Mul­ti­me­ter, Gei­ger­zäh­ler oder Blut­druck­mes­ser

Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­rät? Das war ges­tern. Im­mer mehr Apps nut­zen das Smart­pho­ne als Mess­ge­rät – mit aus­ge­fal­le­nen Funk­tio­nen.

PC Magazin - - Inhalt - MARINELA POTOR

Han­dys wer­den mul­ti­funk­tio­nal

U do Seif­fert spricht von ei­ner Mi­ni-Re­vo­lu­ti­on: „Erst gab es Han­dys zum Te­le­fo­nie­ren, dann ka­men Zu­satz­funk­tio­nen wie Ka­me­ras und Nach­rich­ten­pro­gram­me hin­zu. Ak­tu­ell wer­den Smart­pho­nes für un­zäh­li­ge Kom­mu­ni­ka­ti­ons­funk­tio­nen ge­nutzt so­wie im Ver­bund mit dem In­ter­net der Din­ge. Die nächs­te Pha­se, die stark im Kom­men ist, ist die Nut­zung des Smart­pho­nes als Mess­ge­rät.“Seif­fert ist Kom­pe­tenz­feld­lei­ter für Bio­sys­tems En­gi­nee­ring am Fraun­ho­fer In­sti­tut in Mag­de­burg und ent­wi­ckelt mit sei­nem Team selbst ei­ne sol­che Mess­an­wen­dung: Haw­kSpex mo­bi­le zum Mes­sen der Mo­le­ku­lar­struk­tur ei­nes Ob­jek­tes. Das klingt abs­trakt, hat aber prak­ti­schen Nut­zen bei­spiels­wei­se zum Prü­fen von Le­bens­mit­teln. Das Prin­zip da­hin­ter: Je­des Mo­le­kül hat ge­wis­se Re exi­ons­ei­gen­schaf­ten, die et­was über die bio­che­mi­sche Zu­sam­men­set­zung ei­nes Ob­jekts ver­ra­ten. Wenn wir Licht auf ei­nen Ap­fel strah­len, er­hal­ten wir ein Re exi­ons­pro l, so et­was wie ei­nen spek­tra­len Fin­ger­ab­druck die­ses Ap­fels. Für Ver­brau­cher be­deu­tet das: Sie müss­ten sich nicht mehr blind auf die An­ga­ben der Her­stel­ler zu den In­halts­stof­fen im Ap­fel ver­las­sen, son­dern kön­nen die­se per App selbst nach­prü­fen. Mit die­ser Tech­no­lo­gie kön­nen na­tür­lich nicht nur Äp­fel un­ter­sucht wer­den. Es ist denk­bar, sie in der Land­wirt­schaft, zum Tes­ten von Kos­me­tik oder zur Prü­fung von Me­di­ka­men­ten ein­zu­set­zen. Die Be­son­der­heit an der Haw­kSpex ist, dass sie oh­ne wei­te­re Hard­ware aus­kommt, sie nutzt le­dig­lich be­reits vor­han­de­ne Smart­pho­ne-Funk­tio­nen wie Ka­me­ra und Dis­play. „Wir ha­ben die klas­si­sche Spek­tral­ana­ly­se um­ge­kehrt“, er­klärt Seif­fert, „wir nut­zen das Han­dy­dis­play, um den Ge­gen­stand mit Far­ben an­zu­strah­len. Die Far­ben, die re ek­tiert wer­den, nimmt die Han­dy­ka­me­ra auf und kann da­ran mit­hil­fe von ma­the­ma­ti­schen Mo­del­len be­stimm­te Ei­gen­schaf­ten des Ob­jekts wie et­wa Pes­ti­zid­rück­stän­de er­ken­nen.“Doch nicht al­le sind von die­ser neu­ar­ti­gen Ent­wick­lung der Mess­tech­no­lo­gi­en in Smart­pho­nes be­geis­tert, gibt Seif­fert zu: „Vie­le In­sti­tu­te und gro­ße La­bo­re sind er­bost und wer­fen uns vor, dass wir ihr Ge­schäfts­mo­dell zer­stö­ren. Das mag ja sein, aber ist das wirk­lich ein Grund, um ei­ne Tech­no­lo­gie nicht zu ent­wi­ckeln?“

