Büh­ler­hö­he

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN - Brigitte Gla­ser

In ih­rer Fan­ta­sie hat­te die Ir­gun Ade­nau­er be­reits in Bonn li­qui­diert oder Ari er­mor­det. Sie rief sich zur Ord­nung und rich­te­te den Blick nach drau­ßen, kon­zen­trier­te sich auf die vor­bei­zie­hen­de Land­schaft. Sie war nicht gut da­rin, sich wie ein Schach­spie­ler in ei­nem schwer durch­schau­ba­ren Spiel zu­recht­zu­fin­den, sie brauch­te Klar­heit und schätz­te Grad­li­nig­keit. In spä­tes­tens zwei St­un­den wür­de sie Si­mon Eck­stein tref­fen, und er wür­de hof­fent­lich Licht ins Dun­kel brin­gen.

Ein paar Sta­tio­nen wei­ter dräng­ten Markt­wei­ber mit Obst­kör­ben und Kä­fi­gen voll ga­ckern­der Hüh­ner in Ro­sas Wa­gen und füll­ten den Raum mit kräf­ti­gem Land­ge­ruch und mit für Ro­sa un­ver­ständ­li­chem Ale­man­nisch. Um­hüllt vom wei­chen Sing­sang die­ses Dia­lekts, nick­te sie ein und er­wach­te erst, als der Zug in Frei­burg hielt. Hef­ti­ges Ge­drän­ge beim Aus­stei­gen, Ro­sa, ein­ge­quetscht zwi­schen Kör­ben und Lei­bern, lan­de­te hin­ter ei­ner Bäue­rin mit ei­ner Rü­cken­tra­ge voll schwarz­ge­räu­cher­ter Speck­sei­ten auf dem Bahn­steig.

Wäh­rend die Markt­wei­ber in Rich­tung Müns­ter­platz mar­schier­ten, er­kun­dig­te sich Ro­sa nach dem Weg zur Uni­ver­si­tät. Es war nicht weit. Sie konn­te zu Fuß ge­hen.

Si­mon Eck­stein war in sei­nem bür­ger­li­chen Le­ben Ger­ma­nis­tik­pro­fes­sor an der Uni Frei­burg. Aus sei­ner Zeit als Flucht­hel­fer kann­te er Ari gut, des­halb hat­te Oz Eck­stein als Ver­bin­dungs­mann für Ro­sa aus­ge­wählt.

Frei­burg, stell­te Ro­sa fest, war im Ge­gen­satz zu Ba­den-Ba­den zer­stört wor­den. Über­all noch Res­te ver­brann­ter Haus­ge­rip­pe, not­dürf­tig ge­flick­te Kra­ter­lü­cken, wind­schie­fe Ba­ra­cken, schnell hoch­ge­zo­ge­ne Neu­bau­ten, da­zwi­schen Pla­kat­wän­de, die in bun­ten Bil­dern Om­ni­bus­rei­sen an den Gar­da­see an­prie­sen. Die löch­ri­gen Stra­ßen voll und be­lebt: klin­geln­de Fahr­rä­der, bim­meln­de Stra­ßen­bah­nen, sehr vie­le jun­ge Leu­te. Stu­den­ten auf dem Weg zur Uni, Ro­sa ließ sich von ih­nen mit­zie­hen.

Über dem Haupt­ge­bäu­de der Uni­ver­si­tät stand in gro­ßen Let­tern „Dem ewi­gen Deutsch­tum“ge­schrie­ben. Au­ßer ihr schien die­se em­pö­ren­de Zei­le nie­man­dem auf­zu­fal­len. Als gä­be es die In­schrift nicht, ström­ten die jun­gen Leu­te in die Al­ma Ma­ter. Sie hät­te so ger­ne stu­diert. Geo­gra­fie vi­el­leicht oder Ge­schich­te. 1942 war ein Me­diä­vis­tik­pro­fes­sor aus Hei­del­berg nach der Flucht aus Deutsch­land in Oma­rim ge­stran­det, abends hat­te er sie ge­le­gent­lich un­ter­rich­tet. Nach ei­nem Tag voll schwe­rer Feld­ar­beit, Kib­buz-Ver­samm­lun­gen, Schieß­übun­gen und auch nur dann, wenn nicht Nacht­wa­chen ge­hal­ten oder Schutz­bun­ker ge­baut wer­den muss­ten. Was wa­ren die paar St­un­den im Ver­gleich zu ei­nem rich­ti­gen Stu­di­um, das die­se wahn­sin­ni­ge Idee vom „ewi­gen Deutsch­tum“ihr und al­len an­de­ren Ju­den ver­wehrt hat­te?

