Edi­to­ri­al De­sign: »Fo­cus«-re­launch

So be­hut­sam wie nö­tig, so mu­tig wie mög­lich: Mat­thi­as Last mo­der­ni­siert das Nach­rich­ten­ma­ga­zin

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PRO­JEKT Re­launch des Ma­ga­zins »Fo­cus« ↗ www.fo­cus.de AUF­TRAG­GE­BER Hu­bert Bur­da Me­dia, München ↗ www.bur­da.com AGEN­TUR Stu­dio Last, Berlin ↗ www.stu­dio-last.com TOOLS In­de­sign, Pho­to­shop, Il­lus­tra­tor ZEI­T­RAUM Früh­jahr 2016 bis heu­te

● Die­se Be­harr­lich­keit muss man erst ein­mal ha­ben. Seit 25 Jah­ren hat sich das Magazin »Fo­cus«, das 1993 als kon­ser­va­ti­ve Al­ter­na­ti­ve zum »Spie­gel« auf den Markt kam, nicht von der Stel­le be­wegt. »Das Di­gi­ta­le hat ra­sant an Ein­fluss ge­won­nen, die gan­ze Welt hat sich ge­dreht – aber der ›Fo­cus‹ ist seit den Neun­zi­gern na­he­zu un­ver­än­dert«, sagt Mat­thi­as Last. Ge­mein­sam mit dem neu­en Chef­re­dak­teur Ro­bert Schnei­der und des­sen Stell­ver­tre­ter Jörg Har­lan Roh­le­der hat der Ber­li­ner De­si­gner 2016 be­gon­nen, »das Flagg­schiff« in ein mo­der­nes Nach­rich­ten­ma­ga­zin zu ver­wan­deln.

In­halt­lich be­deu­tet dies, dass der »Fo­cus« sich nun stär­ker als Ge­sell­schafts­ma­ga­zin ver­steht und ne­ben Po­li­tik auch Mu­sik­, Li­te­ra­tur­, Fa­shion­und Kunst­the­men be­han­delt. Vor al­lem aber ver­än­dert sich die An­spra­che der Le­ser, ist li­be­ra­ler und of­fe­ner. Gestal­te­risch führt der Weg in die Mo­der­ne über ei­nen neu­en Rhyth­mus im Heft, ei­ne opu­len­te­re Bild­spra­che und ein freie­res Spiel mit Ty­po­gra­fie, Fil­tern, Frei­stel­lern und dar­über, zu­sätz­li­che In­for­ma­ti­ons­ele­men­te so ele­gant wie mög­lich zu in­te­grie­ren.

Suk­zes­si­ver Re­launch

Be­reits 2016 leg­ten Schnei­der, Roh­le­der und Last ihr Ide­al vom »Fo­cus« der Zu­kunft in ei­nem Dum­my fest. Seit­her setzt der Ber­li­ner De­si­gner und Grün­der von Stu­dio Last die­se Vor­stel­lun­gen um. Schritt für Schritt und auch mal wie­der ei­nen zu­rück. Das liegt dar­an, dass der Bur­da Ver­lag Markt­be­fra­gun­gen so viel Wert bei­misst. Die »Fo­cus«­co ver wer­den re­gel­mä­ßig ge­tes­tet, und nicht sel­ten schnei­det Alt­be­währ­tes da­bei bes­ser ab. »Na­tür­lich spricht die Le­ser erst mal an, was für sie ver­traut wirkt«, sagt Last, »und nicht das, was neu ist.«

Auch aus die­sem Grund war an ei­nen ra­di­ka­len Re­launch des Ma­ga­zins nicht zu den­ken. Der Ver­lag hat­te Angst, die Stamm­le­ser­schaft zu ver­schre­cken, die treue, wich­ti­ge Abon­nen­ten­ge­mein­de, die noch aus den 1990ern stammt, den gro­ßen Er­folgs­jah­ren des Ma­ga­zins, das da­mals mit kon­ser­va­ti­ver Hal­tung, mit kur­zen Tex­ten und »Fakten, Fakten, Fakten« bei den Le­sern punk­te­te.

