In­klu­si­ves De­sign

Gu­tes tun kann so ein­fach sein – wie Gestal­ter Blin­den den All­tag er­leich­tern und die Tren­nung zwi­schen Se­hen­den und Nicht­se­hen­den über­win­den wol­len, zei­gen wir an fol­gen­den In­clu­si­ve-de­sign-pro­jek­ten

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Wie Gra­fik- und UX De­si­gner den All­tag für Blin­de leich­ter ge­stal­ten und die Gren­ze zwi­schen Se­hen­den und Nicht­se­hen­den zu über­win­den ver­su­chen

● Be­reits wäh­rend ih­res Gra­fik­stu­di­ums ar­bei­te­te Nú­ria López ne­ben­bei als Gestal­te­rin. Ir­gend­wann aber stell­te sie sich die Fra­ge, war­um sie De­sign nur da­zu nutz­te, kom­mer­zi­el­le In­ter­es­sen durch­zu­set­zen, wenn sie doch da­mit auch be­nach­tei­lig­ten Men­schen hel­fen und da­zu bei­tra­gen könn­te, die Welt zu ei­nem bes­se­ren Ort zu ma­chen. Und so über­leg­te sie 2016 für ihr Ab­schluss­pro­jekt an der Kunst­hoch­schu­le im spa­ni­schen Je­rez de la Fron­te­ra, wel­che Pro­ble­me sie mit ih­ren De­signs­kills lö­sen könn­te. Wäh­rend ih­rer Re­cher­che stieß sie auf die Blin­den- Com­mu­ni­ty und sah dar­in ei­ne be­son­de­re Her­aus­for­de­rung – zielt Gra­fik­de­sign doch vor al­lem auf das vi­su­el­le Er­leb­nis.

Bald war die Idee zu Blind Words ge­bo­ren: ei­ner Ty­pe, die die be­kann­tes­te al­ler Blin­den­schrif­ten – Braille (sie­he Sei­te 53) – mit dem la­tei­ni­schen Al­pha­bet ver­bin­den und so für al­le zu­gäng­lich ma­chen soll. »Beim Ge­stal­ten war es wich­tig, die Vor­ga­ben der Braille­schrift, wie die Ab­stän­de der Punk­te zu­ein­an­der, zu be­den­ken und ins Ty­pede­sign zu in­te­grie­ren«, be­rich­tet López. Da­her ent­wi­ckel­te sie zu­nächst ein Ras­ter, das Grö­ße, Zwi­schen­räu­me und Kom­bi­na­ti­ons­mög­lich­kei­ten der sechs Braille-punk­te wie­der­gibt, um die la­tei­ni­schen Buch­sta­ben ein­zu­bet­ten. »Blind Words kom­bi­niert zwei kom­plett un­ter­schied­li­che Zei­chen­sys­te­me und stellt so das Gra­fik­de­sign hin­sicht­lich sei­ner Fä­hig­kei­ten zur Über­set­zung von In­for­ma­tio­nen auf die Pro­be«, so Nú­ria López. Auch wenn das Pro­jekt vor al­lem Se­hen­de sen­si­bi­li­siert und sie dar­in un­ter­stützt, die Braille­zei­chen zu ver­ste­hen, er­mög­licht sie Blin­den mehr Sicht­bar­keit und Teil­ha­be im All­tag. So kam die Schrift be­reits in der Iden­ti­ty ei­ner Aus­stel­lung im ecua­do­ria­ni­schen Mu­se­um für Mo­der­ne Kunst zum Ein­satz.

Work in Pro­gress

Ähn­lich wie Blind Words ver­bin­det die Braille Neue von Ko­suke Ta­ka­ha­shi die Punkt­schrift mit la­tei­ni­schen Buch­sta­ben, um Se­hen und Füh­len gleich­zei­tig zu er­mög­li­chen – al­ler­dings kom­men bei dem Gra­fik­de­si­gner aus To­kio noch ja­pa­ni­sche Schrift­zei­chen hin­zu. Den An­stoß zu dem Pro­jekt gab der Be­such in ei­ner Au­gen­kli­nik, wo Ta­ka­ha­shi er­leb­te, wie schnell Blin­de in Braille ge­setz­te Tex­te mit den Fin­ger­kup­pen ent­zif­fer­ten. »Ich frag­te mich, ob es für Se­hen­de mög­lich ist, Braille zu le­sen«, er­klärt der De­si­gner. Er

