In Ita­li­en steht viel auf dem Spiel

Re­fe­ren­dum wird zur neu­en Be­las­tungs­pro­be für Eu­ro­pa / Sor­gen bei Mer­kel und Schäu­b­le

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Tho­mas Mig­ge

Rom. Am Sonn­tag scheint es in Ita­li­en nicht nur um ein Ver­fas­sungs­re­fe­ren­dum zu ge­hen, son­dern um die Zu­kunft des Lan­des. Da­von sind Po­li­tik-, Wirt­schafts­und Fi­nanz­ex­per­ten in Eu­ro­pa und den USA über­zeugt. Und auch Po­li­ti­ker wie Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel. Sie und ihr Fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le (bei­de CDU) er­war­ten mit gro­ßer Span­nung den Aus­gang des Re­fe­ren­dums.

Zur Ab­stim­mung steht ei­ne Re­form, die das Zwei­kam­mer­sys­tem mit Ab­ge­ord­ne­ten­haus und Se­nat, bei­de vom

Bei ei­nem „No“droht ein Ban­ken­kol­laps

Volk ge­wählt und bei­de mit glei­chen Rech­ten, ab­schaf­fen soll. Der Se­nat soll zu ei­ner Art Län­der­kam­mer wer­den. Die Se­na­to­ren sol­len nicht mehr über die Ver­ab­schie­dung von Ge­set­zen ent­schei­den dür­fen, und auch kei­ne Mit­spra­che­rech­te mehr ha­ben, die wich­ti­ge Ent­schei­dungs­pro­zes­se in die Län­ge zie­hen. Re­gie­rungs­chef Mat­teo Ren­zi pro­pa­giert „das Straf­fen po­li­ti­scher Ent­schei­dungs­pro­zes­se“. Als sich Ren­zi für die­se Re­form ent­schied, wa­ren sei­ne Be­liebt­heits­wer­te sehr hoch. Noch im März die­ses Jah­res konn­te er sich si­cher sein, so Um­fra­gen­in­sti­tu­te, dass fast 80 Pro­zent der Wäh­ler für ein „Si“der Re­form sind. Jetzt sind es aber nur noch 40 Pro­zent. Die Geg­ner der Ver­fas­sungs­re­form, dar­un­ter nicht nur sämt­li­che Op­po­si­ti­ons­par­tei­en, son­dern auch Wäh­ler von Ren­zis de­mo­kra­ti­scher Par­tei, se­hen in der Re­form den Ver­such, die Macht des Re­gie­rungs­chefs zu sehr zu stär­ken.

Stimmt der Groß­teil der Wäh­ler beim Re­fe­ren­dum für „No“, könn­te der EUPart­ner Ita­li­en in ei­ne po­li­ti­sche und fi­nanz­po­li­ti­sche Schräg­la­ge ge­ra­ten, die von Mer­kel und Schäu­b­le aus gu­tem Grund mit gro­ßer Sor­ge ge­se­hen wird. Bei ei­ner Nie­der­la­ge Ren­zis könn­ten die in­ter­na­tio­na­len Fi­nanz­märk­te in Ita­li­en Ge­fahr wit­tern. Der wirt­schaft­li­che Auf­schwung ist ins Sto­cken ge­ra­ten. Fal­len­de Prei­se scha­den der krän­keln­den Wirt­schaft. Die Staats­ver­schul­dung steigt per­ma­nent. Ita­li­en wird nach ei­ner Nie­der­la­ge beim Re­fe­ren­dum In­ves­to­ren noch hö­he­re Ri­si­ko­prä­mi­en bie­ten müs­sen, da­mit sie auch wei­ter­hin dem Land Geld lei­hen.

Was das für Ita­li­ens Ban­ken be­deu­ten könn­te, will sich der­zeit nie­mand aus­ma­len. 20 Pro­zent ih­res Kre­dit­vo­lu­mens gilt als not­lei­dend. Das ent­spricht et­wa 21 Pro­zent des ita­lie­ni­schen Brut­to­in­lands­pro­dukts. Soll hei­ßen: Um Ita­li­ens Ban­ken ist es so schlecht be­stellt, dass sie Bank­rott­ge­hen könn­ten. Mit un­ab­seh­ba­ren Fol­gen für das ge­sam­te eu­ro­päi­sche Ban­ken­sys­tem.

Auch ein po­li­ti­sches Erd­be­ben ist im Fall des „No“-Sie­ges nicht aus­ge­schlos­sen. Soll­te Ren­zi, wie er be­reits er­klärt hat­te, dann zu­rück­tre­ten, müss­te der Staats­prä­si­dent ei­ne Über­gangs­re­gie­rung bis zu Neu­wah­len im Früh­jahr er­nen­nen. Mer­kels Hoff­nung auf Sta­bi­li­tät im Part­ner­land Ita­li­en wä­re mal wie­der da­hin. Neu­wah­len könn­ten, ähn­lich wie in an­de­ren EU-Staa­ten, Rechts­po­pu­lis­ten an die Macht brin­gen. In Ita­li­en wä­ren das Par­tei­en wie die Fün­fS­ter­ne-Be­we­gung des Ex-Ko­mi­kers Bep­pe Gril­lo und die aus­län­der­feind­li­che Le­ga Nord. Bei­de Par­tei­en spre­chen sich für ei­nen „Itale­xit“aus, al­so ei­nen Aus­tritt aus der Eu­ro­päi­schen Uni­on. So ei­ne Rea­li­tät hät­te, er­klä­ren Fi­nanz­ex­per­ten der Mai­län­der Bör­se, ver­hee­ren­den Fol­gen für Ita­li­ens An­se­hen auf den Fi­nanz­märk­ten.

AL­LES BLICKT AUF REN­ZI: Falls die Ita­lie­ner die Ver­fas­sungs­re­form ab­leh­nen, hat der so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent sei­nen Rück­tritt an­ge­kün­digt. Ein „Nein“könn­te ei­ne Re­gie­rungs­kri­se in Rom aus­lö­sen – mit Aus­wir­kun­gen auf Deutsch­land. Foto: dpa

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