Heu­te ist der »Fo­cus« nach dem »Spie­gel« und dem »stern« im­mer noch das dritt­größ­te deut­sche Nach­rich­ten­ma­ga­zin. Aber es müs­sen neue, jün­ge­re Le­ser ge­won­nen wer­den, und dar­über hin­aus gilt es, auch die­je­ni­gen zu über­zeu­gen, »die das Magazin in den 1990ern und 2000ern ab­ge­lehnt ha­ben«,

er­klärt Mat­thi­as Last. »Sie ins Boot zu ho­len ist ei­nes un­se­rer Zie­le.« Und es wird grei­far. Zum Bei­spiel mit der Aus­ga­be zum 25. Ju­bi­lä­um im Ja­nu­ar 2018. 25 Künst­ler hat­te man ge­be­ten, ih­re vi­su­el­le Vision für den »Fo­cus« zu ge­stal­ten, un­ter ih­nen Stars wie Ai Wei­wei, Tho­mas De­mand, Tobias Reh­ber­ger, Jor­in­de Voigt oder An­selm Reyle. »Vor ein paar Jah­ren hät­ten sie noch nicht zu­ge­sagt«, meint Last. »Aber die Wahr­neh­mung des Ma­ga­zins be­ginnt sich zu ver­än­dern.« Die Ju­bi­lä­ums­aus­ga­be, die ei­nen Eu­ro kos­te­te, ver­kauf­te in ih­rer Er­schei­nungs­wo­che mehr Ex­em­pla­re als der Spie­gel.

Opu­len­te Bild­spra­che

Der suk­zes­si­ve Re­launch be­gann 2016 mit der Bild­spra­che des Ma­ga­zins. Mat­thi­as Last wünsch­te sich, dass sie opu­len­ter und fri­scher wird, die Bil­der »wei­ter«. Und vor al­lem wer­den sie jetzt häu­fig als Dop­pel­bil­der an­ge­legt, bei de­nen zwei Mo­ti­ve ein­an­der ge­gen­über­ste­hen. Ok­to­pus­ar­me tref­fen da­bei auf Por­träts, Far­be auf Schwarz­weiß, Aus­bli­cke auf In­nen­an­sich­ten und las­sen auf die­se Wei­se Span­nung ent­ste­hen, Dy­na­mik – und im­mer wie­der auch Iro­nie. Gleich­zei­tig hat sich das Ver­hält­nis von Bild und Text zur He­ad­line ver­än­dert, ist spie­le­ri­scher und va­ria­bler ge­wor­den.

Zur neu­en Bild­spra­che des »Fo­cus« ge­hört auch, dass, statt mit be­lie­bi­gen Agen­tur­bil­dern zu ar­bei­ten, jetzt im­mer wie­der aus­ge­wähl­te Fo­to­gra­fen be­auf­tragt wer­den. Dar­un­ter Christian Wer­ner, der un­ter an­de­rem für Guc­ci ar­bei­tet, Dirk Br­uniecki, der die Kunst­samm­ler­se­rie für den »Fo­cus« fo­to­gra­fiert,

das Fo­to­gra­fin­nen­duo Lot­ter­mann and Fu­en­tes. Oder auch Il­lus­tra­to­ren wie Fran­ces­co Cic­colel­la und Mat­thi­as Sei­farth.

Neu­er Rhyth­mus

»Man muss ei­ne neue An­spra­che fin­den für die Le­ser, die heut­zu­ta­ge die Hälf­te ih­rer Zeit im Netz ver­brin­gen, das heißt, ei­ne ge­wis­se Web­af­fi­ni­tät ein­brin­gen«, sagt Mat­thi­as Last, »und mit un­ter­schied­li­chen Ebe­nen ar­bei­ten.« Das be­deu­tet kei­nes­wegs, dass man wei­ter­hin mit klei­nen Text­ein­hei­ten han­tiert, mit die­sem Stak­ka­to­haf­ten, das den »Fo­cus« be­kannt mach­te. Man muss viel­mehr ei­nen neu­en Rhyth­mus ent­wi­ckeln. Der er­gibt sich ei­ner­seits aus den ver­schie­de­nen Be­rei­chen des Ma­ga­zins, die aus Po­li­tik, Kul­tur, Le­ben, Wis­sen und Wirt­schaft be­ste­hen, und an­der­seits dar­aus, dass de­ren Gestal­tung je­weils ei­ne an­de­re ist.

