„Pla­net Wal­den“von Ana­tol Vi­touch am Ba­di­schen Staats­thea­ter

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Ein al­ter ro­ter Fi­at. Über der Stoß­stan­ge hän­gen So­cken zum Trock­nen. Ein Mann kau­ert auf der Rück­bank, sei­ne Pelz­müt­ze ragt aus dem Dach. Al­les viel zu eng. Der Mann spricht mit ei­nem aus­ge­stopf­ten Dachs, liest ihm aus Bü­chern vor. Er schreibt Brie­fe, fal­tet die Blät­ter zu Pa­pier­flie­gern, wirft sie aus den Fens­tern. Was er schreibt, liest kei­ner. Am En­de zieht sich der Aus­stei­ger in sich zu­rück: „Jetzt bin ich wirk­lich al­lein. Selbst ist man ein Zwerg.“

Al­les hin­ter sich las­sen, den Bal­last der Zi­vi­li­sa­ti­on ab­wer­fen und in der frei­en Na­tur le­ben – die­sen Traum ha­ben vie­le ge­träumt und man­cher ist dar­an ge­schei­tert. Der Ame­ri­ka­ner Hen­ry Da­vid Tho­reau schil­der­te in sei­nem 1854 ver­öf­fent­lich­ten Be­richt „Wal­den oder Le­ben in den Wäl­dern“ein Le­ben fern der sich in­dus­tria­li­sie­ren­den Ge­sell­schaft. Mit sei­nem al­ter­na­ti­ven Le­bens­ent­wurf fand er vie­le Nach­ah­mer – wie den jun­gen Ame­ri­ka­ner Chris­to­pher McCand­less, der nach ei­ner mehr­jäh­ri­gen Wan­der­schaft 1992 in ei­nem aus­ran­gier­ten Bus in Alas­ka ver­hun­ger­te. Das Buch „In­to the Wild“von Jon Kra­kau­er und die gleich­na­mi­ge Ver­fil­mung von Se­an Penn mach­ten ihn be­kannt.

Am Ba­di­schen Staats­thea­ter Karls­ru­he wur­de nun ein Stück urauf­ge­führt, das sich dem Traum vom ur­sprüng­li­chen Le­ben aufs Neue stellt: Der ös­ter­rei­chi­sche Au­tor Ana­tol Vi­touch spannt in „Pla­net Wal­den“den Bo­gen von Tho­re­aus Block­hüt­te über das heu­ti­ge Wurf­zelt bis hin zum Raum­schiff En­ter­pri­se. Re­gis­seu­rin Fe­li­ci­tas Braun setzt auf Um­keh­run­gen, Brü­che und Wi­der­sprü­che. Ti­mo von Kriegstein hat die Büh­ne als ver­kehr­te Welt ge­stal­tet: Auf der ei­gent­li­chen Büh­ne sit­zen die Zu­schau­er, wäh­rend der Schau­spie­ler Ma­xi­mi­li­an Grü­ne­wald den „Mo­no­log für ei­nen ein­sa­men Schau­spie­ler und Sie­ben Zwer­ge“auf der Zu­schau­er­tri­bü­ne dar­bie­tet. Ab­ge­deckt mit hel­len Tü­chern, wer­den die Stuhl­rei­hen zur ent­stel­len­den Pro­jek­ti­ons­flä­che für Wohl­fühl­fil­me über das Le­ben in der Wild­nis.

Gro­tes­ke Mo­ti­ve durch­zie­hen das Stück: Wal­den als fremd­be­stimm­tes Ku­schel­tier­chen, das Rat bei den ame­ri­ka­ni­schen Tran­szen­den­ta­lis­ten oder bei der post­mo­der­nen Lin­ken sucht. Der sieb­te Zwerg, der Tho­reau beim Bau sei­ner Holz­hüt­te hilft: Ma­xi­mi­li­an Grü­ne­wald meis­tert den Mo­no­log mit be­ein­dru­cken­dem Kör­per­ein­satz und ver­mit­telt das gan­ze Spek­trum der Ge­füh­le von Über­mut über wach­sen­de Zwei­fel bis hin zur Ver­zweif­lung. Denn der Aus­stei­ger muss er­ken­nen, dass ihm der Weg zum Ur­sprüng­li­chen ver­baut ist: „Zu­rück zur Na­tur“ist längst ein pro­fi­ta­bles Li­fe­style-Kon­zept; für die Wal­denHüt­te gibt es be­reits Bau­plä­ne, und „Wal­den“ist der Ti­tel ei­nes Li­fe­sty­leMa­ga­zins. Wo­hin al­so soll der Aus­stei­ger ge­hen? Von wem soll er sich ab­gren­zen? Und vor al­lem: Wem soll er sich mit­tei­len? Von der Ge­sell­schaft hat er sich ab­ge­wandt, nun fehlt ihm das Ge­gen­über. Das macht sein Aben­teu­er pa­ra­dox – und das Stück „Pla­net Wal­den“über­zeu­gend. Auch Hen­ry Da­vid Tho­reau kehr­te einst nach zwei Jah­ren aus der Ab­ge­schie­den­heit der Wäl­der in die Zi­vi­li­sa­ti­on zu­rück. Si­byl­le Or­gel­din­ger

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