Das Pro­dukt ist der Star

...und braucht die rich­ti­ge Büh­ne. Das sind die ak­tu­el­len Trends der Pro­dukt­in­sze­nie­rung

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● Schon vor tau­send Jah­ren wuss­ten Kauf­leu­te, dass Kun­den von ei­ner sorg­fäl­ti­gen Prä­sen­ta­ti­on auf Qua­li­tät und Wert der Wa­re schlie­ßen. Im di­gi­ta­len Zeit­al­ter heißt das un­ter an­de­rem, dem Pro­dukt den ge­büh­ren­den Raum für ei­nen wir­kungs­vol­len Auf­tritt zu ge­ben, statt es gleich in ei­nem Wirr­warr pe­ne­tran­ter »Jetzt kau­fen«­but­tons und De­tail­in­fos un­ter­ge­hen zu las­sen. Tat­säch­lich geht der Trend im E­com­mer­ce­de­sign zu äu­ßerst groß­zü­gi­gen Lay­outs: Man schwebt durch opu­len­te Bild­wel­ten zum ei­gent­li­chen Kauf­pro­zess. Und na­he­zu je­des Pro­dukt bis hin zum Schrau­ben­zie­her kann auf gro­ßen, clea­nen und pro­fes­sio­nel­len Fo­tos gut aus­se­hen.

Ein Mus­ter­bei­spiel da­für, was üp pi­ge Ins­ze­nie­rung ver­mag, lie­fert der Ams­ter­da­mer De­si­gn­buch­la­den Men­do, von den Spe­zia­lis­ten bei Aww­wards zur E­com­mer­ce­web­site des Jah­res 2017 ge­kürt. Die glei­chen Bü­cher gibt’s auch bei Ama­zon, aber durch Ku­ra­tie­rung und ei­ne a ttrak­ti­ve P rä­sen­ta­ti­on wird www.men­do.nl zum »can­dy shop for book afi­cio­na­dos«. Die Bran­ding­agen­tur Build in Ams­ter­dam, die Word­press und d as Woo­com­mer­ce­plug­in nutz­te, ließ sich bei den Ani­ma­ti­ons­ef­fek­ten vom Blät­tern durch ech­te Bü­cher in­spi­rie­ren.

Oh­ne Fleiß kein Preis

Für die Sei ten zu den ein­ze lnen Pu­bli­ka­tio­nen liefer­te die Agen­tur dem Men­do­team opu­len­te Tem­pla­tes, die Tex­te, ein in gro ßen Let­tern als T icker durch­lau­fen­des Zitat, Co­ver­fo­tos so­wie ge­ra­de­zu rie­si­ge Ein­zel­bil­der aus den Bü­chern vor­se­hen (Letz­te­re müs­sen da­zu bei den Ver­la­gen ei­gens an­ge­fragt wer­den). »Beim Upload der Co­ver­jpegs fü­gen CSSFunk tio nen­schlag­schat­ten, ab­ge­run­de­te Ecken, wei­che Über­gän­ge und Buch­rü­cken hin­zu, so­dass die Bü­cher echt aus­se­hen«, er­klärt Ju­li­an Mol­le­ma von Build in Ams­ter­dam. »Dop­pel­sei­ten muss das Men­do­team selbst vor grau­em Hin­ter­grund fo­to­gra­fie­ren, wo­bei der Sty­le­gui­de ei­nen Win­kel von 45 Grad vor­schreibt. Wir fü­gen in Pho­to­shop ei­nen ›Mul­ti­ply‹­lay­er in der je­weils zum Buch pas­sen­den Far­be hin­zu.«

So ein A uf­wand lohnt nur bei Bo utique­shops mit ei­nem ü ber­schau­ba­ren An­ge­bot? Kei­nes­wegs, wie Wed’ze, die Ski­und Snow­board­mar­ke des fran­zö­si­schen Sportrie­sen De­c­ath­lon, be­weist. Seit zwei Win­tern be­treibt sie ei­ne klei­ne Ext ra­site für al­le, die bei der Fül­le der Ski­bril­len nicht durch­bli­cken.