»Die­ser un­ter­schied­li­che Um­gang mit den ein­zel­nen Res­sorts hat sich erst im Lau­fe der Ar­beit ent­wi­ckelt«, er­klärt Mat­thi­as Last. »Auch ei­nem Nach­rich­ten­ma­ga­zin tut es gut, ei­ne Se­xy­ness zu ha­ben, sich in der Gestal­tung grö­ße­re Frei­hei­ten her­aus­zu­neh­men, ver­spiel­ter mit For­men um­zu­ge­hen und sich ei­ne ge­wis­se Fle­xi­bi­li­tät zu er­lau­ben.« Der Po­li­tik­part ist sehr dicht ge­stal­tet und in ei­nem Grid an­ge­legt, der Kul­tur­teil wirkt mit dem vie­len Text und den gro­ßen Frei­räu­men fast feuille­to­nis­tisch. Ein Al­lein­stel­lungs­merk­mal ge­gen­über an­de­ren Nach­rich­ten­ma­ga­zi­nen ist zu­dem, dass der ›Fo­cus‹ Kunst be­son­ders viel Platz ein­räumt.

Der Rhyth­mus in den­di­ver­sen Hef­tres­sorts ent­steht aus ei­nem freie­ren Um­gang mit Ty­po­gra­fie, aus Text­käs­ten, Mar­gi­nal­spal­ten und her vor­ge­ho­be­nen Zi­ta­ten. Die Bild­un­ter­schrif­ten ste­hen jetzt im­mer wie­der auch auf den Ab­bil­dun­gen selbst. In Form von Kom­men­ta­ren sind sie mit fei­nen Li­ni­en ver­se­hen, die zur je­wei­li­gen Stel­le im Bild füh­ren. »Die ein­zel­nen Sei­ten ha­ben Span­nungs­mo­men­te und len­ken so die Auf­merk­sam­keit«, sagt Mat­thi­as Last. »Es ist viel an­ge­neh­mer, wenn man als Le­ser ge­führt wird.« In den nächs­ten Mo­na­ten kom­men neue Schrif­ten hin­zu. Geht es nach den Vor­stel­lun­gen von Last, sol­len die Gro­teskschrif­ten mit ei­ner Se­rif wie zum Bei­spiel der Lyon von Car­val­ho Bernau kon­tras­tiert wer­den, die dem Heft et­was Wei­ches gibt. Wich­tig aber is, dass die Se­ri­fen­schrift den­noch ge­nug Kan­ten hat.

Viel­schich­ti­ge Co­ver-op­tik

Seit Ja­nu­ar hat Mat­thi­as Last stär­ke­ren Ein­fluss auf die Mo­tiv­aus­wahl für das Co­ver. Es ist ei­ne be­son­de­re Her­aus­for­de­rung, sich ge­gen die ver­trau­te Ti­te­läs­the­tik des »Fo­cus« durch­zu­set­zen. »Aber man soll­te den Le­sern mehr zu­trau­en, span­nen­der und mo­der­ner sein und von mir aus auch ge­wagt. Man muss mit vi­su­el­len Me­ta­phern ar­bei­ten, mit In­tel­li­genz, Brü­chen oder Iro­nie«, er­klärt Mat­thi­as Last.

Für ei­nen Ti­tel über ve­ga­ne Er­näh­rung hat­ten sie Sarah Il­len­ber­ger an­ge­fragt, die ei­ne Möh­re mit Senf be­strich und in ein Hot­dog-bröt­chen steck­te. Die­ser Ent­wurf wur­de al­ler­dings ab­ge­lehnt, statt­des­sen lan­de­te ei­ne Wel­le aus Ge­mü­se auf dem Co­ver. Die Ar­beit der Il­lus­tra­to­rin tauch­te spä­ter auf ei­nem fran­zö­si­schen Magazin auf und mach­te von sich re­den.

Schrit­te vor­wärts gibt es den­noch. War das Co­ver zum The­ma »Was un­ser Ge­sicht ver­rät« in chan­gie­ren­den Leucht­far­ben ge­hal­ten und wirk­te fast ex­pe­ri­men­tell, er­in­ner­te der Ti­tel zu An­ge­la Mer­kel, »Macht, In­tri­gen und kein Plan«, an ein Ki­no­pla­kat. Und so­gar Sah­ra Wa­genk­necht wur­de schon auf dem »Fo­cus«- Co­ver an­mo­de­riert. Zu kon­ser­va­ti­ve­ren Zei­ten wä­re das un­mög­lich ge­we­sen.

