Brü­chi­ger Stahl legt AKW lahm

In Frank­reich droht im Win­ter ein Eng­pass bei der Strom­ver­sor­gung

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - Von un­se­rer Kor­re­spon­den­tin Chris­ti­ne Lon­gin

Pa­ris. Seit ei­ni­gen Ta­gen sind die Bäu­me ent­lang der Champs-Ely­sées wie­der dicht mit Lich­ter­ket­ten be­hängt. Der Strom für die klei­nen Lämp­chen der Weih­nachts­be­leuch­tung kommt von der So­lar­an­la­ge Thé­mis in den Py­re­nä­en und nicht aus ei­nem der 58 Atom­re­ak­to­ren Frank­reichs. Da­mit hat die Pa­ri­ser Stadt­ver­wal­tung ei­ne gu­te Ent­schei­dung ge­trof­fen, denn aus­ge­rech­net im Land der Nu­kle­ar­ener­gie könn­te in die­sem Win­ter der Atom­strom knapp wer­den.

„Gibt es Strom an Weih­nach­ten?“, frag­te die Zei­tung „Le Fi­ga­ro“vor ei­ni­gen Ta­gen. „Ein Black­out kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den“, sagt die Atom­ex­per­tin von Gre­en­peace Deutsch­land, Su­san­ne Neu­bron­ner. Der Grund: Man­gel­haf­ter Stahl in den Dampf­er­zeu­gern führ­te zur Über­prü­fung von zwölf Re­ak­to­ren, dar­un­ter auch in Fes­sen­heim. Min­des­tens ei­nen Mo­nat lang blei­ben sie ab­ge­schal­tet, wie der Chef der Atom­si­cher­heits­be­hör­de ASN, Pier­re-Franck Che­vet, ver­gan­ge­ne Wo­che an­kün­dig­te. Acht wei­te­re Mei­ler wer­den ei­ner Jah­res­re­vi­si­on un­ter­zo­gen, so dass gut ein Drit­tel der fran­zö­si­schen AKW erst ein­mal aus­fällt.

Beim Druck­was­ser­re­ak­tor EPR in Fla­man­vil­le, der gera­de ge­baut wird, hat­te die ASN den feh­ler­haf­ten Stahl in De­ckel und Bo­den­plat­te im ver­gan­ge­nen Jahr zu­erst fest­ge­stellt. Doch an­de­re, be­reits funk­tio­nie­ren­de Atom­kraft­wer­ke, ha­ben das­sel­be Pro­blem: Zu viel Koh­len­stoff, der den aus der fran­zö­si­schen Schmie­de Creu­sot stam­men­den Stahl brü­chig macht. Nicht nur fran­zö­si­sche, son­dern auch bel­gi­sche und Schwei­zer An­la­gen sind be­trof­fen. „Dort ist die Über­prü­fung noch gar nicht voll­zo­gen“, be­merkt Neu­bron­ner.

In Frank­reich nahm die ASN die be­trof­fe­nen Re­ak­to­ren aus­ge­rech­net zu Be­ginn der kal­ten Jah­res­zeit vom Netz. Der Netz­be­trei­ber RTE warn­te des­halb be­reits An­fang No­vem­ber vor Eng­päs­sen, die vor al­lem die Hei­zung tref­fen könn­ten. Denn in Frank­reich, wo 75 Pro­zent der Ener­gie aus den Atom­kraft­wer­ken kommt, heizt et­wa ein Drit­tel der Haus­hal­te mit Elek­tro­hei­zun­gen. „Bei star­ken und an­hal­ten­den Käl­te­wel­len, bei de­nen die Wer­te un­ter Nor­mal­maß sin­ken, könn­te RTE zu au­ßer­ge­wöhn­li­chen Maß­nah­men ge­zwun­gen sein“, er­klär­te der Be­trei­ber. Da­zu könn­te auch ei­ne stun­den­wei­se Strom­ab­schal­tung in ei­ni­gen Re­gio­nen ge­hö­ren. Am Mon­tag will RTE ei­ne App vor­stel­len, die bei aku­tem Strom­m­an­gel die Haus­hal­te war­nen soll. Die sol­len dann die Hei­zung her­un­ter­dre­hen, un­nö­ti­ges Licht aus­schal­ten und dar­auf ver­zich­ten, die Wasch­ma­schi­ne in Stoß­zei­ten an­zu­stel­len. Trotz der RTE-War­nung ver­such­te Um­welt- und Ener­gie­mi­nis­te­rin Sé­golè­ne Roy­al zu be­ru­hi­gen: „Es gibt kein Ri­si­ko ei­nes Eng­pas­ses“, sag­te sie im Ra­dio. Die So­zia­lis­tin setzt auf ei­ne In­for­ma­ti­ons­kam­pa­gne, die die Fran­zo­sen zum Ener­gie­spa­ren er­mu­ti­gen soll. „Wenn die Ge­rä­te al­ler Bü­ros und Haus­hal­te nicht mehr im Stand-by sind, ist da­mit die Ener­gie ei­nes Re­ak­tors ge­won­nen“, rech­ne­te sie vor.

Ne­ben dem Ener­gie­spa­ren bleibt Frank­reich der Strom­im­port aus dem Aus­land, um sei­nen Be­darf im Win­ter zu de­cken. Frank­reich ha­be auf dem in­ter­na­tio­na­len Strom­markt ei­ne Im­port­ka­pa­zi­tät von 12 000 Me­ga­watt, al­so 13 Re­ak­to­ren, schreibt die Zei­tung „Le Mon­de“. Als Im­port­län­der kä­men Groß­bri­tan­ni­en, Bel­gi­en, Deutsch­land, die Schweiz, Ita­li­en und Spa­ni­en in Fra­ge – „vor­aus­ge­setzt, dass die­se ei­nen Pro­duk­ti­ons­über­schuss ha­ben.“Schon im Ok­to­ber muss­te Frank­reich laut RTE 40 Pro­zent mehr Strom im­por­tie­ren als im ver­gan­ge­nen Jahr. Die Ex­por­te fie­len da­ge­gen um 89 Pro­zent. Die Pro­ble­me der fran­zö­si­schen Re­ak­to­ren trie­ben auch die Strom­prei­se nach oben: sie er­reich­ten Spit­zen­wer­te von mehr als 100 Eu­ro pro Me­ga­watt­stun­de. Im Sep­tem­ber lag der Durch­schnitts­preis noch bei rund 40 Eu­ro pro Me­ga­watt­stun­de.

Die Er­neu­er­ba­ren kön­nen die Lü­cke in der kal­ten Jah­res­zeit nicht schlie­ßen. Die so­zia­lis­ti­sche Re­gie­rung hat­te zwar an­ge­kün­digt, den An­teil des Atom­stroms bis 2025 auf 50 Pro­zent ab­zu­sen­ken und da­für al­ter­na­ti­ve Ener­gie­quel­len zu stär­ken. Doch im drit­ten Quar­tal 2016 be­trug der An­teil „grü­ner Ener­gie“aus Wind, Son­ne, Was­ser­kraft und Bio­mas­se nur 20 Pro­zent. Zum Ver­gleich: in Deutsch­land wa­ren es 2015 be­reits rund 30 Pro­zent.

AUF DER BAU­STEL­LE des Druck­was­ser­re­ak­tors EPR in Fla­man­vil­le war der feh­ler­haf­te Stahl zu­erst ent­deckt wor­den. Fo­to: dpa

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