stell­te fest, dass das Punk­t­al­pha­bet zwar auf ei­ner ge­wis­sen Lo­gik ba­siert, doch dass Se­hen­de sie sich nicht so leicht er­schlie­ßen kön­nen. Des­we­gen be­schloss er, ei­ne in­klu­si­ve Schrift zu ent­wi­ckeln, die Braille und Buch­sta­ben be­zie­hungs­wei­se Schrift­zei­chen kom­bi­niert und da­durch für Blin­de und Se­hen­de glei­cher­ma­ßen les­bar ist.

Bei der Um­set­zung zeig­te sich, wie schwie­rig es ist, bei­den Sei­ten ge­recht zu wer­den – denn die Schrif­ten soll­ten nicht nur gut zu le­sen sein, son­dern auch äs­the­ti­schen An­sprü­chen ge­nü­gen. Zu­erst ver­such­te Ko­suke Ta­ka­ha­shi, die Braille-punk­te in ja­pa­ni­sche Schrift­zei­chen zu in­te­grie­ren, »doch das Er­geb­nis war furcht­bar un­le­ser­lich – die bei­den Sys­te­me sind ein­fach zu ver­schie­den«, er­klärt er. So fing er doch mit der Kom­bi­na­ti­on von Braille und la­tei­ni­schen Buch­sta­ben an. Mit die­ser Er­fah­rung fiel ihm die ja­pa­ni­sche Ver­si­on an­schlie­ßend leich­ter.

Seit Sep­tem­ber 2016 be­schäf­tig­te er sich mit der Schrift und fer­tig­te un­zäh­li­ge Skiz­zen an. Zu­nächst al­lein, dann mit ei­nem blin­den Freund und wei­te­ren De­si­gnern. Ent­stan­den ist ne­ben der Braille Neue für la­tei­ni­sche Buch­sta­ben die Ver­si­on Braille Neue Out­li­ne, die auch ja­pa­ni­sche Schrift­zei­chen um­fasst. Bei­de Schrif­ten be­greift Ta­ka­shi als work in pro­gress, an­de­re (Ty­pe-)de­si­gner dür­fen sich gern be­tei­li­gen und ihn für Kol­la­bo­ra­tio­nen kon­tak­tie­ren. »Je mehr Kom­bi­na­tio­nen von Braille und her­kömm­li­chen Schrif­ten es gibt, des­to all­täg­li­cher wird Braille«, sagt Ko­suke Ta­ka­ha­shi. Ei­nen rein tak­ti­len Zu­gang zur Blin­den­schrift bie­tet »Fitt­le«, ein in 3D ge­druck­tes »Braille Li­ter­a­cy Puz­zle«, mit dem sich das Punk­t­al­pha­bet spie­le­risch ler­nen lässt (sie­he Sei­te 47).

Raus aus al­ten Mus­tern

Ei­nen völ­lig an­de­ren An­satz hat And­rew Che­pai­tis ge­wählt. Als sei­ne Groß­mut­ter er­blin­de­te und es – ob­wohl sie ei­ne sehr klu­ge Frau war – nicht schaff­te, Braille zu ler­nen, be­gann er zu­sam­men mit sei­ner Mut­ter nach ei­ner Lö­sung zu su­chen. Das war 1988. Sei­ne Mut­ter Elia Che­pai­tis, Pro­fes­so­rin der Phi­lo­so­phie, skiz­zier­te da­mals ers­te De­signs für ei­ne völ­lig neue Sym­bol­schrift, ließ die­se dann aber zu­nächst in der Schub­la­de ru­hen. And­rew Che­pai­tis, der ei­gent­lich aus der Wirt­schaft kommt, griff die Ide­en sei­ner

Mut­ter zehn Jah­re spä­ter auf und ent­wi­ckel­te sie mit Un­ter­stüt­zung ei­nes be­freun­de­ten Gra­fik­de­si­gners, Ho­sea Frank, zur ELIA Fra­mes wei­ter, ei­ner Sym­bol­schrift, die für Blin­de wie für Se­hen­de les­bar sein soll.