Beim Pe­dell er­kun­dig­te sie sich nach Dok­tor Eck­stein. Er wies ihr den Weg zu dem Kol­le­gi­en­ge­bäu­de. Bom­ben­schä­den auch hier noch, pro­vi­so­risch ein­ge­setz­te Tü­ren, St­ein­trep­pen, teils oh­ne Ge­län­der, kah­le Gän­ge. Kurz vor Eck­steins Bü­ro traf sie im Flur auf ei­ne Grup­pe Stu­den­ten, die auf dem Bo­den Pla­ka­te mal­ten. „Har­lan, pfui!“, las sie, als sie an Eck­steins Tür klopf­te. Ein an­de­rer schrieb: „Na­zi bleibt Na­zi.“

„Ro­sa Sil­ber­mann.“Eck­stein hielt ihr die Tür auf.

Ro­sa, noch ab­ge­lenkt durch die Stu­den­ten, zö­ger­te ein­zu­tre­ten.

„Heu­te läuft in Frei­burg der neue Film von Veit Har­lan an“, er­klär­te Eck­stein. „Sie wis­sen, dem Re­gis­seur von Jud Süß. Es ist ei­ne De­mons­tra­ti­on ge­gen den Film und den Re­gis­seur ge­plant. Freie Mei­nungs­äu­ße­rung von jun­gen De­mo­kra­ten, Kampf dem An­ti­se­mi­tis­mus, das gibt es tat­säch­lich jetzt in Deutsch­land. – Tre­ten Sie ein.“

Ein Ka­buff mit ei­nem Fens­ter, das düs­te­re Hin­ter­hof­mau­ern zeig­te. Zwei Stüh­le, ein Schreib­tisch, ein Schrank. Der ein­zi­ge Licht­blick ein far­ben­fro­hes Bild von Cha­gall, das hin­ter Eck­steins Schreib­tisch leuch­te­te. Eck­stein bat sie, Platz zu neh­men. Dann drucks­te er ein we­nig her­um, be­vor er sag­te: „Ari ist ver­schwun­den.“

Es war nicht so, dass Ro­sa die Nach­richt wirk­lich über­rasch­te. Sie pass­te zu die­sem Auf­trag, bei dem bis­her nichts nach Plan lief. Den­noch war es ein Schock. Ro­sa wuss­te nicht, was sie sa­gen soll­te. Stumm starr­te sie auf das Cha­gall-Bild.

Sein letz­tes Le­bens­zei­chen vor fünf Ta­gen, es war ver­ein­bart ge­we­sen, dass er sich mel­de­te, be­vor er in den Schwarz­wald auf­brach, nur hat­te er es nicht ge­tan, zähl­te Eck­stein die ma­ge­ren Fak­ten auf. „Nu was, dass er tot ist, kann ich nicht glau­ben, Ari ist ei­ner, der im­mer Mas­sel hat!“

Von ir­gend­wo­her zau­ber­te Eck­stein ei­nen Op­ti­mis­mus in sei­ne Stim­me und schob da­bei sei­ne Ni­ckel­bril­le auf den Kopf. Mit sei­nem von den Jah­ren zer­klüf­te­ten Ge­sicht er­in­ner­te er Ro­sa an den Me­diä­vis­tik­pro­fes­sor aus Hei­del­berg: trau­rig-klu­ge Au­gen, grau­er An­zug, wei­ßes Haar, nach hin­ten ge­kämmt, aber nicht rich­tig zu bän­di­gen. „Nu was, muss­te wahr­schein­lich un­ter­tau­chen, wird in ein paar Ta­gen wie der Phö­nix aus der Asche vor uns ste­hen.“

