Mehr Ker­zen­schein als Leucht­feu­er

500 Jah­re nach Lu­ther – ein Grund zum Fei­ern?

Peiner Allgemeine Zeitung - - Tagesthemen - CSU-Ge­ne­ral­se­kre­tär, zum Stand der Ja­mai­ka-Ge­sprä­che.

Mor­gen ist Re­for­ma­ti­ons­tag – es darf ge­fei­ert wer­den. Wirk­lich? Nach all dem Brim­bo­ri­um um den Re­for­ma­tor, nach all den Lu­ther­so­cken, Lu­ther­bro­ten, Lu­ther­bü­chern ist bei vie­len die Luft raus. Im­mer­hin, wer nach „Re­for­ma­ti­ons­tag“im In­ter­net sucht, der fin­det noch „Nach­rich­ten“.

Frei­zeit­pla­ner er­hal­ten wert­vol­le Tipps, wie man cle­ver ein lan­ges Wo­che­n­en­de her­aus­holt. Kir­chen­kri­ti­ker be­kom­men Bei­stand von den Lin­ken, die den „Herr­schen­den“vor­wer­fen, sie wür­den für den ge­samt­deut­schen ar­beits­frei­en Fei­er­tag 10 Mil­li­ar­den Eu­ro Ver­lust in Kauf neh­men. Und in Amts­blät­tern der Ge­mein­den ist on­li­ne nach­zu­le­sen: „Die Müll­ab­fuhr ver­schiebt sich durch den Re­for­ma­ti­ons­tag.“

Lu­ther als Kon­junk­tur­brem­se

Qund Pro­blem­fall für die Müll­ab­fuhr: So weit ist es An­no Do­mi­ni 2017 mit Doc­tor Mar­ti­nus aus Wit­ten­berg ge­kom­men! Ein ost­deut­scher Wut­bür­ger schwächt die Wirt­schaft und lässt die gel­ben Sä­cke lie­gen. Gera­de mal als Brü­cken­bau­er ist er noch brauch­bar – für ein paar freie Ta­ge mehr.

Ein zu har­tes Ur­teil? Vor Jah­ren ha­ben ro­te Lu­therzwer­ge auf dem Markt­platz von Wit­ten­berg we­nigs­tens noch er­reg­te De­bat­ten aus­ge­löst. Jetzt, im Fest­jahr, stört selbst ein ver­un­glück­tes Lie­der­buch zum Re­for­ma­ti­ons­som­mer nicht mehr den or­ga­ni­sier­ten Froh­sinn. Es lu­thert al­ler­or­ten. Aber wie viel Re­for­ma­ti­on war wirk­lich drin im Ju­bi­lä­ums­jahr?

Die Bi­lanz fällt auch des­halb so be­schei­den aus, weil man ein­fach zu viel woll­te. Ein Leucht­feu­er plan­te die EKD zu ent­fa­chen. Es blieb vie­ler­orts beim Ker­zen­schein mä­ßig be­such­ter Gottesdienste. Be­we­gend soll­ten die re­gio­na­len Kir­chen­ta­ge wer­den – und wur­den zum sicht­ba­ren Fa­nal des in­ner­kirch­li­chen Still­stands. Man hat­te so vie­les auf dem Zet­tel und hat sich ir­gend­wo zwi­schen An­spruch und Wirk­lich­keit ver­zet­telt.

Das Lu­ther­jahr ist Ge­schich­te. Vie­le wis­sen selbst mit dem Da­tum 31. Ok­to­ber kaum noch et­was an­zu­fan­gen. Den­noch: Es gibt kei­ne Ge­schich­te oh­ne Lu­ther. Im Gu­ten wie im we­ni­ger Gu­ten. Lu­ther reizt in sei­ner Glau- bens- und Wil­lens­stär­ke zum Zu­spruch. Und er for­dert in sei­nen spä­ten Hass­ti­ra­den ge­gen die Ju­den zum Wi­der­spruch her­aus. Trotz oder gera­de we­gen sei­ner Wi­der­sprüch­lich­keit fällt ei­ner wie er nicht aus der Zeit.

Ei­ner wie Lu­ther ge­hört heu­te auf die durch­ge­ses­se­ne Couch von Maisch­ber­ger oder An­ne Will, zwi­schen die ewi­gen Bos­bachs und Wa­genk­nechts. Ei­ner, der dem Volk aufs Maul schaut, aber nicht nach dem Mund re­det. Ei­ner, der mit Kon­ven­tio­nen bricht und im Sturm der Ent­rüs­tung stand­haft bleibt. Ei­ner, der mit sei­nen The­sen zeigt, dass nichts auf der Welt al­ter­na­tiv­los ist. Dass sich Wi­der­spruch lohnt und man Zu­kunft ge­stal­ten kann: Schritt für Schritt, von Zeit zu Zeit. Und das darf auch ge­fei­ert wer­den.

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ZI­TAT

DES TA­GES

Wir sind erst beim Stu­di­um der Rei­se­ka­ta­lo­ge, nicht beim Bu­chen von Flug­ti­ckets. Andre­as Scheu­er,

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