Ty­po­s­to­ria: Ty­po­gra­fie in der Ns-zeit

Wie die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten auch mo­der­ne Gestal­tungs­mit­tel nutz­ten, um den Rück­schritt zu pro­pa­gie­ren

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Um den Rück­schritt zu pro­pa­gie­ren, mach­ten sich die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten auch mo­der­ne Gestal­tungs­mit­tel zu­nut­ze

● Ab dem 30. Ja­nu­ar 1933 ging es in Deutsch­land nicht nur po­li­tisch, son­dern auch kul­tu­rell steil berg­ab. Die Kunst der Mo­der­ne, ob Ex­pres­sio­nis­mus oder Funk­tio­na­lis­mus, wur­de als »ent­ar­tet« oder als »Kul­tur­bol­sche­wis­mus« ver­un­glimpft . Die Lis­te der Gestal­ter, die ein Ar­beits­ver­bot be­ka­men oder ins Exil gin­gen, liest sich wie ein Who’s who der Ty­po­gra­fie. Schon 1933 wur­de Wil­li Bau­meis­ter als Leh­rer für Wer­be­gra­phik und Ty­po­gra­phie an der Frank­fur­ter Kunst­ge­wer­be­schu­le ent­las­sen. Paul Ren­ner, Schöp­fer der Fu­tu­ra, muss­te die von ihm auf­ge­bau­te Meis­ter­schu­le für Buch­dru­cker in Mün­chen ver­las­sen. Jan Tschi­chold, dort seit 1926 Leh­rer für Ty­po­gra­phie und Kal­li­gra­phie, war kurz im Ge­fäng­nis und ging ins Exil in die Schweiz. Nach Auf­lö­sung des von ihm mit­ge­grün­de­ten »rings neu­er wer­be­ge­stal­ter« flüch­te­te Kurt Schwit­ters nach Nor­we­gen und spä­ter nach En­g­land. Her­bert Bay­er, frü­her Lei­ter der Dru­cke­rei und Re­klame­werk­statt am Des­sau­er Bau­haus, emi­grier­te 1938 in die USA, wo er als Ge­brauchs­gra­fi­ker und Be­ra­ter gro­ßer Un­ter­neh­men sehr ge­fragt war.

Völ­ki­sche Gestal­tung

Die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten mach­ten sich an die »durch­grei­fen­de mo­ra­li­sche Sa­nie­rung des Volks­kör­pers«. Auf die Bü­cher ver­bren­nun­gen im Mai 1933 folg­te

die Gleich­schal­tung von Ver­la­gen so­wie des Buch­han­dels. Ver­haf­tun­gen und Ent­eig­nun­gen lie­ßen zahl­lo­se Pres­se­er­zeug­nis­se der frei­zü­gi­gen Wei­ma­rer Re­pu­blik ver­schwin­den. Der neue Wer­be­rat der deut­schen Wirt­schaft, di­rekt Jo­seph Go­eb­bels’ Pro­pa­gan­da­mi­nis­te­ri­um un­ter­stellt, be­gann, die Wer­bung von Ju­den und Nicht­kon­for­men zu »säu­bern«. Über­all soll­te das »Ge­sun­de, Völ­ki­sche, Ger­ma­ni­sche« do­mi­nie­ren.

So weit, so schlecht – doch wie hat­te ei­ne »wahr­haft deut­sche« Druck­kunst ei­gent­lich aus­zu­se­hen? Wür­den die ge­bro­che­nen Schrif­ten die in den »ge­sin­nungs­lo­sen« Wei­ma­rer Jah­ren zu­neh­mend ver­brei­te­te An­ti­qua wie­der zu­rück­drän­gen? Tat­säch­lich ging der so­ge­nann­te Schrif­ten­streit um An­ti­qua oder Frak­tur schon auf das auf­klä­re­ri­sche 18. Jahr­hun­dert zu­rück, als die An­ti­qua durch fran­zö­si­schen Ein­fluss in Deutsch­land in den ge­bil­de­ten Schich­ten an Bo­den ge­wann (man pflegt die ge­bro­che­nen Schrif­ten oft un­ter dem Be­griff Frak­tur zu­sam­men­zu­fas­sen, ob­wohl die­se ne­ben der go­ti­schen Tex­t­u­ra, der Rot­un­da und der ge­run­de­ten Schwa­ba­cher ei­gent­lich ei­ne Un­ter­gat­tung der ge­bro­che­nen Schrif­ten dar­stellt).

