Der mensch­li­che Fak­tor

Neu im Ki­no: Tom Hanks als un­pa­the­tisch dar­ge­stell­ter Held „Sul­ly“

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Ein Er­eig­nis, das im Ja­nu­ar 2009 welt­weit für po­si­ti­ve Schlag­zei­len sorg­te, dürf­te im kol­lek­ti­ven Ge­dächt­nis der US-Ame­ri­ka­ner noch weit­aus prä­sen­ter sein als hier­zu­lan­de: Flug­ka­pi­tän Ches­ley Sul­len­ber­ger, kurz „Sul­ly“ge­nannt, ge­lang es am 15. Ja­nu­ar ein Pas­sa­gier­flug­zeug auf dem Hud­son Ri­ver not­zu­lan­den, mit­ten in New York – und al­le 155 Pas­sa­gie­re über­leb­ten das un­ge­wöhn­li­che Ma­nö­ver un­be­scha­det. Im Zu­sam­men­hang mit Flug­zeu­gen und Man­hat­tan gab es ei­ni­ge Jah­re da­vor schon ganz an­de­re Nach­rich­ten, und in „Sul­ly“, dem neu­en Film von Cl­int East­wood, wird ne­ben­bei auf die Er­eig­nis­se vom 11. Sep­tem­ber 2001 an­ge­spielt, et­wa in den Alb­träu­men, die Sul­ly nach sei­nem Ma­nö­ver ver­fol­gen. Denn na­tür­lich hät­te die Sa­che schief­ge­hen kön­nen, hät­te das Flug­zeug, das sich nach der Kol­li­si­on mit ei­nem Vo­gel­schwarm im Sink­flug be­fan­det, an ei­nem Wol­ken­krat­zer hän­gen blei­ben kön­nen.

Wie aber macht man aus ei­ner Bei­na­he-Ka­ta­stro­phe, die nur ein paar Mi­nu­ten dau­er­te und ei­nen ma­kel­lo­sen Hel­den her­vor­brach­te, ei­nen abend­fül­len­den Spiel­film? East­wood und sein Dreh­buch­au­tor Todd Ko­mar­ni­cki sti­li­sie­ren, aus­ge­hend von Sul­lys Buch über das Er­eig­nis und sei­ne Fol­gen, die na­tio­na­le Be­hör­de für Flug­si­cher­heit zum Ge­gen­spie­ler: Äu­ßerst un­freund­lich und fast feind­se­lig wirkt ih­re Hal­tung ge­gen­über Sul­ly, der von Pu­bli­kums­lieb­ling Tom Hanks dar­ge­stellt wird, und sei­nem eben­so sym­pa­thi­schen Co-Pi­lo­ten (Aa­ron Eck­hart). Wäh­rend Sul­ly ge­fei­ert wird, ver­su­chen ihm klein­ka­rier­te Bü­ro­kra­ten ans Bein zu pin­keln – das ist ei­ne be­wusst un­sach­li­che Darstel­lung, aber so gibt es eben doch ei­nen Kon­flikt. Der mün­det in ei­ne öf­fent­li­che An­hö­rung, die es so nie ge­ge­ben hat, in der aber der Kon­trast zwi­schen der Tech­no­kra­tie mit Com­pu­ter­si­mu­la­ti­on und der mensch­lich-sub­jek­ti­ven, aber durch Er­fah­rung ge­sät­tig­ten Her­an­ge­hens­wei­se von Sul­ly auf die Spit­ze ge­trie­ben wird.

Das soll­te nicht als Plä­doy­er ge­gen die Tech­nik ver­stan­den wer­den – zwar ist East­wood ein be­ken­nen­der Kon­ser­va­ti­ver, aber als Fil­me­ma­cher nutzt er selbst mo­derns­te Tech­nik, zum Bei­spiel in der recht über­zeu­gen­den Darstel­lung des Bei­na­he-Un­glücks. Es geht dar­um, den mensch­li­chen Fak­tor in sol­che Be­rech­nun­gen und Si­mu­la­tio­nen mit ein­zu­be­zie­hen. Noch sind es Men­schen, die die Ma­schi­nen steu­ern. Das zu be­rück­sich­ti­gen ist im Sin­ne der Auf­klä­rung und nicht ge­gen sie ge­rich­tet.

Als Hel­den­epos ist „Sul­ly“, nicht zu­letzt dank Tom Hanks, er­staun­lich ge­las­sen und un­pa­the­tisch. Na­tür­lich ant­wor­tet Sul­ly auf die Fra­ge, ob er sich wie ein Held füh­le, we­nig über­ra­schend, er ha­be nur sei­ne Pflicht ge­tan. Zu be­den­ken ist, dass er selbst in der Ma­schi­ne saß. Mit sei­ner Ret­tungs­tat hat er auch sich ge­ret­tet – das ist nicht hel­den­haft, aber gut und ver­nünf­tig. Pe­ter Kohl

RET­TET SICH UND AL­LE AN­DE­REN: Pi­lot Ches­ley „Sul­ly“Sul­len­berg (Tom Hanks) ge­lingt ei­ne Not­lan­dung auf dem Hud­son Ri­ver mit­ten in New York. Foto: War­ner Bros.

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