Freie­re Gestal­tung

Mat­thi­as Last hat bis­her ne­ben In­de­pen­dent-pro­jek­ten wie »Dum­my« und di­ver­sen Mo­de­zeit­schrif­ten am preis­ge­krön­ten Re­launch des »Frei­tag« und der Neu­ent­wick­lung der Schwei­zer »Ta­ges­wo­che« mit­ge­ar­bei­tet. Zu­dem ent­wi­ckel­te er Cor­po­ra­te-ma­ga­zi­ne für Un­ter­neh­men wie Por­sche und Te­le­kom. »Beim ›Fo­cus‹ liegt der Reiz für mich dar­in, ei­nen tra­di­ti­ons­star­ken Ti­tel zu mo­der­ni­sie­ren, der zwar nach­richt­li­chen Wert hat, aber sich seit der Grün­dung gestal­te­risch kaum ver­än­dert hat«, sagt Last. »Das ist sehr span­nend und letzt­lich her­aus­for­dern­der, als das x-te Fa­shionma­ga­zin noch schi­cker zu ge­stal­ten.« Gleich­zei­tig ging es na­tür­lich auch dar­um, ein alt­ein­ge­ses­se­nes Team zu be­geis­tern. »Wir wa­ren an­fangs drei Frem­de, die das Flagg­schiff so­zu­sa­gen ge­ka­pert ha­ben, in­zwi­schen aber merkt die Re­dak­ti­on, dass die­ser Um­schwung gut­tut.«

Ging es in der Gra­fik zu­vor vor al­lem dar­um, Text und Bild an­ein­an­der­zu­rei­hen und in di­ver­se Käs­ten zu pa­cken, ge­stal­ten die Lay­ou­ter jetzt frei­er aus ih­ren ei­ge­nen krea­ti­ven Ide­en her­aus. Auch wenn der Weg dort­hin nicht im­mer ein­fach war. »Egal, wel­chen Job ich ma­che, ich ma­che ihn hun­dert­pro­zen­tig«, sagt Mat­thi­as Last. »Das hebt die Din­ge, aber kann auch ganz schön an­stren­gend für die an­de­ren sein.« Jetzt aber gibt es »ei­nen Früh­ling in­ner­halb der Re­dak­ti­on«. Es herrscht ein neu­er Spi­rit, und na­tür­lich be­geis­tert auch Qua­li­tät ir­gend­wann.

The­men in Print so um­zu­set­zen, dass auch 30-Jäh­ri­ge sich da­für in­ter­es­sie­ren, und neue Le­ser zu bin­den ist das, was den De­si­gner reizt. Und er ist auch über­zeugt, dass das ge­lin­gen kann. Ganz so, wie die »New York Ti­mes« und auch die »ZEIT« es zei­gen. »Der ›Spie­gel‹ ist po­li­tisch, der ›stern‹ eher Il­lus­trier­te, der ›Fo­cus‹ aber ist of­fe­ner und per­fekt zwi­schen den bei­den an­ge­sie­delt«, so Last. sd

Agen­tur­por­trät: Stu­dio Last. Mehr über den Ber­li­ner De­si­gner, sei­ne Ar­beits­wei­se, sei­ne Kun­den und Pro­jek­te und was ihn in­spi­riert: ↗ www.pa­ge-online.de/agen­tur­por­trae­t_last »Auch ei­nem Nach­rich­ten­ma­ga­zin tut es gut, ei­ne Se­xy­ness zu ha­ben« Mat­thi­as Last, Grün­der von Stu­dio Last, Berlin www.stu­dio-last.com

Film­stars, um 180 Grad ge­dreht, Dop­pel­sei­ten, auf de­nen ver­schie­dens­te Fo­to­mo­ti­ve kraft­voll auf­ein­an­der­pral­len, Künst­ler­co­ver und prä­gnan­te Il­lus­tra­tio­nen: Der neue »Fo­cus« lässt Bil­der spre­chen

Das fle­xi­ble Spiel mit Text­spal­ten und klei­nen In­for­ma­ti­ons­ein­hei­ten, Er­läu­te­run­gen in den Bil­dern selbst und pla­ka­ti­ve In­fo­gra­fi­ken be­stim­men den neu­en Rhyth­mus des »Fo­cus«

So sah der »Fo­cus« vor dem schritt­wei­sen Re­launch aus – und so neue Co­ver, die es nicht in den Han­del ge­schafft ha­ben: Veg­gie-hot­dog von Sarah Il­len­ber­ger, ein be­son­de­rer Ab­schied von Hel­mut Kohl, die aus­ge­pi­xel­te Per­sön­lich­keit beim Burn-out – und ein...

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