»Ei­ne Ro­sen­he­cke, deut­scher Wald«

Seit­her er­hitz­te die Fra­ge nach ei­ner »ech­ten« deut­schen Druck­ty­pe im­mer wie­der die Ge­mü­ter. Nicht nur über die Les­bar­keit war man sich un­eins: Die Tra­di­tio­na­lis­ten et­wa be­haup­te­ten, dass das or­ga­ni­sche­re Schrift­bild der Frak­tur das Wort schnel­ler als ein »ge­schlos­se­nes ge­dank­li­ches Ge­bil­de« er­ken­nen lie­ße. Aber eben­so die Grund­satz­fra­ge nach ei­nem schwer zu de­fi­nie­ren­den »deut­schen We­sen« spiel­te im Schrif­ten­streit ei­ne gro­ße Rol­le.

Schon Goe­the hat­te die Frak­tur »ei­ne Of­fen­ba­rung deut­schen Ge­mü­tes« ge­nannt. Um 1930 sah et­wa der gro­ße Schrift­ent­wer­fer Ru­dolf Koch zwi­schen deut­scher Spra­che und Schrift »ei­nen selt­sa­men Zu­sam­men­hang, der mehr er­fühlt wer­den muß, als in Wor­ten aus­zu­drü­cken ist. Es lebt und webt et­was Wil­des, Küh­nes, Kämp­fe­ri­sches, Har­tes, Knor­ri­ges und auch wie­der Zar­tes, Fei­nes in ih­ren Zei­chen: ei­ne Ro­sen­he­cke, deut­scher Wald.«

Trotz al­ler Sti­li­sie­rung deut­scher Ei­gen­hei­ten wa­ren die Ver­fech­ter der Frak­tur al­so nicht durch die Bank weg un­be­lehr­ba­re Na­tio­na­lis­ten oder gar Fa­schis­ten. Schon 1910, als um das dro­hen­de Ver­bot der so­ge­nann­ten »deut­schen« Schrift in den Schu­len ge­strit­ten wur­de, hat­ten fort­schritt­li­che Gestal­ter wie Fritz Hel­muth Ehm­cke da­vor ge­warnt, na­tio­na­le Ge­sin­nung und Schrift­wahl mit­ein­an­der zu ver­men­gen. Es sei durch­aus nicht nö­tig, schrieb er in ei­nem Plä­doy­er zur Bei­be­hal­tung der Frak­tur, »ins asch­graue Ger­ma­nen­tum zu Bä­ren­fell und Me­t­horn hin­ab­zu­stei­gen, um die Be­kräf­ti­gung für deut­sches We­sen zu su­chen. Ei­ne fal­sche pa­trio­ti­sche Auf­fas­sung kann der Sa­che der Frak­tur nur scha­den und ihr das Miß­trau­en der ei­gent­lich kul­tur­för­dern­den Krei­se ein­tra­gen.«

Oh­ne die Mo­der­nis­ten geht es nicht

Kaum wa­ren sie an der Macht, er­klär­ten die Na­zis die Frak­tur zu ih­rer be­vor­zug­ten Druck­ty­pe. Doch ob­wohl Zei­tun­gen, Schul­bü­cher und of­fi­zi­el­le Pu­bli­ka­tio­nen wie­der in ge­bro­che­ner Schrift er­schie­nen, ver­schwand die An­ti­qua kei­nes­wegs von der Bild­flä­che. Die klas­si­zis­tisch-mo­der­ne Bay­er-ty­pe oder auch

die Bern­hard-an­ti­qua des jü­di­schen und längst in den USA le­ben­den Wer­be­ge­stal­ters Lu­ci­en Bern­hard blie­ben po­pu­lär. So­gar Gro­teskschrif­ten wie die Fu­tu­ra von Paul Ren­ner, ei­gent­lich In­be­griff des bei den Na­zis ver­hass­ten »li­be­ra­lis­ti­schen« Funk­tio­na­lis­mus, wa­ren bis 1945 weit­hin in Ge­brauch.

Obend­rein ent­stan­den neue An­ti­qua­schrif­ten wie Ja­kob Er­bars Can­di­da oder Ge­org Trumps Scha­dow mit ih­ren ecki­gen Se­ri­fen. Doch ob­wohl An­ti­qua und Gro­tesk be­son­ders in der Wer­bung – ein­schließ­lich der Ns-pro­pa­gan­da – oft an­zu­tref­fen wa­ren, hat­ten ins­ge­samt die ge­bro­che­nen Let­tern Kon­junk­tur. Dar­un­ter wa­ren so schö­ne Schrif­ten wie die Weiß- Go­tisch (1936) oder die Rund­go­tisch (1939) von Emil Ru­dolf Weiß so­wie die Wallau (1931) oder die Clau­di­us (1933) des 1934 ver­stor­be­nen Ru­dolf Koch.

