Ge­den­ken an die er­mor­de­ten Wi­der­stands­kämp­fer

Pforz­hei­mer le­gen Kranz nie­der / Am 30. No­vem­ber 1944 star­ben 25 Frau­en und Män­ner der Ré­seau Al­li­an­ce

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Clau­dia Kraus

Am frü­hen Mor­gen des 30. No­vem­ber 1944 wur­den die acht Frau­en und 17 Män­ner aus dem Schlaf ge­ris­sen. Man hat­te die fran­zö­si­schen Wi­der­stands­kämp­fer der Ré­seau Al­li­an­ce ins Ge­fäng­nis in der Rohr­stra­ße ge­sperrt. Sie soll­ten ihr Ge­päck rich­ten, hat­te ih­nen der Wär­ter ge­sagt und, be­son­ders zy­nisch, zur Ent­las­sung zehn Mark aus­ge­hän­digt. Sie wur­den nicht frei­ge­las­sen, son­dern im Ha­gen­schieß­wald er­mor­det. Ih­re Lei­chen ver­scharr­ten die Na­zis beim Bom­ben­trich­ter an der Tie­fen­bron­ner Stra­ße. Un­weit der Stel­le, an der die grau­sa­me Hin­rich­tung statt­fand, na­he der Bus­hal­te­stel­le „Hoch­schu­le“, steht seit 2008 ein Ge­denk­stein für die 25 Er­mor­de­ten.

Ges­tern, am Jah­res­tag die­ser Ver­bre­chen, ver­sam­mel­te sich dort ei­ne et­wa zehn­köp­fi­ge Grup­pe und leg­te ei­nen Kranz nie­der. CDU-Stadt­rat Rolf Con­stan­tin er­zähl­te da­von, dass der Pforz­hei­mer Hans Ade als zehn­jäh­ri­ger Bub mit an­sah, wie die Ame­ri­ka­ner die Lei­chen der Er­mor­de­ten wie­der aus­gra­ben und in ei­ner Pro­zes­si­on zum Fried­hof brin­gen lie­ßen. Spä­ter wur­den sie nach Frank­reich über­führt. Ade wur­de Pfar­rer und ver­ließ Pforz­heim. Als er zu­rück­kehr­te, um hier sei­nen Ru­he­stand zu ver­brin­gen, sei ihm al­les wie­der ein­ge­fal­len, er­zähl­te Con­stan­tin. Zu­sam­men mit Ade, ihm selbst, den da­ma­li­gen Stadt­rä­ten Jür­gen Schroth und Ger­hard Ha­ger sei die Idee ent­stan­den, Kon­takt auf­zu­neh­men mit An­ge­hö­ri­gen der Er­mor­de­ten. Das Trio stell­te in­ten­si­ve Nach­for­schun­gen an, un­ter an­de­rem bei ei­nem Straß­bur­ger Archiv, das die Schick­sa­le der Men­schen re­gis­trier­te, sprach mit An­ge­hö­ri­gen der Op­fer und stell­te An­trä­ge bei der Stadt. Et­wa zwei­ein­halb Jah­re spä­ter, am 25. Ja­nu­ar 2008, wur­de der Ge­denk­stein ent­hüllt, mit Na­men und Fotos al­ler in Pforz­heim er­mor­de­ten Mit­glie­der der Ré­seau Al­li­an­ce und im Bei­sein vie­ler An­ge­hö­ri­ger aus Frank­reich.

Ei­ne Bro­schü­re, an der ne­ben Ade und Schroth auch Ger­hard Bränd­le mit­ge­wirkt hat, ent­hält Kurz­bio­gra­fi­en der Mit­glie­der der Ré­seau Al­li­an­ce, die we­gen ih­rer nach­rich­ten­dienst­li­chen Ver­bin­dun­gen zu den Al­li­ier­ten für die Na­zis als ge­fähr­lichs­te Wi­der­stands-Grup­pe galt.

Zeit­gleich mit den Pforz­hei­mer Ge­fan­ge­nen wur­den an­de­re Mit­glie­der aus dem Wi­der­stand in Süd­deutsch­land er­schos­sen. Das Mord­kom­man­do im Schwarz­wald be­gann am 23. No­vem­ber, 1944, dem Tag der Be­frei­ung Straß­burgs un­ter dem Kom­man­do von SS-Ober­sturm­füh­rer Ju­li­us Gehrum. Der ge­bür­ti­ge Tie­fen­bron­ner ver­an­lass­te laut Bro­schü­re auch das Mas­sa­ker we­ni­ge Ta­ge spä­ter an der Tie­fen­bron­ner Stra­ße. Ei­ni­ge der in­haf­tier­ten Frau­en und Män­ner im Al­ter von 21 bis 68 Jah­ren wa­ren vor ih­rer Er­mor­dung durch Ge­nick­schuss schwer ge­fol­tert wor­den. „Men­schen, de­nen der Kampf für Frei­heit, Gleich­stel­lung und Frie­den mehr be­deu­te­te als das Le­ben“, steht auf dem Ge­denk­stein.

Ei­ner der Er­mor­de­ten war Fran­cois Mar­ty. Der Geist­li­che hat­te sich um Ar­me ge­küm­mert und als Ge­fäng­nis­seel­sor­ger um Häft­lin­ge in Lyon. Er sei An­lauf­stel­le zur Wei­ter­ga­be von Nach­rich­ten ge­we­sen, heißt es in der Bro­schü­re. In Lyon wur­de er fest­ge­nom­men und am 25. Ja­nu­ar 1944 nach Pforz­heim ver­schleppt. Kurz vor sei­ner Er­schie­ßung schrieb er in sei­nem Tes­ta­ment: „Der­je­ni­ge, der mich ver­ra­ten hat, mö­ge in Frie­den ru­hen. Ich ver­ge­be ihm. Ich wün­sche die Ver­söh­nung zwi­schen den Men­schen und Völ­kern.“

AM GE­DENK­STEIN im Ha­gen­schieß le­gen je­des Jahr am 30. No­vem­ber Pforz­hei­mer ei­nen Kranz nie­der, um an die von den Na­zis er­mor­de­ten fran­zö­si­schen Wi­der­stands­kämp­fer zu er­in­nern. Foto: Eh­mann

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.