Mas­siv un­ter Druck

Beim deut­schen Strom­netz wer­den im­mer mehr teu­re Ein­grif­fe nö­tig

Pforzheimer Kurier - - WIRTSCHAFT -

Bonn/Berlin. Das deut­sche Strom­netz ist durch die Ener­gie­wen­de mas­siv un­ter Druck ge­ra­ten. Weil der Lei­tungs­bau mit dem Aus­bau­tem­po der Er­neu­er­ba­ren Ener­gie nicht mit­hal­ten kann, müs­sen im­mer wie­der gan­ze Kraft­wer­ke ab­ge­schal­tet und Re­ser­vean­la­gen oft im Sü­den oder in Ös­ter­reich hoch­ge­fah­ren wer­den. Um Schwan­kun­gen im Netz aus­zu­glei­chen, muss­ten Netz­ma­na­ger im ver­gan­ge­nen Jahr fast täg­lich in den Netz­fluss ein­grei­fen, heißt es im ak­tu­el­len Mo­ni­to­ring­be­richt von Bun­des­netz­agen­tur und Bun­des­kar­tell­amt.

Häu­fig wur­den auch Er­neu­er­ba­re Kraft­wer­ke – meist Wind­kraft­an­la­gen – ge­gen Kos­ten­er­stat­tung ge­dros­selt oder ganz in den Wind ge­dreht. Da­bei geht es nicht um Mi­ni-Kor­rek­tu­ren, son­dern um er­heb­li­che Ein­grif­fe in den Strom­fluss. Die Dau­er der so­ge­nann­ten Re­dis­patch­maß­nah­men ver­dop­pel­te sich an­nä­hernd auf knapp 16 000 St­un­den 2015. Die be­trof­fe­nen Strom­men­gen hät­ten sich in et­wa ver­drei­facht, heißt es in dem Be­richt. Die Kos­ten für die Netz- und Sys­tem­si­cher­heit stie­gen laut Be­richt 2015 auf 1,13 Mil­li­ar­den Eu­ro. Im Vor­jahr wa­ren es noch 436 Mil­lio­nen Eu­ro.

Zah­len müs­sen das die Ver­brau­cher über den Strom­preis. „Die Netz­be­trei­ber müs­sen im­mer öf­ter ein­grei­fen. Da­mit stei­gen so­wohl die Kos­ten zur Sys­tem­sta­bi­li­sie­rung als auch die ope­ra­ti­ven Ri­si­ken für ei­nen si­che­ren Netz­be­trieb“, sagt der Prä­si­dent der Bun­des­netz­agen­tur Jo­chen Ho­mann. „Das ist als ob Sie bei Tem­po 200 auf der Au­to­bahn dich­ter auf­fah­ren“, sagt der Spre­cher des Über­tra­gungs­netz­be­trei­bers Am­pri­on, Tho­mas Wie­de. „Da­von gibt es noch kei­nen Un­fall, wir sind ja auch gu­te Fah­rer, aber die Her­aus­for­de­run­gen sind nicht klei­ner ge­wor­den.“Die Netz­ein­grif­fe sei­en „mit im­men­sen Kos­ten ver­bun­den, die im End­ef­fekt die Strom­kun­den schul­tern. Da­mit steigt der Druck für ei­nen zü­gi­gen Netz­aus­bau“, er­klär­te der Bran­chen­ver­band BDEW.

Ei­ne Black­out-Ge­fahr sieht der Ver­band aber nicht: „Das Sys­tem ist wei­ter­hin ro­bust, selbst wenn ein har­ter Win­ter kom­men soll­te.“Hin­ter den Ku­lis­sen wächst den­noch die Sor­ge der Fach­leu­te. Vor al­lem im wind­rei­chen Win­ter ist der Druck auf die Net­ze enorm: Dann er­zeu­gen die Wind­parks im Nor­den über­durch­schnitt­lich viel Strom, wäh­rend die Fo­to­vol­ta­ik­an­la­gen im Sü­den kaum noch lie­fern – der Trans­port­be­darf von Nord nach Süd wächst, und die Lei­tun­gen kom­men oft nicht mit. Im ver­gan­ge­nen Win­ter 2015/16 wur­den die Re­ser­vekraft­wer­ke im In- und Aus­land – vor al­lem in Ös­ter­reich – laut Be­richt be­reits deut­lich häu­fi­ger an­ge­for­dert als im Vor­jahr: an 93 Ta­gen, ein Jahr zu­vor wa­ren es nur sie­ben Ta­ge.

Ei­ne wirk­li­che Lö­sung bringt nur ein er­heb­li­cher Strom­netz­aus­bau vor al­lem in Nord-Süd-Rich­tung – doch da­bei gibt es nur sehr lang­sa­me Fort­schrit­te. Der Netz­aus­bau lau­fe wei­ter „ver­spä­tet“, kri­ti­siert der Be­richt. Von den rund 1 800 Ki­lo­me­tern des 2009 ver­ab­schie­de­ten ers­ten Netz­aus­bau­ge­set­zes sind nur rund ein Drit­tel rea­li­siert, bis 2017 rech­net die Netz­agen­tur mit 45 Pro­zent. „Es bleibt zen­tra­le Auf­ga­be, dass wir mit dem Netz­aus­bau vor­an­kom­men, da­mit die Ener­gie­wen­de ge­lin­gen kann“, ap­pel­liert Ho­mann.

Für zwei der drei ge­plan­ten Nor­dSüd-Strom­au­to­bah­nen gibt es im­mer­hin ers­te Vor­schlä­ge für ei­nen Lei­tungs­kor­ri­dor, bei der drit­ten von Em­den durch NRW nach Ba­den-Würt­tem­berg hat die Su­che be­gon­nen. Auch hier sind Ver­spä­tun­gen aber zu er­war­ten. So brach­te der En­de 2015 be­schlos­se­ne Vor­rang von Erd­ka­beln vor Über­land­lei­tun­gen zu­nächst mal Ver­zö­ge­run­gen, weil weit ge­die­he­ne Pla­nun­gen neu auf­ge­setzt wer­den muss­ten. Die recht­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit be­trof­fe­nen Bür­gern sind zu­dem erst zu er­war­ten, wenn kon­kre­te Tras­sen fest­ste­hen. Rolf Schraa

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