„Gibt’s dann kei Ein­seh’n nit?“

„Der Watz­mann ruft“auf Ab­schieds­tour­nee mach­te Halt in Karlsruhe

Pforzheimer Kurier - - KULTUR - Wolf­gang Am­bros

Vor 44 Jah­ren war’s, da er­fan­den Wolf­gang Am­bros, Man­fred Tau­chen und Joe­si Pro­ko­petz die Ge­schich­te vom Berg, dem Bub und der Gail­ta­le­rin: „Der Watz­mann ruft“, die An­ti­the­se zum Mu­si­cal und viel­leicht auch ei­ne Par­odie des Gen­res, wer weiß. Ein pa­the­tisch ro­cki­ges „Rus­ti­kal“, voll­ge­stopft mit voll­kom­men sinn­frei­em und poin­ten­lo­sen Hu­mor. Jetzt war das bom­bas­ti­sche Dra­ma auf Ab­schieds­tour­nee in der Schwarz­wald­hal­le zu se­hen. Vor zwölf Jah­ren, als es schon ein­mal in Karlsruhe gas­tier­te, hat­te Joe­si Pro­ko­petz im BNN-In­ter­view die Ur­sprün­ge die­ser Schnaps­idee so er­klärt: „Es ist nicht so, dass ei­ner da saß, und sag­te: da ist die Idee, das ma­chen wir jetzt. Wir wa­ren jun­ge Künst­ler, wir ha­ben uns ge­bär­det, wir ha­ben ei­ne zeit­lang in die­sem Ton­fall ge­spro­chen. Wie eben je­de Ju­gend ih­re Ju­gend­spra­che hat.“

Er­staun­lich, dass die­se Spra­che im­mer noch ver­stan­den wird, und das (durch­aus ge­ne­ra­tio­nen­ge­misch­te) Pu­bli­kum die phi­lo­so­phi­sche Tie­fe von Er­kennt­nis­sen wie „Weg­geh’n? Weg­geh’n nutzt nix“zu schät­zen weiß. Wer be­fürch­te­te, in sei­ner Ju­gend­zeit plat­tem Hu­mor auf Bier­zelt­ni­veau auf­ge­ses­sen zu sein, wird beim Neu­ent­de­cken fest­stel­len: Irr­tum. Die höchst ei­gen­wil­li­ge Me­lan­ge aus voll­kom­men aus den Fu­gen ge­ra­te­ner Al­pen­ro­man­tik, ru­mo­ren­den Urängs­ten und phi­lo­so­phi­schen Ein­sich­ten, be­steht den be­rühmt-be­rüch­tig­ten Test der Zeit.

Die Ge­schich­te ist in drei Sät­zen er­zählt: Da steht der Berg, der Watz­mann, un­ten sitz der Bau­er, und der Sohn des Bau­ern, kurz Bua (Pro­ko­petz und Chris­toph Fälbl). Letz­te­rer will au­fi, weil der Berg ruft. Der Berg aber will, dass er ab­stürzt, und das tut er denn auch. En­de. Nicht das Was, son­dern das Wie macht den Reiz. Da sind die ab­grund­tief be­scheu­er­ten Dia­lo­ge der Knech­te (wie­der Pro­ko­petz und Chris­toph Fälbl) die sich manch­mal Mi­nu­ten lang nur rot­zend, spu­ckend und hus­tend ver­stän­di­gen. Was hu­mor­tech­nisch voll­kom­men in die Ho­se ge­hen kann, hier trifft es ins Schwar­ze. Man schüt­telt sich vor La­chen und weiß ei­gent­lich nicht, war­um. Wie sie das hin­krie­gen, bleibt ihr Ge­heim­nis.

Wenn die Gail­ta­le­rin (EAV-Sän­ger Klaus Eber­har­tin­ger) die Büh­ne be­tritt, ist so­wie­so das En­de je­der Ver­nunft an­ge­sagt. Der Bub ge­rät in den Rausch se­xu­el­ler Be­gier­de, kom­bi­niert mit Berg­wahn. Es ist das Suh­len im Ver­trau­ten, was ei­nen so die­bi­schen Spaß be­rei­tet, es ist auch das Mit­ma­chen: Wenn es von der Büh­ne „Hol­la­röh­dul­liöh“schallt, schallt es aus dem Pu­bli­kum zu­rück, wäh­rend die Band pa­the­ti­schen 70er Jah­re Rock spielt. Wenn der nach ei­ner Wir­bel­säu­len­ope­ra­ti­on am Stock ge­hen­de Wolf­gang Am­bros mit brü­chi­ger Stim­me singt: „Oh Sankt Hu­ber­tus lass dein Jagd­horn tu­ten, wir schla­gen uns mit Ru­ten, bis wir ver­blu­ten“, dann singt man ein­fach laut­hals mit. Oh­ne sich auch nur ei­nen Mo­ment lang zu fra­gen, was denn das nun be­deu­ten soll. Es ist halt wie es ist. Oder um es mit den drei sich am Fließ­band be­kreu­zi­gen­den Mäg­den am Ti­sche des Bau­ern zu sa­gen: „Gibt’s dann kei Ein­seh’n nit?“

Selbst­re­dend ist bei der Ab­schieds­tour­nee al­les noch grö­ßer, schö­ner und über­dreh­ter. Und so­gar mo­der­ner: Bau­er und Bua ha­ben mitt­ler­wei­le Han­dys. Ein­mal taucht so­gar völ­lig an­lass­los ei­ner aus dem Mist­hau­fen auf, den sie Trump nen­nen und fort­scheu­chen. Viel­leicht war es ja doch noch nicht die Ab­schieds­tour­nee. Tho­mas Zim­mer.

ZEFIX, DIE WIRBELT ABER WILD: Klaus Eber­har­tin­ger, seit 1981 Sän­ger der Ers­ten All­ge­mei­nen Ve­r­un­si­che­rung (EAV), als Gail­ta­le­rin und Joe­si Pro­ko­petz als Bau­er in Rus­ti­kal-Mu­si­cal „Der Watz­mann ruft“in der Karls­ru­her Schwarz­wald­hal­le. Fotos (2): Fink

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