Die Agen­tur Aka­ru ent­wi­ckel­te mit dem Cgi­stu­dio Ho­cus Po­cus, bei­de aus Lyon, den Mi­ni­sto­re http:// gogg­les.wed­ze.com mit spek­ta­ku­lär prä­sen­tier­ten 3D­mo­del­len der je­wei­li­gen Kol­lek­ti­on. Ein kur­zer Fra­ge­bo­gen lei­tet den Nut­zer zu den für ihn ge­eig­ne­ten Bril­len, die er frei dre­hen und wen­den kann. Zur Kauf­abwick­lung geht’s an­schlie­ßend in den gro­ßen De­c­ath­lon­on li­ne­shop.

Web­de­sign und (kein) Pa­cka­ging

Was aber tun bei Pro­duk­ten, die man schlecht ab­bil­den kann, wie Kaf­fee oder Reis? Im Shop der Rös­te­rei Ce­re­mo­ny Cof­fee stellt die Agen­tur Dr­ex­ler aus Bal­ti­more die ver­schie­de­nen Ge­schmacks­rich­tun­gen mit über­ra­schen­den Bil­der dar, et­wa mit ei­nem Ap­fel, Brom­bee­ren oder Ka­ra­mellkek­sen, was dank kon­se­quen­tem Mi­ni­ma­lis­mus und ex­qui­si­ten Frei­stel­lern sehr edel wirkt. Auch auf Klick zur Ar­ti­kel­sei­te er­schei­nen nur die Sym­bol­bil­der und die für den Kauf un­er­läss­li­chen Infos. Erst beim Wei­ter­scrol­len taucht ein Be­schrei­bungs­text auf, der auch Neu­lin­gen un­ge­ahn­te Wis­sens­di­men­sio­nen be­züg­lich Pro­duk­ti­on und Ge­schmack von Kaf­fee er­öff­net.

Tat­säch­lich kann die Ab­bil­dung von Ver­pa­ckun­gen zum Pro­blem wer­den, wenn vor­han­de­ne Mar­ken ei­nen Web­shop be­kom­men und man Bran­ding und Web­de­sign im Nach­hin­ein auf­ein­an­der ab­stim­men muss. Im E­com­mer­ce­zeit­al­ter gilt es, schon beim Pa­cka­ging De­sign im »Di­gi­tal First«­sinn zu den­ken. Per­fekt fügt sich al­les bei www.reis­hun­ger.de in­ein­an­der. Die Bre­mer Fir­ma im­por­tiert ver­schie­dens­te Reis­sor­ten di­rekt von den Her­stel­lern und ver­kauft sie sehr er­folg­reich on­li­ne. Hilf­reich für ein kon­sis­ten­tes De­sign ist na­tür­lich, dass von Print bis Web durch­gän­gig Fu­tu­ra ge­nutzt wird. Zum Lo­go ge­hört auch ei­ne klei­ne kreis­för­mi­ge Flä­che, auf der ein­zel­ne Reis­kör­ner lie­gen – je­des Reis­korn zählt, so die Bot­schaft. Al­le Sor­ten ha­ben die glei­che Ver­pa­ckung, was nicht nur lo­gis­tisch prak­tisch ist, son­dern der Web­site auch Ein­heit­lich­keit gibt. Für farb­li­che Va­ria­ti­on und Wie­der­er­ken­nung sor­gen Sti­cker, die zu­gleich die Tü­ten ver­schlie­ßen. Au­ßer­dem zeigt ei­ne Kreis­flä­che im Look des Lo­gos ei­ni­ge Reis­kör­ner aus der je­wei­li­gen Pa­ckung als Ma­kro­auf­nah­me.

»Die we­nigs­ten wis­sen wohl, wie stark Reis­kör­ner sich un­ter­schei­den. Und Reis hat et­was sehr Äs­t­he­ti­sches«, so Mal­te Butt­jer von der Di­gi­ta­l­agen­tur

Brain­spin aus Frei­burg, die den We­bauf­tritt über Jah­re kon­ti­nu­ier­lich op­ti­miert hat. »Die jüngs­te Ve­rän­de­rung gab es bei den frei­ge­stell­ten Pa­ckun­gen. Sie wa­ren bis­lang al­le gleich aus­ge­rich­tet, was et­was streng aus­sah. Jetzt schei­nen sie in un­ter­schied­li­chen Win­keln durch den Raum zu tan­zen. Das bringt ei­ne schö­ne Dy­na­mik.«

