Job, Ge­halt & Per­spek­ti­ven

Pro­du­cer ar­bei­ten heu­te nicht mehr nur beim Film, son­dern ge­stal­ten auch im­mer­si­ve Er­leb­nis­se im Raum, in Vir­tu­al Rea­li­ty und auf der Büh­ne

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Was macht ei­gent­lich ein Pro­du­cer für im­mer­si­ve Me­di­en?

Crea­ti­ve Pro­du­cer für im­mer­si­ve Me­di­en ist kein of­fi­zi­el­ler Aus­bil­dungs­be­ruf – und die Be­rufs­be­zeich­nung wirft erst ein­mal Fra­gen auf. Das je nach Kun­de und Pro­jekt va­ri­ie­ren­de Tä­tig­keits­feld um­fasst Krea­tiv­dis­zi­pli­nen von Mo­ti­on- über Kom­mu­ni­ka­ti­ons- bis hin zu Aus­stel­lungs­de­sign und Szeno­gra­fie. Wir spra­chen mit Pro­du­cer Hen­ry Hil­ge, der zu­sam­men mit Mar­ken­film SPACE an im­mer­si­ven Pro­jek­ten ar­bei­tet, über die wich­tigs­ten Fä­hig­kei­ten, die man für den Job braucht.

Wel­che Art von Pro­jek­ten macht ein Pro­du­cer für im­mer­si­ve Me­di­en – und für wen?

Hen­ry Hil­ge: Die Auf­trag­ge­ber sind so viel­fäl­tig und un­ter­schied­lich wie die Pro­jek­te, die man be­treut. Mal ar­bei­tet man für ei­ne Agen­tur für Kom­mu­ni­ka­ti­on im Raum an ei­ner Mu­se­ums­aus­stel­lung, mal für ei­ne Wer­be­agen­tur, die ei­nen Mul­ti­me­di­a­spe­zia­lis­ten für ei­ne in­ter­ak­ti­ve In­stal­la­ti­on braucht. Kein Pro­jekt gleicht dem an­de­ren und je­des Mal bringt man neue Er­fah­rungs­wer­te mit ein.

Wie ge­winnt man die nö­ti­gen Kennt­nis­se für ein so breit ge­fä­cher­tes Tä­tig­keits­feld?

Ei­nen klas­si­schen Aus­bil­dungs­weg gibt es nicht. Ich selbst ha­be zu­nächst Me­di­en­ge­stal­ter mit Schwer­punkt Di­gi­ta­le Me­di­en ge­lernt und an­fangs als Web­de­si­gner ge­ar­bei­tet. So ha­be ich Er­fah­run­gen mit Pro­gram­mie­rung und Be­nut­zer­füh­rung ge­sam­melt. Spä­ter ha­be ich dann Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign an der Hoch­schu­le der Bil­den­den Küns­te Saar stu­diert, wo ich sehr in­ter­dis­zi­pli­när ar­bei­ten konn­te. Das war ei­ne gu­te Grund­la­ge. Par­al­lel zum Stu­di­um ha­be ich als Mo­ti­on De­si­gner ge­jobbt und klas­si­sche Vi­su­al-ef­fects-pro­duk­ti­on ge­macht. In mei­ner Ab­schluss­ar­beit be­zog ich mit­tels Pro­jec­tion Map­ping den Raum mit ein – wo­bei es den Be­griff da­mals noch gar nicht gab. Ich fand es span­nend, den non­linea­ren, be­weg­li­chen Raum mit der Li­nea­ri­tät des Films zu ver­bin­den.

Was hast du nach dei­nem Di­plom ge­macht?

Zu­nächst ha­be ich Pro­jek­tio­nen für Büh­nen­bil­der im Saar­län­di­schen Staats­thea­ter ge­stal­tet, wo­bei ich Er­fah­run­gen in Re­gie und Dra­ma­tur­gie sam­meln konn­te. Das hat mir spä­ter bei der Be­nut­zer­füh­rung für Kom­mu­ni­ka­ti­on im Raum sehr ge­hol­fen. Da­nach fing ich bei Ate­lier Mark­graph in Frank­furt als Pro­duk­ti­ons­lei­ter für in­ter­ak­ti­ve Ex­po­na­te an und lern­te die Welt der Mar­ken­in­sze­nie­run­gen ken­nen. Be­son­ders span­nend fand ich die gro­ßen Shows auf den Au­to­mes­sen – mit den Bud­gets der Au­to­kon­zer­ne hat man we­sent­lich mehr Mög­lich­kei­ten als am Thea­ter. An­schlie­ßend wech­sel­te ich zu Mo­ment Fac­to­ry in Mon­tre­al, wo ich als Mul­ti­me­dia Di­rec­tor Me­di­en im Raum mit In­ter­ak­ti­on

und Szeno­gra­fie kom­bi­nier­te wie un­ter an­de­rem für Broad­way-shows in New York und für ver­schie­de­ne Pro­jek­te in Asi­en. Seit Herbst 2017 le­be ich als frei­er Crea­ti­ve Pro­du­cer für im­mer­si­ve Me­di­en in Frank­furt am Main und ar­bei­te un­ter an­de­rem für Mar­ken­film SPACE.

