Der gro­ße Bru­der Goog­le

PC-WELT - - Editorial -

MI­KRO­FO­NE UND TELEVISOREN In sei­nem le­gen­dä­ren Ro­man „1984“über die Fol­gen to­ta­ler staat­li­cher Über­wa­chung be­schreibt Ge­or­ge Or­well zwei Me­tho­den der völ­li­gen Kon­trol­le: ver­steck­te Mi­kro­fo­ne und so­ge­nann­te Televisoren. Mit den Mi­kro­fo­nen horcht die Re­gie­rungs­par­tei das Volk aus. Da die Mi­kro­fo­ne ver­steckt sind, kann man nie si­cher sein, ob man ge­ra­de ab­ge­hört wird oder nicht. Mit den Televisoren strahlt die Par­tei ih­re Pro­pa­gan­da aus und nimmt gleich­zei­tig auf, was vor die­sen Bild­schir­men pas­siert.

LENS HEISST DAS NEU­ES­TE GOOG­LE- PRO­DUKT Was bei Ama­zon Echo heißt, nennt Goog­le Ho­me: Ein un­schein­ba­res Mi­kro­fon, das per Sprach­be­fehl ak­ti­viert wird und Be­feh­le aus­führt – et­wa ei­ne In­ter­net­su­che oder ei­nen Ein­kauf. Da­bei ist das Ge­rät stän­dig auf Emp­fang, da es über ei­nen Sprach­be­fehl ak­ti­viert wird. Ob es wirk­lich nur auf­zeich­net, was es nach die­sem Be­fehl hört, oder auch sonst mit­lau­schen kann – das bleibt un­klar. Ganz neu hat Goog­le un­längst „Lens“vor­ge­stellt. Lens ist für Bil­der un­ge­fähr das, was die Sprach­er­ken­nung für Wör­ter ist. Mit­tels Lens las­sen sich selbst­auf­ge­nom­me­ne Fotos auf Goog­le­Ser­vern ana­ly­sie­ren. Dank ei­nes rie­si­gen Da­ten­vor­rats er­kennt Goog­le Ge­bäu­de, Pflan­zen, Ge­sich­ter, Or­te und spielt In­for­ma­tio­nen zum Fo­to zu­rück.

AUF DEM WEG ZUR TO­TA­LEN ÜBER­WA­CHUNG In der Pra­xis ist das sehr nütz­lich: Die Par­ty­fo­tos las­sen sich au­to­ma­tisch an al­le er­kann­ten Per­so­nen ver­schi­cken, das Fo­to ei­nes Film­pla­kats lässt ei­nen die nächs­te Vor­stel­lung re­ser­vie­ren, das Bild der Bus­hal­te­stel­le spielt den ak­tu­el­len Fahr­plan zu­rück. Der ho­he po­ten­zi­el­le Nut­zen wird Lens si­cher zum Er­folg ver­hel­fen. Da­bei füt­tert je­des Fo­to aber auch die Da­ten­bank von Goog­le – mit In­for­ma­tio­nen zu Auf­nah­me­zeit­punkt, er­kann­ten Per­so­nen, Or­ten und so wei­ter. Man selbst wird die Funk­ti­on wohl de­ak­ti­vie­ren kön­nen, aber ob der Sel­fie-Auf­neh­mer in der U-Bahn nicht doch sein Ge­gen­über fo­to­gra­fiert und Goog­le die Per­so­nen­er­ken­nung an­wirft – wer weiß das schon. Die Da­ten­bril­le Glass hat sich zu Recht nicht durch­ge­setzt, nun ver­sucht es Goog­le mit der An­dro­id­Ka­me­ra. Das Mi­kro­fon auf dem Wohn­zim­mer­tisch, der Te­le­vi­sor in der Ho­sen­ta­sche – Goog­le kann ei­nem un­heim­lich wer­den.

Herz­lichst, Ihr

Shirsch@pcwelt.de

Se­bas­ti­an Hirsch, Chef­re­dak­teur

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