Tech­ni­sche Mess-Apps: Für den Haus­ge­brauch und Spe­zia­lis­ten

Ne­ben be­reits gän­gi­gen Apps, die die Au­ßen­tem­pe­ra­tu­ren mes­sen oder den Lärm­pe­gel er­mit­teln, gibt es mitt­ler­wei­le auch aus­ge­fal­le­ne­re Funk­tio­nen. Nut­zer kön­nen zum Bei­spiel mit dem Smart Gei­ger Pro SGP-001 ra­dio­ak­ti­ve Strah­lung in ih­rer Um­ge­bung mes­sen. Da­zu ist je­doch ein Zu­satz­ge­rät nö­tig: ein klei­ner Halb­lei­ter­de­tek­tor, der in die Kopf­hör­er­buch­se des Smart­pho­nes ge­steckt wird. Die zu­ge­hö­ri­ge App des ko­rea­ni­schen Her­stel­lers FTLab ist leicht zu be­die­nen, aber auch ent­spre­chend sim­pel ge­hal­ten. So gibt es nur Mes­sun­gen im Be­reich von drei, fünf oder zehn Mi­nu­ten. To­bi­as Cro­nert, wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter am For­schungs­zen­trum Jü­lich, at­tes­tiert dem Smart Gei­ger ei­ne Ge­nau­ig­keit von 50 Pro­zent im Ver-

gleich zu pro­fes­sio­nel­len Mess­ge­rä­ten. Für den wis­sen­schaft­li­chen Ge­brauch viel zu un­ge­nau, reicht es für den Haus­ge­brauch aber aus. Be­liebt für Heim­wer­ker ist das Moo­shi­me­ter. Es ver­wan­delt das Smart­pho­ne in ein Mul­ti­me­ter, das in ei­nem klei­nen Ge­häu­se steckt und über Blue­tooth mit dem Smart­pho­ne ver­bun­den wird. Hand­wer­ker mes­sen in Kom­bi­na­ti­on mit der App Span­nun­gen bis zu 600 Volt und Strö­me bis zu 10 Am­pè­re. Das ist mehr als vie­le ge­wöhn­li­che di­gi­ta­le Mul­ti­me­ter leis­ten. An die Be­die­nung muss man sich zwar et­was ge­wöh­nen, dann lie­fert das Moo­shi­me­ter aber er­staun­lich gu­te Er­geb­nis­se.

Frucht­bar­keit von Frau und Mann

Ne­ben sol­chen tech­ni­schen Mes­sun­gen gibt es auch Apps, die sich auf das Mes­sen und Aus­wer­ten von me­di­zi­ni­schen Da­ten spe­zia­li­siert ha­ben. Mit ho­her Ge­nau­ig­keit wirbt die Ap­pli­ka­ti­on YO Sperm, die seit ih­rem Launch im März 2017 viel Auf­merk­sam­keit be­kom­men hat. Da­hin­ter steckt ei­ne An­wen­dung, mit der Män­ner da­heim ih­re Sper­mi­en­qua­li­tät tes­ten kön­nen. Da­zu ge­hört ein Test­kit, der ei­nen Mess­be­cher, ei­nen Test­strei­fen, ei­ne Pi­pet­te, ein spe­zi­el­les Pul­ver so­wie ei­nen Plas­tik­clip ent­hält, mit dem der Tes­ter den Test­strei­fen an das Smart­pho­ne mon­tiert. Der ei­gent­li­che Test er­folgt in fünf Schrit­ten und zehn Mi­nu­ten über die Ka­me­ra des Smart­pho­nes. Die­se durch­leuch­tet die Sper­ma­pro­be, und das Han­dy ana­ly­siert sie. Das Un­ter­neh­men ver­spricht bei rich­ti- ger An­wen­dung ei­ne Ge­nau­ig­keit von über 97 Pro­zent. Das scheint glaub­haft. Die Food and Drug Ad­mi­nis­tra­ti­on in den USA hat die An­wen­dung zu­ge­las­sen, und das Wis­sen­schafts­ma­ga­zin Sci­ence Trans­la­tio­nal Me­di­ci­ne hat die be­glei­ten­de wis­sen­schaft­li­che Stu­die ver­öf­fent­licht. Doch nicht nur Män­ner, auch Frau­en kön- nen per App ih­re Frucht­bar­keit mes­sen. So ver­spricht Na­tu­ral Cy­cles weib­li­chen Nut­ze­rin­nen ex­ak­te Mes­sun­gen zum Ver­hü­ten oder für den Kin­der­wunsch. Der TÜV Süd hat die Ap­pli­ka­ti­on im Fe­bru­ar 2017 zer­ti - ziert, und sie ist die ers­te App, die je­mals als Ver­hü­tungs­me­tho­de zu­ge­las­sen wur­de. Die wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en des Un­ter­neh­mens ver­spre­chen, dass die Ef­fek­ti­vi­täts­ra­te bei 99,5 Pro­zent liegt, im glei­chen Be­reich wie die An­ti-Ba­by-Pil­le. Et­was, das bis­her – au­ßer der klas­si­schen Mess­me­tho­de mit