Das klingt, als sei man als Crea­ti­ve Pro­du­cer viel un­ter­wegs?

Ja. Die Pro­jek­te sind fast nie an dem Ort, wo du selbst wohnst. Weil man im­mer ei­nen per­sön­li­chen Ein­druck von den Räu­men braucht, muss man viel rei­sen – das funk­tio­niert ein­fach nicht aus der Ent­fer­nung. Wer die­sen Job ma­chen will, muss al­so viel Rei­se­zeit ein­pla­nen und In­ter­es­se und Ver­ständ­nis für an­de­re Kul­tu­ren mit­brin­gen.

Wann kommst du zu ei­nem Pro­jekt da­zu, und wie geht es dann wei­ter?

Als Crea­ti­ve Pro­du­cer ha­be ich meist nicht den ers­ten Kun­den­kon­takt. Die­ser liegt bei Mar­ken­film SPACE, die wie­der­um mich be­auf­tragt. Ich bin da­für ver­ant­wort­lich, dass die ge­ne­rel­le Idee des Kun­den Rea­li­tät wird. Die ers­te und wich­tigs­te Pha­se ist die Kon­zep­ti­on. Hier eva­lu­ie­re ich, was in dem vor­ge­se­he­nen Rah­men mög­lich ist und ent­wick­le ers­te Ide­en. Da­bei ar­bei­te ich meist für mich al­lein. So­bald das Grund­ge­rüst steht, stel­le ich das pas­sen­de Team für das je­wei­li­ge Pro­jekt und für mei­ne Vi­si­on zu­sam­men.

Wel­che Dis­zi­pli­nen ge­hö­ren zu so ei­nem Team?

Klas­si­scher­wei­se gibt es drei Kern­po­si­tio­nen: Ne­ben mir als Crea­ti­ve Pro­du­cer sind das der Tech­ni­cal Di­rec­tor, der für Ma­te­ri­al und Sup­port zu­stän­dig ist, und der klas­si­sche Pro­du­cer, der sich ums Pro­jekt­ma­nage­ment und um das Bud­get küm­mert. Da­zu su­che ich mir – je nach Pro­jekt – Mo­ti­on De­si­gner, So­und­spe­zia­lis­ten, In­ter­ac­tion De­si­gner, Fil­me­ma­cher, Szeno­gra­fen et ce­te­ra. Da­bei ach­te ich im­mer dar­auf, dass das Team per­sön­lich so­wie vom Stil her zu­sam­men­passt. Da­für braucht es ins­ge­samt ei­nen gu­ten Über­blick über Ge­wer­ke, An­bie­ter und Tech­no­lo­gi­en. Ge­mein­sam ent­wi­ckeln wir das Kon­zept im krea­ti­ven Ping­pong wei­ter und brin­gen uns ge­gen­sei­tig auf neue Ide­en. Wie bei ei­nem Puz­zle ent­steht so Stück für Stück ei­ne kon­kre­te Vor­stel­lung vom fi­na­len Pro­dukt. In die­ser Pha­se spie­le ich als Crea­ti­ve Pro­du­cer ei­ne Schlüs­sel­rol­le, um die Vi­si­on zu schär­fen, sie bei je­dem Te­am­mit­glied zu ver­an­kern und mög­lichst kon­kre­te Auf­ga­ben für die Um­set­zung zu ver­tei­len. Ich muss da­für sor­gen, dass al­le am Ball blei­ben und mög­lichst viel Spaß an der Ar­beit ha­ben. Das hat viel mit Men­to­ring und Sup­port zu tun und er­for­dert ein Ge­spür da­für, was je­mand in ei­nem be­stimm­ten Mo­ment von ei­nem braucht.

Bei De­sign und Pro­duk­ti­on bist du dann we­ni­ger in­vol­viert?

Ge­nau. So­bald das Kon­zept steht, setzt je­de Dis­zi­plin ih­ren Teil ei­gen­stän­dig um und wir kom­men in re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den zu­sam­men, um uns ab­zu­glei­chen. Ich hal­te mich da­bei be­wusst zu­rück und ver­las­se mich auf die Leu­te, die ich ja selbst als Le­ad für das je­wei­li­ge The­ma aus­ge­wählt ha­be. Sonst en­det man schnell im Mi­kro­ma­nage­ment. Das tut ei­nem selbst nicht gut – den an­de­ren auch nicht. In der Pro­duk­ti­ons­pha­se wird das Team meist grö­ßer und das Pro­jekt­ma­nage­ment straf­fer. Dann geht es für mich haupt­säch­lich um die Steue­rung des Pro­zes­ses und die Vor­be­rei­tung von Prä­sen­ta­tio­nen.