Dann er­fuhr Ro­sa, dass Ari der Ir­gun­Zel­le auf die Sch­li­che ge­kom­men war, die die Brief­bom­be nach Mün­chen ge­schickt hat­te. Sie be­stand aus sechs Män­nern, die sich GCPS, grou­pe cont­re le prix du sang, nann­ten. Nach­dem die Che­rut-Par­tei in der Knes­set nicht hat­te ver­hin­dern kön­nen, dass Is­ra­el Geld von den Deut­schen als Wie­der­gut­ma­chung neh­men woll­te, hat­te sich die Grup­pe zum Ziel ge­setzt, das ent­spre­chen­de Ge­setz in Deutsch­land mit Ge­walt zu ver­hin­dern.

„Die Welt soll wis­sen, dass das jü­di­sche Volk nie­mals die Rück­kehr des Volks der Deut­schen in die Ge­mein­schaft der Völ­ker zu­las­sen wird“, zi­tier­te Eck­stein aus ei­nem Be­ken­ner­schrei­ben der Grup­pe. „Könn­te von Be­gin sein, die GCPS so was wie sein mi­li­tan­ter Arm fürs wei­te­re Ge­fecht. Ha­ben bis­her kein Glück ge­habt mit ih­ren Ak­tio­nen, wie wir wis­sen“, fuhr er fort. „Aber Sie ken­nen ja glü­hen­de Zio­nis­ten, die ge­ben nie auf. Ari hat er­fah­ren, dass sie den deut­schen Kanz­ler im Schwarz­wald durch ei­nen Scharf­schüt­zen li­qui­die­ren las­sen wol­len. Un­se­re Leu­te ha­ben fünf Mit­glie­der der Grup­pe ge­fasst, die blei­ben erst mal hin­ter Schloss und Rie­gel, bis das ver­ma­le­dei­te Ge­setz durch den Deut­schen Bun­des­tag ist.“

Eck­stein re­de­te, als hät­ten Wor­te ei­ne the­ra­peu­ti­sche Wir­kung, als könn­te er so den Schock lin­dern. Aber in Ro­sas Kopf hall­te der Satz „Ari ist ver­schwun­den“un­ent­wegt wi­der. Sie hat­te sich bis­her wa­cker ge­schla­gen, das wuss­te sie.

Ih­re Kraft hat­te sie auch aus dem Wis­sen ge­schöpft, dass sie bald nicht mehr al­lein sein wür­de. Sie hat­te durch­ge­hal­ten. Aber nun soll­te sie oh­ne ei­nen ver­läss­li­chen Kampf­ge­fähr­ten ei­nem omi­nö­sen sechs­ten Mann ge­gen­über­tre­ten.

„Was wisst ihr über den sechs­ten Mann?“, frag­te sie.

„Nu was, nichts. Nur dass er uns Sor­gen macht. War nicht da, als un­se­re Leu­te in Pa­ris zu­schlu­gen. Ari kennt ihn wahr­schein­lich, aber Ari ist nicht greif­bar …“

„Und was sa­gen die fünf, die auf­ge­spürt wur­den, über ihn?“

„Schwei­gen sich aus. Sie wer­den schon noch re­den, aber die Zeit läuft uns da­von. Mor­gen reist der Kanz­ler an …“

„Ihr denkt, der Mann plant ei­nen Al­lein­gang?“, un­ter­brach ihn Ro­sa. „Mög­lich.“„Er ist der Scharf­schüt­ze?“„Mög­lich.“Ei­ne Wei­le stand das Wort al­lein im Raum, um­so deut­li­cher war das Schar­ren und Ge­mur­mel der Stu­den­ten auf dem Flur zu hö­ren. Fort­set­zung folgt

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.