Let­tern wie Sol­da­ten

Gleich­zei­tig boom­ten Schrift­krea­tio­nen, de­ren Na­men viel­sa­gend ge­nug sind: wie et­wa die Tan­nen­berg von Erich Mey­er (be­nannt nach ei­ner sieg­rei­chen Schlacht ge­gen die Rus­sen 1914), die Go­ten­burg von Fried­rich Hein­rich­sen, die Nürnberg, Sach­sen­wald, Stan­dar­te, Deutsch­land Deutsch­meis­ter, Groß­deutsch, Kur­mark oder Na­tio­nal. Re­du­zier­te, kan­ti­ge Ver­ti­ka­le in straf­fen Schrift­bän­dern be­stimm­ten die­se gleich­ge­schal­te­ten »Zei­chen volk­haf­ter We­sens­art«, wie Zeit­ge­nos­sen es for­mu­lier­ten.

Un­ter der Über­schrift »Deutsch­land mar­schiert!« pries die gro­ße Ber­li­ner Schrift­gie­ße­rei Bert­hold ei­ne neue Wer­be­schrift so an: »Tau­sen­de von Sol­da­ten der Deutsch­land-schrift ver­las­sen täg­lich in Reih und Glied un­se­re Schrift­gieß­ma­schi­nen. Vie­le Hun­dert­tau­sen­de ha­ben schon in Dru­cke­rei­en in al­len Tei­len Deutsch­lands Ein­zug ge­hal­ten. Dort wir­ken sie als Sol­da­ten deut­scher Wer­bung.«

In­ter­es­san­ter­wei­se sind die­se im Ver­gleich zu den ver­schnör­kel­ten ge­bro­che­nen Schrif­ten der Ver­gan­gen­heit stark ver­ein­fach­ten Ty­pen letzt­lich ge­stal­te­ri­scher Aus­druck der Neu­en Sach­lich­keit und wirk­ten auf die Zeit­ge­nos­sen ab­so­lut mo­dern. Tan­nen­berg und Co wer­den dar­um zur neu­en Schrift­form der so­ge­nann­ten ge­bro­che­nen Gro­tesk oder Frak­turGro­tesk ge­zählt, die oft­mals kri­tisch auch als »Schaft­stie­fel­gro­tesk« be­zeich­net wur­de.

Mit Ru­nen zu­rück zu den Ger­ma­nen?

In der Zeit­schrift »Die Schol­le« schlug man 1940 so­gar al­len Erns­tes vor, die Ru­nen als deut­sche Erst­schrift zu ver­wen­den. So weit moch­ten selbst die be­rüch­tig­ten Ru­n­en­fans wie der NSDAP- Chef­ideo­lo­ge Al­f­red Ro­sen­berg oder Reichs­füh­rer SS Hein­rich Himm­ler nicht ge­hen, doch er­leb­ten die al­ten ger­ma­ni­schen Al­pha­be­te ei­ne skur­ri­le Re­nais­sance. Die Ru­nen, die so­wohl ei­nen Laut­wert be­sit­zen als auch ei­nen mit ih­rem je­wei­li­gen Na­men iden­ti­schen Be­griff re­prä­sen­tie­ren, wur­den zu »hei­li­gen, ge­heim­nis­vol­len Kraft­zei­chen« hoch­sti­li­siert. Ei­ne be­son­de­re An­zie­hungs­kraft be­saß die s-för­mi­ge Son­nen­ru­ne, die als »Sieg­ru­ne« an­geb­lich die sie­gen­de Kraft sym-

Mo­der­nes Co­ver, re­ak­tio­när-na­tio­na­lis­ti­scher In­halt: »Ewi­ges Deutsch­land. Mo­nats­schrift für den deut­schen Volks­ge­nos­sen« von 1938

»Sinn­sprü­che« von Adolf Hit­ler, wo man hin­schau­te – hier im Haus des Ro­ten Kreu­zes in Ber­lin auf ei­ner von Gra­fi­ker Jo­han­nes Bo­eh­land be­schrif­te­ten Ta­fel

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