Mit Video ar­bei­ten

Gar nicht nach Web­shop sieht auf den ers­ten Blick die Frank­fur­ter­brett ­Site aus. Mit gro­ßen Fo­tos und Mood­vi­de­os er­zählt die Site von zwei Brü­dern und ih­rem ge­nia­len Kü­chen­brett spe­zi­ell für Leu­te, die viel schnip­peln müs­sen. An der Sto­ry ist al­les echt: Die ers­te Cro­w­fun­ding­kam­pa­gne ge­stal­te­ten die Zwil­lin­ge Jo­han­nes und Jo­seph Schrei­ter (da­mals Stu­dent an der HFG Of­fen­bach) 2015 selbst. Mit der Frank­fur­ter Agen­tur Bie­der­mann und Brand­stift ging 2017 ei­ne neue, in­zwi­schen mehr­fach preis­ge­krön­te Web­site on­li­ne. »Das Frank­fur­ter Brett macht das Ko­chen ein­fach, be­quem und ef­fek­tiv. Die­se Mar­ken­wer­te prä­gen auch die Na­vi­ga­ti­on, die sich na­tür­lich und flüs­sig an­fühlt«, er­zählt Agen­tur­chef Chris­ti­an Fi­scher. »Die Brü­der brach­ten viel Herz­blut und au­then­ti­sches Bild­ma­te­ri­al mit, das wir in ei­ne an­ge­neh­me Shop­ping­ex­pe­ri­ence über­füh­ren woll­ten.«

Ih­re Wunsch­kü­che ha­ben die Schrei­ter­zwil­lin­ge selbst mit fest in­stal­lier­ten Vi­deo­leuch­ten und ei­nem Ka­me­ra­rack für Top­view­auf­nah­men ge­baut. »Die Sicht von oben oder in Ar­beits­plat­ten­hö­he dicht von der Sei­te funk­tio­niert gut, weil das Pro­dukt sich aus dem per­sön­li­chen Be­zug er­schließt«, er­klärt Jo­seph Schei­ter. So­gar die Frei­stel­ler auf den Shop­ping­sei­ten zei­gen rea­lis­ti­sche Koch­si­tua­tio­nen, in die sich der Kun­de so­gleich hin­ein­ver­set­zen kann: »Weil sie Dis­tanz schaf­fen, ver­wen­den wir auch kei­ne Bild­über­blen­dun­gen, son­dern har­te Schnit­te oder Schwarz­blen­den. Je rea­ler die Schnit­te, des­to nach­voll­zieh­ba­rer die Pro­duk­te.« Ein biss­chen Ver­frem­dung bringt nur der schwar­ze Lay­er auf den Fo­tos, der zu­nächst bloß wei­ße Schrift auf den Bil­dern les­bar ma­chen soll­te. »Im Un­ter­schied zu un­se­rer bun­ten ers­ten Home­page wir­ken die ab­ge­dun­kel­ten Bil­der aber auch se­riö­ser, hoch­wer­ti­ger«, so Schei­ter.

Weil die Web­site vom Be­wegt­bild lebt, ha­ben wir hier auf Screen­shots ver­zich­tet – ein­fach mal selbst www.frank­fur­ter­brett. de ge­nau­er an­schau­en. Aber Vor­sicht: Wer viel und mit Lei­den­schaft kocht und schnip­pelt, wird auf char­man­te Wei­se wo­mög­lich zum Kauf ver­führt. cg

E-shop-de­sign vom Feins­ten. Ei­nen Über­blick über her­aus­ra­gend ge­stal­te­te Web­shops fin­den Sie hier ↗ www.pa­ge-on­li­ne.de/dies­cho­ens­ten-on­li­ne-shops

PA­GE edos­sier »To­tal Shopp­a­bi­li­ty: E-com­mer­ce und Con­tent«. In­no­va­ti­ve Kon­zep­te und Tools für die Er­stel­lung von Shopp­able Con­tent fin­den Sie un­ter ↗ www.pa­ge-on­li­ne.de/pddp2286

Bei Ce­re­mo­ny Cof­fee ahnt man gleich, wie der Kaf­fee schmecktOb 9 oder 90 Eu­ro – Wed’ze macht Ski­bril­len zum StarBei Reis­hun­ger grei­fen Bran­ding und Shop­de­sign per­fekt in­ein­an­der

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