Deutsch­land wird zur Kampf­zo­ne

Mit Ke­fel­frä­ni­en se­fo­tie­ren mut­meß­li­che G-20-Gem­ner ien Behn­ver­kehr ier Re­puf­lik. Zu­meus­fäl­le uni Ver­spä­tun­men är­mern Pe­ni­ler, Fir­men fe­rich­ten von De­ten­pro­f­le­men. Die An­schlä­me zei­men: Nicht nur Hem­furm ist im Vi­sier ier mi­li­ten­ten Ak­ti­vis­ten.

Peiner Allgemeine Zeitung - - Blick In Die Zeit - VON JÖRG KÖPKE UND THORSTEN FUCHS

Es ist Mon­tag­mor­gen, kurz nach acht, als der Schul­buch­lek­tor Andre­as Jes­sen auf der An­zei­ge­ta­fel von Gleis 5 des Bochu­mer Haupt­bahn­hofs die durch­aus un­ge­wöhn­li­che Nach­richt liest. Der Re­gio­nal­zug RE 11 nach Dort­mund hat „25 Mi­nu­ten Ver­spä­tung“.

Der 48-Jäh­ri­ge pen­delt täg­lich von Bochum zu sei­nem Ver­lag nach Dort­mund. „Ver­spä­tun­gen hast du da im­mer wie­der, das ken­nen wir gut“, sagt er. Fünf Mi­nu­ten, zehn Mi­nu­ten, al­les nor­mal. „Aber 25 Mi­nu­ten, das ist schon un­ge­wöhn­lich.“Der Pend­ler Jes­sen über­legt kurz. Dann nimmt er die S-Bahn, die kurz dar­auf auf ei­nem an­de­ren Gleis fährt. Ei­ne Er­klä­rung hört er erst spä­ter, in den Nach­rich­ten.

Der Grund, war­um RE 11 und Hun­der­te wei­te­re Zü­ge und S-Bah­nen in ganz Deutsch­land an die­sem Mor­gen nicht pünkt­lich fah­ren, war­um Zehn­tau­sen­de Pend­ler lan­ge oder ver­geb­lich war­ten, ist tat­säch­lich nicht all­täg­lich. Dies­mal sind es nicht die ge­heim­nis­vol­len „Stö­run­gen im Be­triebs­lauf“, und auch kei­ne „Per­so­nen im Gleis“.

Was RE 11 an die­sem Mor­gen auf­hält, sind – wenn die Er­mitt­ler mit ih­ren ers­ten Ver­mu­tun­gen rich­ti­glie­gen – die An­fän­ge der be­son­ders ra­di­ka­len Pro­tes­te ge­gen den G-20-Gip­fel An­fang kom­men­den Mo­nats in Ham­burg. Es ist of­fen­bar ein Zei­chen da­für, dass die Ex­tre­mis­ten un­ter den Geg­nern es wirk­lich ernst mei­nen. Und da­für, wie ver­letz­lich Deutsch­land ist, wenn man es an ei­ner sei­ner vie­len sen­si­blen Stel­len trifft.

Seit 2.40 Uhr in der Nacht be­fin­den sich Be­am­te in Leip­zig, Dres­den, Chem­nitz und Hal­le an der Saa­le im Alarm­zu­stand. Min­des­tens ein Dut­zend Ka­bel- und Stell­werk­brän­de lo­dert über ganz Deutsch­land ver­teilt. Die Feu­er bren­nen in Ham­burg, Köln, Dort­mund und im nie­der­säch­si­schen Bad Be­ven­sen. In der Han­se­stadt zün­geln die Flam­men im Stadt­teil Ei­delstedt und im Be­reich Höl­tig­baum di­rekt ne­ben den Glei­sen. Der Zug­ver­kehr zwi­schen Ham­burg und Lü­beck kommt stun­den­lang zum Er­lie­gen. Hub­schrau­ber krei­sen über Bahn­li­ni­en und su­chen aus der Luft nach Brand­her­den. Fir­men kla­gen über Da­ten­pro­ble­me, da die Bahn ihr Da­ten­netz auch an Fremd­fir­men ver­mie­tet.

