Mo­nu­men­te und Klein­ode

Krys­ti­an Zi­mer­man spiel­te Schu­bert und Szy­ma­now­ski

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

1828 er­leb­te Franz Schu­bert sei­nen letz­ten Som­mer, und als der zur Nei­ge ging, ahn­te er wohl, dass sei­nem Le­ben en­ge Gren­zen ge­setzt sein wür­den. Nach­dem er fünf Jah­re zu­vor, nach der „Un­voll­ende­ten“und über die „Wan­de­rer-Fan­ta­sie“zur Kla­vier­so­na­te zu­rück­ge­fun­den hat­te, be­schloss er den Sep­tem­ber 1828 mit ei­ner So­na­ten-Tri­as von ge­wal­ti­gen Aus­ma­ßen. Mo­nu­men­ta­ler war nie ein Schwa­nen­ge­sang. Wenn Krys­ti­an Zi­mer­man sich je­nen Mo­no­li­then vor­nimmt, wie jetzt den So­na­ten A-Dur D 959 und B-Dur D 960 bei sei­nem Kla­vier­abend im Fest­spiel­haus zu Ba­denBa­den, dann nimmt man die ge­wei­te­ten Di­men­sio­nen die­ser spä­ten Meis­ter­wer­ke nicht mehr wahr. Das liegt zum ei­nen in den durch­weg zü­gi­gen Tem­pi, die er ins­be­son­de­re für die Eck­sät­ze wählt und die er auf der Grund­la­ge ei­ner ma­kel­lo­sen hand­werk­li­chen Ver­siert­heit auch je­der­zeit mit läs­si­ger Ele­ganz und über­ra­gen­der Klar­heit „durch­hal­ten“kann. Dies liegt aber vor al­lem dar­an, dass er es auf fes­seln­de Wei­se ver­steht, ei­ne groß­ar­ti­ge Fül­le dy­na­mi­scher und ago­gi­scher Fein­hei­ten un­ter ei­nem ein­zi­gen Span­nungs­bo­gen zu ver­ei­nen.

Schu­berts So­na­ten, ge­ra­de die letz­te, wer­den so zu weit­ge­spann­ten lied­haf­ten Er­zäh­lun­gen, die ei­nem in ih­rer Dop­pel­bö­dig­keit zu­wei­len den Atem sto­cken las­sen, so et­wa, wenn der Me­lo­die­fluss im Ron­do-Fi­na­le der A-Dur-So­na­te im­mer wie­der ab­bricht – Herz­still­stän­den gleich, oder wenn das in­sis­tie­ren­de, von Zi­mer­man im­mer wie­der fahl ab­ge­tön­te „g“im Fi­na­le der B-Dur-So­na­te vor dem Schluss-Pres­to zwei Halb­tö­ne hin­ab­steigt, erst zum „ges“, dann zum „f“: Nur zwei Halb­ton­schrit­te, doch bei je­dem blickt man in ei­nen Ab­grund.

Den bei­den So­na­ten stell­te Zi­mer­man vier Ma­zur­ken Ka­rol Szy­ma­now­skis (op. 50, Nrn. 13-16) ge­gen­über, Mi­nia­tu­ren im Geis­te Cho­pins, oh­ne des­sen tän­ze­ri­sche Sti­li­sie­rung, mehr im Sin­ne ei­ner frei­en Cha­rak­te­ri­sie­rung, nicht sel­ten ins Im­pres­sio­nis­ti­sche rei­chend – Mo­men­te, in de­nen der Pia­nist so­wohl sei­ne de­li­ka­te An­schlags­kul­tur als auch sei­ne griff­tech­ni­sche Bra­vour in gro­ßer Frei­heit aus­spiel­te.

Die Stan­ding ova­ti­on sei­ner Zu­hö­rer­schaft mo­ti­vier­te den Pia­nis­ten zu drei Zu­ga­ben, die er be­zie­hungs­reich aus dem Opus 1 Szy­ma­now­skis wähl­te, den Pré­ludes Nr. 1 h-Moll, Nr. 2 d-Moll und Nr. 8 es-Moll – be­rüh­ren­de Wer­bung für sei­nen Lands­mann und Ab­schluss ei­nes Kla­vier­abends, den man in Er­in­ne­rung be­hal­ten wird. Claus-Die­ter Ha­nau­er

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