Hei­den­spaß an Kar­frei­tag

Dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt geht der Fei­er­tags­schutz in Bay­ern zu weit

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN -

Karlsruhe. „Sechs Ta­ge sollst du dei­ne Ar­beit tun; aber des sie­ben­ten Ta­ges sollst du fei­ern, auf dass dein Ochs und Esel ru­hen und dei­ner Magd Sohn und der Fremd­ling sich er­qui­cken.“So steht es im Al­ten Tes­ta­ment. Der sieb­te Tag, der Sonn­tag, soll ein Fei­er­tag sein, ein Tag der Ru­he und Be­sin­nung. Ein be­son­de­rer Tag. Heu­te gilt das frei­lich nicht mehr nur für den Sonn­tag. Es gibt meh­re­re Fei­er­ta­ge, die sich auf ei­ne christ­li­che Tra­di­ti­on stüt­zen. Ein ganz be­son­de­rer ist der Kar­frei­tag. Der Frei­tag vor Os­tern, zwi­schen Grün­don­ners­tag und Kar­sams­tag, ist für Chris­ten ei­ner der wich­tigs­ten Ta­ge und vor al­lem ein sehr stil­ler. An die­sem Tag ge­denkt die Kir­che des To­des Je­su Chris­ti.

Für Fei­er­ta­ge gel­ten be­son­de­re Re­ge­lun­gen, die die Län­der in so­ge­nann­ten Fei­er­tags­ge­set­zen (FTG) fest­schrei­ben. Für den Kar­frei­tag sind das in den meis­ten Bun­des­län­dern sehr stren­ge Vor­schrif­ten. All­ge­mein be­kannt ist vor al­lem das so­ge­nann­te Tanz­ver­bot. Das führt all­jähr­lich zu Pro­tes­ten. Fei­er­kul­tur ge­gen Fei­er­tags­kul­tur. In Ba­denWürt­tem­berg wur­den im ver­gan­ge­nen Jahr die Fei­er­tags­ge­set­ze ge­lo­ckert, zum Bei­spiel für den Hei­li­gen Abend oder den Ers­ten Weih­nachts­fei­er­tag. Für den Kar­frei­tag al­ler­dings nicht. Bay­ern hat die be­son­de­re Schutz­wür­dig­keit die­ses Ta­ges in sei­nem FTG so­gar ex­pli­zit fest­ge­schrie­ben. Dort steht, dass die Ge­mein­den „aus wich­ti­gen Grün­den“im Ein­zel­fall von den Ver­bo­ten ab­se­hen kön­nen, „nicht je­doch für den Kar­frei­tag.“Da­mit ist das Karls­ru­her Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt al­ler­dings nicht ein­ver­stan­den.

Mit ei­nem ges­tern ver­öf­fent­licht Be­schluss (Az. 1 BvR 458/10) stellt der Ers­te Se­nat klar: „Die Be­frei­ungs­fes­tig­keit des be­son­de­ren Stil­le­schut­zes am Kar­frei­tag ist mit den Grund­rech­ten un­ver­ein­bar.“Soll hei­ßen: Der Ge­setz­ge­ber darf nicht von vorn­her­ein aus­schlie­ßen, dass je­mand an Kar­frei­tag vom be­son­de­ren Ge­bot der Ru­he und Stil­le be­freit wer­den kann. Das sei „un­ver­hält­nis­mä­ßig“.

Der Fall: An Kar­frei­tag 2007 woll­te der Bund für Geis­tes­frei­heit (BfG) in ei­nem Münch­ner Thea­ter ei­ne Ver­an­stal­tung un­ter dem Mot­to „Hei­den­spaß statt Höl­len­qual“or­ga­ni­sie­ren, ge­plant wa­ren Film­vor­füh­run­gen, ein Scho­ko­la­den­buf­fet und zum Ab­schluss ei­ne „Hei­den­spaß-Par­ty“mit „Frei­geis­terTanz“, bei der die Rock­band „Heilig“auf­tre­ten soll­te. Das Münch­ner Kreis­ver­wal­tungs­re­fe­rat un­ter­sag­te die Ab­schluss­par­ty mit Ver­weis auf das baye­ri­sche Fei­er­tags­ge­setz. Ge­gen Fil­me und Scho­ko­la­de gab es nichts ein­zu­wen­den. Da­ge­gen wehr­te sich der BfG, der als Wel­t­an­schau­ungs­ge­mein­schaft ei­ne an­er­kann­te Kör­per­schaft des öf­fent­li­chen Rechts ist. Er be­rief sich auf die Wel­t­an­schau­ungs- so­wie die Ver­samm­lungs­frei­heit. Und be­kam nun von den Karls­ru­her Rich­tern Recht.

Ist da­mit der Kar­frei­tag als stil­ler Fei­er­tag end­gül­tig Ge­schich­te? Ist das Tanz­ver­bot auf­ge­ho­ben? Nein, so ein­fach ist es nicht. Denn das Ver­fas­sungs­ge­richt stell­te klar, dass der Staat durch­aus dem Kar­frei­tag be­son­de­re Be­deu­tung bei­mes­sen kann. „Die Aus­ge­stal­tung des Kar­frei­tags als ein be­son­de­ren Re­ge­lun­gen un­ter­lie­gen­der stil­ler Tag und da­mit die Schaf­fung ei­nes qua­li­fi­zier­ten Ru­he­schut­zes ist dem Grun­de nach eben­falls ge­recht­fer­tigt“, heißt es in der Be­grün­dung. Nur müs­se es eben auch für den Kar­frei­tag die Mög­lich­keit von Aus­nah­men ge­ben. Im kon­kre­ten Fall sa­hen die Rich­ter in der Münch­ner Ver­an­stal­tung ei­ne nicht nur auf Kom­merz und Ver­gnü­gen aus­ge­rich­te­te Par­ty. Die Gäs­te hät­ten da­bei auch die Mög­lich­keit ge­habt, an ei­nem „öf­fent­li­chen Mei­nungs­bil­dungs­pro­zess“teil­zu­ha­ben. Das Ge­richt be­ton­te die Be­deu­tung der Ver­samm­lungs­frei­heit „als we­sent­li­ches Ele­ment de­mo­kra­ti­scher Of­fen­heit“. Der Fei­er­tags­schutz hat­te in die­sem kon­kre­ten Fall kei­nen Vor­rang. Zu­mal die Ver­an­stal­tung „in ei­nem ge­schlos­se­nen Raum mit über­schau­ba­rer Teil­neh­mer­zahl“statt­fin­den soll­te und die Aus­wir­kun­gen „auf den öf­fent­li­chen Ru­heund Still­e­cha­rak­ter des Ta­ges“wohl sehr ge­ring ge­we­sen wä­ren. Zu­dem hät­te man den Ver­an­stal­tern Auf­la­gen für die Par­ty ma­chen kön­nen, an­statt sie ein­fach zu ver­bie­ten. To­bi­as Roth

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