Die schwie­ri­ge Er­neue­rung der SPD

Nach der Nie­der­sach­sen­wahl ste­hen bei den So­zi­al­de­mo­kra­ten wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen an

Peiner Allgemeine Zeitung - - Tagesthemen - VON ANDRE­AS NIES­MANN

Aus dem Eng­li­schen stammt ei­ne schö­ne Me­ta­pher für Din­ge, die al­le be­schäf­ti­gen, über die aber nie­mand laut re­det: „Der Ele­fant im Raum“. In der SPD gibt es zur­zeit gleich meh­re­re Ele­fan­ten: Wel­che Leh­ren zieht die Par­tei aus dem Wahl­de­ba­kel? In wel­che Rich­tung will sie in­halt­lich? Und wel­che Per­so­nen sol­len die­se In­hal­te ver­kör­pern? Je­den be­schäf­ti­gen die­se Fra­gen, kaum ei­ner re­det dar­über – zu­min­dest nicht öf­fent­lich. Denn al­les wird zur­zeit dem ei­nen gro­ßen Ziel un­ter­ge­ord­net: dass Ste­phan Weil in Nie­der­sach­sen die Wahl ge­winnt.

Gut zwei Ta­ge noch, dann wer­den die So­zi­al­de­mo­kra­ten wis­sen, ob we­nigs­tens das ge­klappt hat. Es wä­re ein klei­nes Trost­pflas­ter am En­de ei­nes ech­ten Seu­chen­jah­res.

Schon am Mon­tag bei der Klau­sur­ta­gung des Par­tei­vor­stan­des im Wil­ly-Brandt-Haus wird SPD-Chef Mar­tin Schulz ers­te Ant­wor­ten ge­ben müs­sen, wie ge­nau er sich den ver­spro­che­nen Er­neue­rungs­pro­zess vor­stellt. Im In­ter­view mit dem Re­dak­ti­ons­Netz­werk Deutsch­land (RND) hat Schulz in die­ser Wo­che ers­te An­deu- tun­gen ge­macht. Di­gi­ta­ler soll die Par­tei wer­den, mehr Mög­lich­kei­ten zur Be­tei­li­gung bie­ten und of­fe­ner für Nicht­mit­glie­der sein. Da die­se Zie­le auch schon von Vor­gän­ger Sig­mar Ga­b­ri­el de­fi­niert wor­den sind, wird vie­les da­von ab­hän­gen, wel­che Per­so­nen Schulz mit ih­rer Um­set­zung be­traut.

Vor al­lem der neue Ge­ne­ral­se­kre­tär wird ei­ne wich­ti­ge Rol­le spie­len. Er oder sie muss die Par­tei­struk­tu­ren re­for­mie­ren, der SPD ei­nen mo­der­nen An­strich ver­pas­sen, Zu­kunfts­the­men ver­kör­pern, für ei­nen Neu­an­fang ste­hen und da­bei mit deut­lich we­ni­ger Geld und Mit­ar­bei­tern als bis­her aus­kom­men. Kein leich­ter Job, ent­spre­chend über­schau­bar ist das Feld der ge­han­del­ten Kan­di­da­ten.

Ein Na­me, der im­mer wie- der ge­nannt wird, ist der von Lars Kling­beil. Der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te aus dem nie­der­säch­si­schen Muns­ter hat sich in der Ver­gan­gen­heit als Di­gi­tal­ex­per­te ei­nen Na­men ge­macht. Kling­beil ist un­ter 40, te­le­gen, gut ver­netzt – und, be­son­ders wich­tig: Er hat ge­zeigt, wie Wahl­kampf geht. Ge­gen den Trend hat er sei­nen Wahl­kreis in der Lü­ne­bur­ger Hei­de ge­won­nen – mit dem viert­bes­ten Erst­stim­m­en­er­geb­nis al­ler SPD-Ab­ge­ord­ne­ten. Zu­dem ist der mäch­ti­ge nie­der­säch­si­sche Lan­des­ver­band bis­lang bei der Neu­be­set­zung der SPD-Füh­rungs­pos­ten nicht ver­tre­ten.

Vor al­lem die Par­tei­lin­ke pocht je­doch auf ein weib­li­ches Ge­sicht auf dem zweit­wich­tigs­ten Pos­ten der Par­tei und bringt da­bei durch die Hin­ter­tür ei­ne ei­ge­ne Per­so­na­lie ins Spiel: Die bis­he­ri­ge Ju­so-Che­fin Jo­han­na Ue­ker­mann. Ue­ker­mann hat ih­ren Rück­zug von der Ju­so-Spit­ze an­ge­kün­digt, kan­di­diert aber für den Par­tei­vor­stand.

Ei­ni­ge glau­ben, der Job als Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin kä­me für sie zu früh. Ue­ker­mann könn­te des­halb Par­tei­vi­ze wer­den. Sie könn­te auf Ay­dan Özo­guz fol­gen, die nach Mei­nung vie­ler kei­nes­falls das Op­ti­mum aus ih­rem Amt her­aus­ge­holt hat.

Für Ralf Steg­ner wird der Par­tei­tag im De­zem­ber eben­falls kein Selbst­läu­fer. Ein Wahl­sie­ger Ste­phan Weil könn­te ihm das Amt strei­tig ma­chen – auch wenn der das bis­lang aus­ge­schlos­sen hat. Olaf Scholz als Ham­bur­ger Bür­ger­meis­ter und Ma­nue­la Schwe­sig als Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Meck­len­burg-Vor­pom­merns sind ge­setzt. Glei­ches gilt für den Hes­sen Thors­ten Schä­fer-Güm­bel, der 2018 Land­tags­wah­len zu be­ste­hen hat. Sein Lan­des­ver­band hat ihn be­reits no­mi­niert. Der sechs­te Vi­ze­pos­ten ist seit dem Rück­tritt Han­ne­lo­re Krafts va­kant. Nach dem Wil­len der NRW-SPD soll Micha­el Gro­schek das Amt über­neh­men. Er hat Kraft be­reits in Düs­sel­dorf be­erbt, wä­re aber ne­ben Par­tei­chef Schulz und Schatz­meis­ter Diet­mar Nie­t­an der drit­te Mann aus Nord­rhein­West­fa­len. Auch die rhein­land-pfäl­zi­sche Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Ma­lu Drey­er soll mit ei­nem Vi­ze­pos­ten lieb­äu­geln.

Vor­aus­set­zung für al­le Über­le­gun­gen aber ist, dass Ste­phan Weil die Wahl ge­winnt. Soll­te er ver­lie­ren, wer­den die Uh­ren in der SPD noch ein­mal auf null ge­stellt.

FO­TO: DPA

SPD-Chef Mar­tin Schulz: Er muss Ant­wor­ten lie­fern auf die Fra­gen nach der Zu­kunft sei­ner Par­tei.

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