Ein Sieg des Hin­ter­sinns

Be­schei­de­ne Mit­tel – auf­rech­te Come­dy: Sa­scha Gram­mels Auf­tritt in Karlsruhe

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Sa­scha Gram­mel ist ein Uni­kum. Nicht ein­fach, weil er mit der Pup­pet Come­dy ei­ne Spar­te bauch­red­ne­risch-ko­mö­di­an­ti­scher Un­ter­hal­tung ge­schaf­fen hat, die um Spon­ta­nei­tät und Witz des klas­si­schen Fi­gu­ren­thea­ters ver­zehn­fach­te – son­dern, weil er da­mit ge­nau zur rech­ten Zeit kam. Ei­ner Zeit, in der die Er­wach­se­nen an­ge­sichts der Kom­ple­xi­tät der Welt ger­ne wie­der Kin­der wä­ren. Kin­der, die mit Hand­pup­pen spie­len. Und da sind sie bei Gram­mel und der Büh­nen­welt, die ver­däch­tig an das Schla­raf­fen­land er­in­nert, ge­nau rich­tig.

Der Leit­satz des Abends – „Ich find’s lus­tig!“– durch­zieht die zwei St­un­den sei­nes Pro­gramms auch in der prall­vol­len Schwarz­wald­hal­le Karlsruhe wie ein ro­ter Fa­den. Das schril­le, alt­be­kann­te Tür­ge­räusch des Sü­ßig­kei­ten­la­dens gibt es ein­fach so oft auf die Oh­ren, bis Gram­mel das Sak­ko öff­net, und uns zeigt: Er fin­det’s lus­tig. Selbst­ver­ständ­lich wird er auch mit Fre­de­ric plau­dern, dem „Kä­se der Wahr­heit“in die Au­gen bli­cken, mit dem frisch ge­ba­cke­nen Zahn­arzt Dr. Schrö­der über Lat­schen­kie­fer de­bat­tie­ren und Ba­by Jo­sie (das ihn wun­der­bar iro­nisch „Sa­sa Ham­mel“nennt) ein lie­ben­des Schlaf­lied sin­gen. Aber am En­de geht es nicht wirk­lich um die Mie­ze, die ei­gent­lich ein Fisch ist, den Pro­fes­sor mit Bur­ger-Kopf und Pas­ta-Haa­ren oder all die Po­in­ten, die Gram­mel in ge­wohn­ter Per­fek­ti­on vom Sta­pel lässt. Es geht um das Kern­ziel des Abends: Mit ei­nem be­mal­ten So­cken, dem skur­ri­len Na­men „Au­ßer-Rü­di­ger“und gi­gan­ti­schen Au­gen zu zei­gen, wie be­schei­de­ne Mit­tel aus­rei­chen, um die gro­ße Büh­ne mit auf­rech­ter Come­dy zu er­obern. Sich je­den Abend er­neut ein „Wort des Abends“zu er­wäh­len und es trotz ab­so­lu­ter Ah­nungs­lo­sig­keit über das Wort nach ziel­si­che­rem Pu­bli­kums­wunsch im­mer wie­der zu wa­gen, ir­gend­wo ei­nen „Dam­be­dei“un­ter­zu­brin­gen. Und all das zu ze­le­brie­ren. Der blo­ßen Freu­de ei­ne Ba­sis der Be­geis­te­rung zu schen­ken, die den Luft­bal­lon, der zum Fi­na­le ge­gen Hal­len­dach steigt, auch für das Pu­bli­kum zur „Him­mels­lei­ter“wer­den lässt. Ei­ne Be­geis­te­rung al­so, de­ren Geist und Be­deu­tung weit fern­ab kit­schi­ger Kind­heits­ta­ge liegt.

Es wä­re ein Leich­tes, die prä­zi­se ge­tim­ten Po­in­ten vol­ler Schwung und En­thu­si­as­mus als sim­ple Fa­mi­li­en­show für al­le zu le­sen, die Jung und Alt vor­der­grün­dig schlicht er­freu­en soll. Die­se Deu­tung lässt Gram­mel auch zu. Doch der klu­ge Kopf, der sei­nen Hu­mor be­reits in sei­nem ge­nau ge­dach­ten Band „Wer mehr isst, als er trin­ken kann, kann öf­ter auf die Toi­let­te, als er muss!“stil­si­cher kon­den­sier­te, ver­steht es auch dies­mal, den vor­der­grün­dig ein­fa­chen Un­ter­hal­tungs­hu­mor auf die tie­fe­re Ebe­ne des Hin­ter­sinns zu füh­ren, und die heißt: Los­las­sen. Das Wag­nis des Kin­des in sich wie­der ein­zu­ge­hen, weil es so herr­lich al­bern, lust­voll und gleich­zei­tig der­art krea­tiv und fein­sin­nig sein kann. Ein Wag­nis, doch ei­nes, das Gram­mel ful­mi­nant ge­lingt – das Ge­räusch des Süß­wa­ren­la­dens um die Ecke aus un­se­rer Kind­heit mag Pa­te ste­hen. To­sen­der Bei­fall. Mar­kus Mer­tens

Das Wag­nis des Kin­des wie­der ein­ge­hen

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