha­ben sehr ge­naue Vor­stel­lun­gen, da dis­ku­tiert man vi­el­leicht um drei Units, um die man ei­nen Punkt ver­rückt. Es ist auf je­den Fall ei­ne Her­aus­for­de­rung, et­was fort­zu­set­zen, das sich je­mand an­de­res aus­ge­dacht hat.

Denkst du manch­mal: Hm, das hät­te ich an­ders ge­löst?

Li­sa: Klar, aber man lernt auch sehr viel, wenn man nicht im­mer in sei­ner ei­ge­nen Bla­se steckt, son­dern mal sieht, wie an­de­re Gestal­ter Pro­ble­me an­ge­hen.

Könnt ihr coden?

Li­sa: Nicht wirk­lich. In Rea­ding stand das nicht im Vor­der­grund, aber in Den Haag legt man schon grö­ße­ren Wert drauf. Rai­ner: Das bleibt meist an mir hän­gen. Wir ha­ben für vie­le Tei­le des Work­flows un­se­re ei­ge­nen klei­nen Pro­gram­me, die ich mal ge­schrie­ben ha­be. Oft auf Zu­ruf. Et­wa un­se­ren Kern­cras­her, der fin­det Si­tua­tio­nen, in de­nen sich Gly­phen zu na­he kom­men. Li­sa: Das ist bei der Zu­sam­men­ar­beit mit Rai­ner wirk­lich groß­ar­tig: Ich frage, ob wir dies oder das vi­el­leicht au­to­ma­ti­sie­ren kön­nen, und fünf Mi­nu­ten spä­ter ruft er: Ist fer­tig! Rai­ner: Ne­ben Er­leich­te­run­gen un­se­rer täg­li­chen Ar­beit gibt es na­tür­lich auch Pro­gram­mie­run­gen, die wir für ein be­stimm­tes Projekt ma­chen. Sehr kom­plex war zum Bei­spiel die Au­to­ma­ti­sie­rung für die OpenTy­pe­fea­tu­res der Se­pho­ra­script­fonts, die da­für sorgt, dass die Buch­sta­ben rich­tig aus­ge­tauscht und ein­ge­setzt wer­den. Die bes­te Pro­gram­mie­rung er­setzt aber nicht die Kon­trol­le durch ein ge­schul­tes Au­ge!

»Das bes­te Script er­setzt nicht die Kon­trol­le durch ein ge­schul­tes Au­ge!« Rai­ner Erich Schei­chel­bau­er, Grün­der von Schrift­la­bor, Wi­en

Habt ihr so et­was wie ei­nen Traum­kun­den, für den ihr un­be­dingt mal et­was ma­chen möch­tet?

Li­sa: Ei­gent­lich nicht. Eher an­ders­her­um: Walter Lür­zer hat schon im Un­ter­richt an der An­ge­wand­ten ge­sagt: Wenn wir mal ei­nen Kun­den ha­ben, der Al­ko­hol, Zi­ga­ret­ten, Dro­gen oder Waf­fen ver­kauft , sol­len wir Nein sa­gen. Rai­ner: Och, wenn sie ge­nug zah­len . . . Nee, mal im Ernst, ich hab es mir zur Le­bens­auf­ga­be ge­macht, so viel Hel­ve­ti­ca wie mög­lich aus dem Stadt­bild zu ent­fer­nen. Das ist et­was, was ich nicht mehr se­hen kann und will. Li­sa: Ich hal­te die Ro­tis nicht aus.

Gilt das nur für Wi­en?

Rai­ner: Je­de Hel­ve­ti­ca we­ni­ger ist ein Ge­winn für die op­ti­sche Kul­tur der Welt­be­völ­ke­rung. Al­le Un­ter­neh­men, die Hel­ve­ti­ca oder Ro­tis an­wen­den, sol­len sich auf­ge­ru­fen füh­len: Wir ma­chen ih­nen ein ganz spe­zi­el­les An­ge­bot.

Beim Lokaltermin in Wi­en gab es Kaf­fee, Obst und je­de Men­ge zu la­chen. Rai­ner Erich Schei­chel­bau­er und Li­sa Schultz emp­fin­gen Pa­ge-re­dak­teu­rin Ant­je Doh­mann noch in den al­ten Räu­men. In­zwi­schen ist die Found­ry in ei­ne neue, grö­ße­re Lo­ca­ti­on ge­zo­gen

Die Ak­ti­ons­künst­le­rin Na­ta­lie Dee­wan ar­ran­gier­te in ih­ren »Leer­stands­a­na­gram­men« die Be­schrif­tun­gen leer ste­hen­der Ge­schäf­te neu. Von links oben im Uhr­zei­ger­sinn hieß es ur­sprüng­lich: »Ori­ent Tep­pich«, »Tisch­le­rei«, »Prüf­zen­trum Pan­nen­dienst«, »Bild­hau­er Kunst­stein­werk«

»Non-al­pha­bets« (www. non-al­pha­bets.no) ist der Ti­tel ei­ner Rei­he von Pro­jek­ten, die die Ty­pede­si­gner Jo­han­nes Lang und Ell­mer Ste­fan ge­mein­sam rea­li­siert ha­ben. Häu­fig set­zen sie sich da­bei auf der Ba­sis von his­to­ri­schem Ma­te­ri­al mit der Mo­du­la­ri­tät von Schrift aus­ein­an­der. Der Mo­du­lar-schrift­zug ist ei­ne Art Es­senz der ein­wö­chi­gen Ar­beit in ei­ner Blei­satz­dru­cke­rei im ös­ter­rei­chi­schen Lus­ten­au

Mar­tin Lo­renz, Ste­fan Sal­cher, Tobias Scher­er­bau­er und Mar­kus Wagner bil­den das De­sign­stu­dio LWZ in Wi­en. Ty­po spielt in ih­ren Pro­jek­ten ei­ne wich­ti­ge Rol­le – egal, ob für Ra­dio FM4, den par­ti­zi­pa­ti­ven Tv­sen­der Ok­to oder den Ver­ein Gür­tel Con­nec­tion

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