Bei der In­te­gra­ti­on geht es dann ans Ein­ge­mach­te.

Die­se Pha­se ist be­son­ders in­ten­siv, weil man vor Ort al­les zu­sam­men­bringt und die Idee das ers­te Mal rea­le For­men an­nimmt. Jetzt sieht man, ob al­les so klappt, wie ge­plant, oder ob man um­dis­po­nie­ren muss. Da ar­bei­tet man schon mal drei bis sechs Wo­chen durch, bis al­les per­fekt ist. Bei Mar­ken­film SPACE ma­chen wir kei­ne Pro­jek­te von der Stan­ge. Meist han­delt es sich um Ar­bei­ten und An­wen­dun­gen, die vor uns noch nie­mand rea­li­siert hat. Da zit­tert man doch ab und zu, ob al­les so wird, wie man sich das vor­ge­stellt hat. Wenn am En­de al­les passt, ist das ein un­glaub­lich gu­tes Ge­fühl.

Be­vor ei­ne In­stal­la­ti­on Wirk­lich­keit wird, ist sie oft schwer vor­stell­bar. Wie vi­sua­li­sierst du Ide­en für den Kun­den?

Ich ver­wen­de viel Zeit dar­auf, in Po­wer­point oder Keyno­te Prä­sen­ta­tio­nen zu ge­stal­ten, die un­se­re Ide­en für den Kun­den greif­bar ma­chen. Sto­ry­tel­ling ist hier­bei un­ge­mein wich­tig. An­fangs hat mich die­ser Teil des Jobs ab­ge­schreckt, aber mitt­ler­wei­le macht es mir gro­ßen Spaß, un­se­re Vi­sio­nen in Ge­schich­ten zu ver­pa­cken und da­mit den Kun­den ab­zu­ho­len und zu be­geis­tern. Hier ar­bei­te ich un­ter an­de­rem mit di­gi­ta­len Ren­de­rings der Räu­me und mit Ani­ma­tics, al­so ge­film­ten Sto­ry­boards. Da­bei muss man aber deut­lich kom­mu­ni­zie­ren, dass es sich um ein Kon­zept han­delt und dass das Er­geb­nis even­tu­ell an­ders aus­se­hen kann – et­wa wenn sich im Pro­jekt­ver­lauf Ein­schrän­kun­gen bei zeit­li­chen, fi­nan­zi­el­len oder tech­ni­schen Res­sour­cen er­ge­ben.

Spä­ter gibt es aus­ge­feil­te­re Vi­sua­li­sie­run­gen wie di­gi­ta­le 3D-mo­del­le des Raums, die man mit­tels VRB­ril­len be­tre­ten kann. Auch hap­ti­sche Mock­ups sind sehr hilf­reich, um et­wa ei­nen räum­li­chen Ein­druck von der Grö­ße ei­nes Screens zu be­kom­men. Das kön­nen auch ganz sim­ple Pa­pier­pro­to­ty­pen sein. Ab ei­nem be­stimm­ten Punkt muss man ei­nen Pro­be­auf­bau ma­chen, um Pro­por­tio­nen und Raum­wir­kung zu tes­ten. Mar­ken­film hat hier den ent­schei­den­den Vor­teil, dass sie als Pro­duk­ti­ons­fir­ma drei gro­ße Stu­di­os vor den To­ren Ham­burgs hat, in de­nen wir uns aus­to­ben kön­nen.

Wel­che Tools und Pro­gram­me muss man als Crea­ti­ve Pro­du­cer be­herr­schen?

Das ist schwer zu sa­gen. Ich per­sön­lich bin recht breit auf­ge­stellt, aber das ist kei­ne zwin­gen­de Vor­aus­set­zung. Sket­chen zu kön­nen, um Ide­en schnell zu Pa­pier zu brin­gen, ist ein gro­ßer Vor­teil. Ge­ne­rell ist es hilf­reich, die Tools der an­de­ren zu ken­nen

»Neu­gier und Of­fen­heit für vie­le un­ter­schied­li­che Be­rei­che sind ein ab­so­lu­tes Muss in mei­nem Job. Ich bin wie ein Schwamm, der stän­dig und in al­len Le­bens­la­gen Ein­drü­cke auf­saugt« Hen­ry Hil­ge, Crea­ti­ve Pro­du­cer für im­mer­si­ve Me­di­en

Crea­ti­ve Pro­du­cer Hen­ry Hil­ge (links) im Ge­spräch mit Chris­to­pher Schultz, Ge­schäfts­lei­ter Mar­ken­film SPACE

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