Un­ter­wegs auf vie­len Fähr­ten

Nach­ruf auf den Film­kri­ti­ker Gi­de­on Bach­mann

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Sei­ne Woh­nung gleicht ei­ner Wun­der­kam­mer – und passt in­so­fern zu ei­nem Le­ben wie dem von Gi­de­on Bach­mann. Bü­cher, Ab­spiel­ge­rä­te, Ton­bän­der, Kas­set­ten und an­de­re Spei­cher­me­di­en. Kar­tons mit Fotos, Ord­ner mit Ma­nu­skrip­ten: Nach­lass von ei­nem, der über Jahr­zehn­te das Film­ge­sche­hen be­ob­ach­tet und sei­ne Be­rich­te, Re­zen­sio­nen, Kom­men­ta­re in über 100 Zei­tun­gen und Ma­ga­zi­nen pu­bli­ziert hat. Der selbst fo­to­gra­fiert und et­li­che In­ter­views mit Re­gis­seu­ren wie Fe­de­ri­co Fel­li­ni, Je­an-Luc Go­dard oder Pier Pao­lo Pa­so­li­ni auf­ge­zeich­net hat.

Und dann sind da die Mo­dell­ei­sen­bahn­wa­gen, Lo­ko­mo­ti­ven, Glei­se, Si­gna­le un­ter­schied­li­cher Spur­wei­ten und Bau­jah­re. Bach­mann be­trach­te­te sie als Er­geb­nis ei­ner aus­ge­präg­ten Sam­mel­lei­den­schaft, aber viel­leicht sind sie auch Sym­bol für ei­ne Bio­gra­fie, die vom Rei­sen ge­prägt war – nicht zu­letzt als exis­ten­zi­el­le Not­wen­dig­keit: Sechs Wo­chen nach sei­nem neun­ten Ge­burts­tag (die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten wa­ren ge­ra­de drei Jah­re an der Macht) be­schlos­sen Bach­manns El­tern, dem sich ver­schär- fen­den an­ti­jü­di­schen Ras­sis­mus zu ent­ge­hen und nach Pa­läs­ti­na aus­zu­wan­dern. Da­bei lieb­te Gi­de­on Bach­mann, der da­mals noch Hans Wer­ner hieß, Heil­bronn, wo er am 18. Fe­bru­ar 1927 ge­bo­ren wur­de. Das Oran­ge der al­ten Stra­ßen­bah­nen fand er „wun­der­schön“, die Knack­würs­te bei Wein­fes­ten wa­ren sei­ne „Lieb­lings­spei­se“, wie er 2004 bei ei­nem Be­such sei­ner Hei­mat­stadt er­zähl­te, die Bach­mann seit ei­nem kur­zen Be­such 1947 fast sechs Jahr­zehn­te nicht mehr ge­se­hen hat­te

Über sein Le­ben sag­te Bach­mann, dass es „ei­ner ste­ten Su­che nach mei­nen Wur­zeln gleicht“. Da war er 77 und leb­te in Karlsruhe, wo­hin ihn der Re­gis­seur Ed­gar Reitz an das neu ge­grün­de­te Eu­ro­päi­sche In­sti­tut des Ki­no­films Karlsruhe (EIKK) be­ru­fen hat­te. Vor­aus­ge­gan­gen wa­ren die Jah­re im Na­hen Os­ten, ein kur­zer Auf­ent­halt in Prag, dann 1948 der Wech­sel in die USA, wo er vier Jah­re spä­ter am Ci­ty Col­le­ge of New York ein Stu­di­um bei Hans Rich­ter (1888 bis 1976) ab­sol­vier­te, Emi­grant wie er. Rom wird die nächs­te Sta­ti­on, wo Gi­de­on Bach­mann nicht nur in ei­ni­gen Fil­men Fel­li­nis mit­wirkt, son­dern auch ei­ne viel be­ach­te­te Do­ku­men­ta­ti­on über den Re­gis­seur („Ciao Fe­de­ri­co!“, 1970) dreht. Da­ne­ben schreibt er un­zäh­li­ge Tex­te über das Me­di­um Film, des­sen Ak­teu­re und Fes­ti­vals – auch für die Ba­di­schen Neu­es­ten Nach­rich­ten. Da leb­te er be­reits in der Fä­cher­stadt und ver­folg­te ein be­son­de­res Pro­jekt. Er nann­te es schlicht „Vox hu­ma­na“– die mensch­li­che Stim­me“und mein­te da­mit ein Archiv mit Auf­zeich­nun­gen be­rühm­ter Frau­en und Män­ner, das heu­te dem Karls­ru­her Zen­trum für Kunst und Me­di­en (ZKM) ge­hört. Bach­mann, der auf vie­len Fähr­ten un­ter­wegs war, hat­te Hun­der­te die­ser Ton­do­ku­men­te er­stellt. Ein Satz von Lo­renz Oken (1779 bis 1851), den er ger­ne zi­tier­te, kommt ei­ner Selbst­cha­rak­te­ri­sie­rung gleich, denn es steht für Bach­manns Auf­ge­schlos­sen­heit: „Das Au­ge führt den Men­schen in die Welt, das Ohr führt die Welt in den Men­schen ein.“Jetzt ist der Samm­ler der Stim­men stumm: Gi­de­on Bach­mann ist nach schwe­rer Krank­heit zwei­ein­halb Mo­na­te vor sei­nem 90. Ge­burts­tag ge­stor­ben.

Micha­el Hübl

Als Neun­jäh­ri­ger von Heil­bronn nach Pa­läs­ti­na

GI­DE­ON BACH­MANN, hier 2005 in sei­ner Karls­ru­her Woh­nung, ist mit 89 Jah­ren ge­stor­ben. Foto: Ar­tis

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