War­um aber über­haupt ei­ne ganz neue Schrift? »Braille ist bald 200 Jah­re alt und nicht an die op­ti­ma­le Er­lern­bar­keit und Les­bar­keit an­ge­passt, son­dern viel­mehr an die druck-tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten der da­ma­li­gen Zeit. Es muss ei­ne zeit­ge­mä­ße Lö­sung her«, er­klärt Che­pai­tis. Ne­ben Braille gab es schon im­mer auch an­de­re Blin­den­schrif­ten, dar­un­ter den Sym­bol­font Moon Ty­pe oder die New York Po­int, die ähn­lich wie Braille auf Punk­ten ba­siert. Al­ler­dings fan­den die­se Schrif­ten kaum An­wen­dung.

Die Zei­chen der ELIA Fra­mes ha­ben je­weils ent­we­der ei­nen Kreis, ein Qua­drat oder ein Haus als Gr­und­form. Im In­ne­ren fin­den sich gra­fi­sche Ele­men­te, die – mal mehr, mal we­ni­ger – an den je­wei­li­gen la­tei­ni­schen Aus­gangs­buch­sta­ben er­in­nern. Gut zu er­ken­nen ist das zum Bei­spiel am D, das aus ei­nem nicht ganz voll­ende­ten Kreis mit ei­ner senk­rech­ten Li­nie im In­ne­ren be­steht. Seit der Grün­dung des Un­ter­neh­mens ELIA Life Tech­no­lo­gy im Jahr 2000 ar­bei­tet And­rew Che­pai­tis mit ei­nem Team wei­ter an der Ent­wick­lung der Schrift. Seit­her fan­den un­zäh­li­ge User-tests statt, um die ein­zel­nen Zei­chen so in­tui­tiv wie mög­lich zu ge­stal­ten. Kürz­lich hat das Un­ter­neh­men ein er­folg­rei­ches Kick­star­ter-pro­jekt ab­ge­schlos­sen, um et­wa Tas­ta­tur- Over­lays für ELIA Fra­mes zu pro­du­zie­ren. Auf län­ge­re Sicht ist au­ßer­dem ein Ge­rät ge­plant, mit dem sich die neue Blin­den­schrift auch zu Hau­se dru­cken lässt.

Text-to-braille

Bis­her steht we­ni­ger als ein Pro­zent al­ler ge­druck­ten Tex­te über­haupt in Blin­den­schrift zur Ver­fü­gung. Es gibt zwar Apps und De­vices, die di­gi­tal vor­lie­gen­de Tex­te in Au­dio um­wan­deln, oder die Braille-smart­watch Dot ( https://do­tin­corp.com ), die Na­vi­ga­ti­ons­hin­wei­se, Text­nach­rich­ten et ce­te­ra in Braille aus­spielt, aber kein Ge­rät, das Blin­den Print­me­di­en wie Brie­fe, Fly­er oder Spei­se­kar­ten zu­gäng­lich macht. Team Tac­ti­le, ei­ne Grup­pe jun­ger Mit-ab­sol­ven­tin­nen, hat des­halb ein Ge­rät er­fun­den, das ge­nau das er­mög­licht. Die Idee ent­stand auf ei­nem Hacka­thon, wo sie so viel Zu­spruch fand, dass sich die Ent­wick­le­rin­nen an­schlie­ßend ans Werk mach­ten, das Pro­jekt pro­fes­sio­nell um­zu­set­zen. Bei Tac­ti­le han­delt es sich um ei­nen trag­ba­ren Scan­ner, der Print­tex­te in Braille­schrift kon­ver­tiert und über ei­ne me­cha­ni­sche Dis­play­zei­le am Ge­rät les­bar macht. Da­zu gibt es ei­ne Smart­pho­ne-app, die mit ei­ner Tex­ter­ken­nungs­soft­ware die Über­set­zungs­ar­beit leis­tet und es auch er­laubt, Tex­te zu spei­chern und zu tei­len.