Mess-Apps Re­vo­lu­ti­on. sind ei­ne Mi­ni- Wir wol­len da­mit La­bo­rana­ly­sen ein­fach, kos­ten­güns­tig zu­gäng­lich und ma­chen. Pro­fes­sor Udo Seif­fert, Kom­pe­tenz­feld­lei­ter für Bio­sys­tems En­gi­nee­ring IFF

Ther­mo­me­ter, Kur­ven­blatt und Blei­stift – noch kei­ne an­de­re Ver­hü­tungs­app und auch kein Ver­hü­tungs­com­pu­ter von sich be­haup­ten konn­te. Me­di­zi­ner be­zwei­feln je­doch die­se Zu­ver­läs­sig­keit. Die Her­stel­lerStu­die sei wis­sen­schaft­lich nicht halt­bar, kri­ti­siert Bri­git­te Le­e­ners von der Frau­en­kli­nik Zü­rich. Es sei­en zu we­nig Frau­en be­fragt wor­den, und dar­über hin­aus kön­ne man vie­le für die Ge­brauchs­si­cher­heit re­le­van­te Da­ten in der Stu­die nicht nach­prü­fen. In der Pra­xis funk­tio­niert Na­tu­ral Cy­cles in Kom­bi­na­ti­on mit ei­nem Ther­mo­me­ter, das man sich al­ler­dings se­pa­rat zu­le­gen muss. Die Nut­ze­rin gibt die mor­gend­li­chen Bas­al­tem­pe­ra­tur und wei­te­re In­for­ma­tio­nen zum Zy­klus per App ein. Der Al­go­rith­mus be­rech­net da­mit, an wel­chen Ta­gen sie frucht­bar ist oder nicht. Ei­ne Tem­pe­ra­tur­kur­ve zum Nach­ver­fol­gen des Zy­klus wird au­to­ma­tisch an­ge­legt. So ist die App in ih­ren Funk­tio­nen durch­aus ver­gleich­bar mit an­de­ren Tem­pe­ra­tur­com­pu­tern zur Zy­klus­be­ob­ach­tung.