An Zu­fall wol­len die Si­cher­heits­be­hör­den nicht mehr glau­ben. Der für po­li­tisch mo­ti­vier­te Ta­ten zu­stän­di­ge Staats­schutz hat Er­mitt­lun­gen auf­ge­nom­men. Für die Ex­per­ten ver­dich­ten sich ers­te Hin­wei­se zur Ge­wiss­heit: Links­ex­tre­mis­ten ha­ben drei Wo­chen vor dem G-20-Gip­fel in Ham­burg da­mit be­gon­nen, ih­ren mar­tia­li­schen An­kün­di­gun­gen Ta­ten fol­gen zu las­sen: „Bar­ri­ka­den wer­den ge­baut, Feu­er ent­facht“, „Da wird ei­ni­ges in Trüm­mer ge­legt…“, „Deutsch­land soll bren­nen“– das sind noch die harm­lo­se­ren Sprü­che, die seit Wo­chen in lin­ken Fo­ren kur­sie­ren. Of­fen wird im In­ter­net, auf Fly­ern und Pla­ka­ten zu Ge­walt ge­gen das Tref­fen der Staats- und Re­gie­rungs­chefs der füh­ren­den In­dus­trie- und Schwel­len­län­der am 7. und 8. Ju­li auf­ge­ru­fen. Der Na­me für die gro­ße Haupt­de­mo am Tag vor dem Gip­fel ist Pro­gramm. Er ver­heißt ein In­fer­no: „Wel­co­me to Hell.“

Das Ope­ra­ti­ve Ab­wehr­zen­trum (OAZ) der säch­si­schen Po­li­zei hält die Brand­an­schlä­ge für das Vor­spiel der Atta­cken ge­gen den G-20Gip­fel in Ham­burg. In Ber­lin geht ges­tern ein ers­tes Be­ken­ner­schrei­ben bei der Po­li­zei ein. Ab­sen­der: „Shut­down G 20 – Ham­burg vom Netz neh­men!“Ver­öf­fent­licht auf der In­ter­net­platt­form links­un­ten.in­dy­me­dia.org.

„Wir grei­fen ein in ei­nes der zen­tra­len Ner­ven­sys­te­me des Ka­pi­ta­lis­mus: meh­re­re Zehn­tau­send Ki­lo­me­ter Bahn­stre­cke. Hier flie­ßen Wa­ren, Ar­beits­kräf­te, ins­be­son­de­re Da­ten“, heißt es in dem Schrei­ben. „Wir wer­den die Ma­schi­nis­ten nicht auf­hal­ten, noch nicht. Aber wir zei­gen auf, wie es mög­lich ist, die Ma­schi­ne zum Stot­tern zu brin­gen.“

Ob­wohl noch un­klar ist, ob das Schrei­ben au­then­tisch ist, se­hen deut­sche In­nen­po­li­ti­ker und Si­cher­heits­ex­per­ten die gest­ri­gen Brand­an­schlä­ge als Auf­takt zu Schlim­me­rem. „Lei­der ist zu be­fürch­ten, dass es im Vor­feld des G-20-Gip­fels zu wei­te­ren An­schlä­gen und ver­gleich­ba­ren Straf­ta­ten kommt“, sagt SPD-In­nen­ex­per­te Burk­hard Lisch­ka dem Re­dak­ti­ons­Netz­werk Deutsch­land (RND). Oli­ver Mal­chow, Bun­des­vor­sit­zen­der der Ge­werk­schaft der Po­li­zei (GdP), rech­net da­mit, dass die Pro­tes­te nicht al­lein auf Ham­burg be­schränkt blei­ben: „Die Brand­an­schlä­ge zei­gen: Der ge­walt­tä­ti­ge Pro­test ge­gen den G-20-Gip­fel ist nicht nur ei­ne Ham­bur­ger La­ge, son­dern ei­ne deutsch­land­wei­te. Auch wäh­rend des Gip­fels kann es über­all im Land ge­walt­tä­ti­ge Ak­tio­nen und An­schlä­ge ge­ben. Dar­auf muss sich die Po­li­zei ein­stel­len.“Es ge­he den mut­maß­li­chen Tä­tern um Ran­da­le. „Bei sol­chen Ka­bel­brän­den kann es auch Ver­letz­te ge­ben. Das ist un­ver­ant­wort­lich.“