Der­zeit läuft noch das Pa­ten­tie­rungs­ver­fah­ren für Tac­ti­le. Geht es nach den Er­fin­de­rin­nen, ist der Text­to-braille-kon­ver­ter aber schon in die­sem Jahr er­hält­lich. »Uns ist wich­tig, dass es all­tags­taug­lich ist und wir je­den da­mit er­rei­chen kön­nen, in­dem wir es so güns­tig wie mög­lich auf den Markt brin­gen«, so Jes­si­ca Shi. Team Tac­ti­le legt eben­so wie die ELIA Life Tech­no­lo­gy be­son­ders viel Wert auf User-tests: »Ei­ne gro­ße Hil­fe bei un­se­ren Fra­gen war ein Pro­fes­sor am MIT, der seit sei­nem drit­ten Le­bens­jahr blind ist und uns als Test­per­son zur Sei­te stand. Au­ßer­dem ha­ben wir das Glück, in ei­ner Ge­gend zu le­ben, in der es vie­le Ein­rich­tun­gen für Seh­be­hin­der­te gibt – auch dort konn­ten wir User-tests durch­füh­ren«, be­rich­tet Jes­si­ca Shi.

In­ter­net für al­le

Team Tac­ti­le ar­bei­tet der­zeit dar­an, die App mit an­de­ren Braille-dis­plays kom­pa­ti­bel zu ma­chen, da­mit sich das Sys­tem in Zu­kunft un­ab­hän­gig von der Hard­ware nut­zen lässt. Ein An­lie­gen, für das sich auch Un­ter­neh­men wie App­le, Goog­le und Mi­cro­soft ein­set­zen: Mit dem neu­en Usb-stan­dard HID (Hu­man In­ter­face De­vice) sol­len sich Braille-dis­plays, al­so Ge­rä­te, die Bild­schir­min­hal­te in Braille­schrift aus­ge­ben, bald un­kom­pli­ziert an Smart­pho­nes, Ta­blets und PCS an­schlie­ßen las­sen. Bis­her ist die In­stal­la­ti­on sehr um­ständ­lich, man be­nö­tigt für je­des Ge­rät ei­nen an­de­ren Trei­ber, je­de Men­ge Ge­duld – und vor al­lem: Hil­fe von Se­hen­den. Der Hid-stan­dard für Braille-dis­plays soll vor­aus­sicht­lich ab 2019 ver­füg­bar sein ( https://is.gd/hi­d_usb).

Die Nut­zung des In­ter­nets ge­hört heu­te zu ei­nem selbst­be­stimm­ten Le­ben da­zu. Das soll­ten UX De­si­gner auch bei der Ent­wick­lung von Web­sites im Hin­ter­kopf be­hal­ten. In­klu­si­ves De­sign darf nicht als zu­sätz­li­cher Kos­ten­fak­tor be­trach­tet wer­den, der größ­ten­teils un­sicht­bar bleibt, son­dern viel­mehr als Tür­öff­ner zu ei­ner neu­en Ziel­grup­pe. Grund ge­nug, sich ein­mal ver­stärkt mit dem The­ma aus­ein­an­der­zu­set­zen und den ste­tig wach­sen­den Markt im Au­ge zu be­hal­ten. lle/lr [5795]

Auch der Sym­bol­font ELIA Fra­mes ist für Se­hen­de wie Blin­de glei­cher­ma­ßen les­bar. Die durch­schnitt­li­che Lern­dau­er des neu­ar­ti­gen Al­pha­bets soll nur rund vier Stun­den be­tra­gen (www.thee­li­ai­dea.com)

Der ers­te Pro­to­typ des Text-to-braille-kon­ver­ters Tac­ti­le (oben) hat sich nach di­ver­sen User-tests stark wei­ter­ent­wi­ckelt und ist mitt­ler­wei­le nicht nur äs­the­ti­scher de­signt, son­dern auch leich­ter trag­bar und dank klei­ne­rer Text­zei­le bes­ser les­bar (Mit­te). Un­ten ist das Dis­play zu se­hen, das den Text in der Blin­den­spra­che aus­gibt – auch die­ses ist mitt­ler­wei­le deut­lich kom­pak­ter ge­stal­tet (www.team­t­ac­ti­le.com)

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