In der Zwick­müh­le

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - CHRIS­TO­PHER TÖNGI

Es pas­siert vor den Au­gen der Welt – und es ge­schieht jetzt. Doch der Wes­ten schaut ohn­mäch­tig zu. Da­bei könn­ten die Aus­wir­kun­gen des blu­ti­gen Kamp­fes um Aleppo die kom­men­den Jahr­zehn­te nach­hal­tig prä­gen. Und zwar welt­weit. Auf der ei­nen Sei­te, weil an­de­re Macht­ha­ber se­hen, dass sie un­ge­straft ma­chen kön­nen, was sie wol­len. Und auf der an­de­ren Sei­te, weil der nächs­te Flücht­lings­an­sturm nur ei­ne Fra­ge der Zeit ist. Kün­digt dann auch noch An­ka­ra den Flücht­lings­pakt mit der Eu­ro­päi­schen Uni­on auf, sitzt auch Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel mäch­tig in der Klem­me. Denn: Macht sie die Gren­zen zu, wirkt sie un­glaub­wür­dig. Lässt sie wei­te­re Zehn­tau­sen­de Flücht­lin­ge ins Land, wä­re ihr nicht nur aus Bay­ern ei­si­ger Ge­gen­wind ga­ran­tiert.

Um­so un­ver­ständ­li­cher ist, dass die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft bis­her nur auf Ap­pel­le setzt. Zwar will Frank­reich jetzt ei­ne in­ter­na­tio­na­le Sy­ri­en-Kon­fe­renz or­ga­ni­sie­ren, doch rea­lis­tisch be­trach­tet be­steht auch da­durch kaum Aus­sicht auf Er­folg. An ei­ner po­li­ti­schen Lö­sung des seit gut fünf­ein­halb Jah­ren dau­ern­den Kon­flikts ist der sy­ri­sche Staats­chef Ba­schar al-As­sad doch gar nicht in­ter­es­siert.

All die Ge­sprä­che, Ver­hand­lun­gen und Ap­pel­le ha­ben letzt­lich nur ei­nes be­wirkt: Zeit. Zeit, die As­sad nut­zen konn­te, um mi­li­tä­risch auf­zu­rüs­ten. Ver­hee­rend für die lei­den­de Be­völ­ke­rung, die vor Bom­ben und Tod flie­hen muss.

Kran­ken­häu­ser wur­den zer­stört, Hilfs­kon­vois bom­bar­diert, an­geb­lich so­gar Gift­gas ein­ge­setzt. Und nie­mand will es ge­we­sen sein. Kriegs­ver­bre­chen, die zwar für ei­nen welt­wei­ten Auf­schrei sorg­ten, da­nach aber schnell wie­der ver­drängt wur­den. So trau­rig es klingt: Die gro­ßen Kraft­an­stren­gun­gen er­fol­gen eben erst, wenn Län­der un­mit­tel­bar be­trof­fen sind – doch dann ist es oft­mals zu spät. Das hat nicht erst die Flücht­lings­kri­se ge­zeigt, wo man Ita­li­en jah­re­lang al­lei­ne ge­las­sen hat­te. Die Pro­ble­me müs­sen dort ge­löst wer­den, wo sie ent­ste­hen. Auch wenn das nicht im­mer be­quem ist. Na­tür­lich mischt im Sy­ri­enKon­flikt auch Russ­land mit, ein Land, mit dem es sich die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft nicht ver­scher­zen will. Aber: Al­le Hoff­nun­gen, dass Mos­kau mä­ßi­gend auf As­sad ein­wir­ken könn­te, wur­den zer­schla­gen. Da­her rei­chen Ap­pel­le nicht mehr aus. Nie­mand kann spä­ter sa­gen, er hät­te die Alarm­glo­cken nicht ge­hört.

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