Lü­gen auf der Spur

For­scher vom MIT ha­ben ei­ne Lü­gen­de­tek­tor-App ent­wi­ckelt, die in Kom­bi­na­ti­on mit We­ara­bles wie dem Samsung Sim­band funk­tio­niert. Wie bei Moo­dies (sie­he Kas­ten) er­kennt der Lü­gen­de­tek­tor die Stimm­la­ge in ei­ner Un­ter­hal­tung, ana­ly­siert dar­über hin­aus aber auch die Mi­mik und den ge­spro­che­nen Text. Mit ei­ner Ge­nau­ig­keit von 83 Pro­zent soll die­se App an­schlie­ßend be­wer­ten kön­nen, ob der Ge­sprächs­part­ner ge­lo­gen hat oder ehr­lich war. Zweck der App ist nicht das Auf­klä­ren von Ver­bre­chen im Ver­hör, viel­mehr soll sie Men­schen mit so­zia­len Pho­bi­en oder Asper­ger-Syn­drom Ängs­te im Um­gang mit an­de­ren neh­men. Eher all­tags­prak­tisch sind me­di­zi­ni­sche An­wen­dun­gen, die Herz- und Blut­wer­te ana­ly­sie­ren. Ist der Puls zu hoch? Der Blut­druck zu nied­rig? Wer da­für nicht zum Arzt ge­hen oder tra­di­tio­nel­le Mess­ge­rä­te kau­fen möch­te, kann sich die­se Fra­gen von Apps wie iCa­re be­ant­wor­ten las­sen. Die iPho­ne-App misst all das in we­ni­gen Se­kun­den über den Blitz der Han­dy­ka­me­ra. Nut­zer müs­sen da­zu le­dig­lich ih­ren Fin­ger über die Ka­me­ra des Smart­pho­nes hal­ten und be­kom­men an­schlie­ßend ei­ne Über­sicht zu ih­ren ak­tu­el­len Wer­ten, von EKG über Sau­er­stof evel bis hin zur Emo­ti­ons­ana­ly­se. Die Me­tho­de, die iCa­re zu­grun­de liegt, nennt sich Pho­top­le­thys­mo­gra­phie (PPG), und ist ei­ne op­ti­sche Tech­nik, die vo­lu­me­tri­sche Än­de­run­gen im Blut fest­stel­len kann. Wäh­rend das Ver­fah­ren un­ter Me­di­zi­nern be­kannt und er­probt ist, sind vie­le den­noch skep­tisch, wie PPG zu de­tail­lier­ten Aus­sa­gen der App zum Blut­druck oder zur Stim­mung füh­ren kann. Sa­tish Mis­ra, Kar­dio­lo­ge am Johns-Hop­kins-Kran­ken­haus, kri­ti­siert die man­geln­den me­di­zi­ni­schen Stan­dards der Ap­pli­ka­ti­on und for­dert so­gar, die App aus den Sto­res zu ent­fer­nen.

Ei­ne gro­ße Hil­fe für Ver­brau­cher?

All die­se An­wen­dun­gen ver­spre­chen ex­ak­te Mes­sun­gen zum nied­ri­gen Preis. Im Pra­xis­test wird al­ler­dings deut­lich: Selbst mit zu­sätz­li­cher Hard­ware ist die Qua­li­tät der Er­geb­nis­se oft nie ver­gleich­bar mit der von Mess­ge­rä­ten oder La­b­or­tests. Den­noch ha­ben die Apps für Ver­brau­cher ei­nen gro­ßen Nut­zen. Sie lie­fern ers­te In­di­zi­en und gu­te Aus­gangs­da­ten, mit de­nen sich der An­wen­der im Zwei­fels­fall zum Bei­spiel an ei­nen Arzt oder ein La­bor wen­den kann. whs

Nur für Män­ner: In nur we­ni­gen Mi­nu­ten ana­ly­siert Yo Sperm ei­ne Sper­ma­pro­be.

Wie ra­dio­ak­tiv ist ei­ne Ba­na­ne? Smart Gei­ger Pro misst Ra­dio­ak­ti­vi­tät für den Haus­ge­brauch.

Bild: Moo­shim En­gi­nee­ring

Moo­shi­me­ter wird als Kit ge­lie­fert. Elek­tri­ker und Heim­wer­ker nut­zen es als leis­tungs­fä­hi­ges Mul­ti­me­ter.

Das MIT hat ei­nen Lü­gen­de­tek­tor fürs Smart­pho­ne ent­wi­ckelt. Zweck: So­zia­le Pho­bi­en be­kämp­fen.

Bild: Fraun­ho­fer IFF

Die Fraun­ho­fer-App Haw­kSpex mo­bi­le er­kennt – oh­ne wei­te­res Zu­satz­ge­rät – Pes­ti­zid­rück­stän­de in Obst.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.