Die An­schlä­ge auf die Bahn rü­cken aber auch die An­fäl­lig­keit der deut­schen In­fra­struk­tur ge­gen­über Atta­cken al­ler Art er­neut ins Be­wusst­sein. Erst im Ja­nu­ar zum Bei­spiel warn­te das Bun­des­kri­mi­nal­amt, is­la­mis­tisch mo­ti­vier­te Ter­ro­ris­ten könn­ten sich „grö­ße­re Men­gen Che­mi­ka­li­en“be­sor­gen und da­mit die Trink­was­ser- und die Le­bens­mit­tel­ver­sor­gung at­ta­ckie­ren. Der IS woll­te of­fen­bar im ver­gan­ge­nen Jahr mit An­schlä­gen auf Flug­hä­fen in Deutsch­land die Ver­kehrs­in­fra­struk­tur tref­fen. „Kri­mi­nel­le Hand­lun­gen und ter­ro­ris­ti­sche An­schlä­ge dür­fen als per­ma­nen­tes Ge­fah­ren­po­ten­zi­al nicht aus den Au­gen ver­lo­ren wer­den“, heißt es beim Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um mit Blick auf die In­fra­struk­tur in Deutsch­land. Stö­run­gen und Aus­fäl­le in der Ener­gie- und Was­ser­ver­sor­gung und im Not­fal­lund Ret­tungs­we­sen „kön­nen wei­te Tei­le der Be­völ­ke­rung un­mit­tel­bar tref­fen“. Ei­ne „zu­neh­men­de Ge­fahr“sei­en über­dies An­grif­fe im Cy­ber­raum.

Auch für Lo­renz Caf­fier (CDU), In­nen­mi­nis­ter in Meck­len­burg-Vor­pom­mern, steht fest, dass die Brand­an­schlä­ge in der Nacht von Sonn­tag auf Mon­tag erst den An­fang mar­kie­ren. „Das ist die Ou­ver­tü­re zu ei­ner gan­zen Rei­he von Atta­cken, An­schlä­gen und Sa­bo­ta­ge­ak­ten, die wir er­le­ben wer­den“, sagt Caf­fier dem RND.

In Ham­burg wächst die Angst da­vor, nicht mehr nur mit ei­nem sprich­wört­li­chen blau­en Au­ge da­von­zu­kom­men. Si­cher­heits­kräf­te ge­hen mitt­ler­wei­le von bis zu 8000 ge­walt­be­rei­ten De­mons­tran­ten aus. Selbst aus Me­xi­ko wol­len sich Au­to­no­me auf den Weg nach Ham­burg ma­chen.

FO­TOS: DPA

Lan­ge War­te­zei­ten, Zu­g­aus­fäl­le: Nach den An­schlä­gen in meh­re­ren Bun­des­län­dern lit­ten vor al­lem Pend­ler in den Mor­gen­stun­den un­ter den durch­ein­an­der­ge­wir­bel­ten Fahr­plä­nen. Mehr als ein Dut­zend An­schlä­ge: Er­mitt­ler un­ter­su­chen am Mon­tag ei­ne Bahn­stre­cke na­he Ham­burg. Auch in Nie­der­sach­sen, Bre­men, Ber­lin, Sach­sen und Nord­rhein-West­fa­len schla­gen die Tä­ter zu.

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