„Gu­te So­zi­al­pro­gno­se“

Zwei Jah­re auf Be­wäh­rung für pä­do­phi­len Leh­rer

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM -

Der Mann auf der An­kla­ge­bank wirkt lang­wei­lig, spie­ßig, harm­los. Kein Be­su­cher, der ges­tern zu­fäl­lig in den Sit­zungs­saal der Ju­gend­schutz­kam­mer in Pforz­heim ge­stol­pert wä­re, hät­te ver­mu­tet, dass der ehe­ma­li­ge Leh­rer sich übers In­ter­net an Kin­der her­an­ge­macht hat und von Rich­ter Andre­as Heid­rich gera­de we­gen se­xu­el­lem Miss­brauchs, se­xu­el­ler Nö­ti­gung und dem Be­sitz kin­der­por­no­gra­phi­scher Schrif­ten zu ei­ner Ge­samt­stra­fe von zwei Jah­ren, aus­ge­setzt zur Be­wäh­rung, ver­ur­teilt wor­den war.

Für den Ka­ta­log aus über 50 Ta­ten in un­ter­schied­lichs­ten Kom­bi­na­tio­nen hat­te Rich­ter Heid­rich so­gar ei­ne Ex­cel-Ta­bel­le an­ge­legt. Bei der Ge­samt­stra­fe von zwei Jah­ren, aus­ge­setzt zur Be­wäh­rung auf vier Jah­re, kam es ihm je­doch viel mehr auf den gu­ten Wil­len an, den der An­ge­klag­te ge­zeigt hat­te, nach­dem er er­wischt wor­den war. „Es spricht ei­ni­ges zu­guns­ten des An­ge­klag­ten“, be­ton­te Heid­rich. Er zähl­te auf: Das Ge­ständ­nis, „mit dem der An­ge­klag­te al­len Kin­dern ei­ne hoch­not­pein­li­che Be­fra­gung er­spart hat“. Die The­ra­pie, die er so­fort an­ge­fan­gen hat. Den Be­ruf als Leh­rer, den er auf­ge­ge­ben hat. Die gu­te So­zi­al­pro­gno­se, die das Gut­ach­ten des Sach­ver­stän­di­gen dem 38-jäh­ri­gen be­schei­nigt. Das ta­del­lo­se Vor­stra­fen­re­gis­ter, das auf ei­ne ge­rin­ge­re Wie­der­ho­lungs­ge­fahr hof­fen las­se. Ge­gen gra­vie­ren­de Fol­gen bei den ju­gend­li­chen Op­fern spre­che die be­son­de­re Art, wie der An­ge­klag­te sei­ne pä­do­phi­len, ho­mo­ero­ti­schen Nei­gun­gen von 2007 bis 2013 aus­ge­lebt hat­te. Bei der Kon­takt­auf­nah­me mit den Jun­gen hat­te der Mann die Mög­lich­kei­ten der vir­tu­el­len Welt aus­ge­nutzt und war ge­gen­über sei­nen In­ter­net-Part­nern in die Rol­le des gleich­alt­ri­gen Mäd­chens ge­schlüpft. „Mit sei­nen Ta­ten woll­te der An­ge­klag­te Kin­der und Ju­gend­li­che nicht mit Vor­satz psy­chisch ver­letz­ten. Er hat­te die se­xu­el­le Neu­gier der Ju­gend­li­chen aus­ge­nutzt. Bis die Po­li­zei kam, war den meist Ju­gend­li­chen gar nicht klar, dass sie es nicht mit ei­ner Gleich­alt­ri­gen zu tun ha­ben.“

Zwei Jah­re und zehn Mo­na­te Haft hat­te Staats­an­wäl­tin Regina Schmid ge­for­dert. Rich­ter Heid­rich folg­te Ver­tei­di­ger Cor­ne­li­us Schaf­frath und setz­te auf Be­wäh­rung. Ei­ne hö­he­re Stra­fe hät­te kon­tra­pro­duk­tiv wir­ken kön­nen. Der An­ge­klag­te hät­te Job und Woh­nung ver­lo­ren, von Hartz IV le­ben und sei­ne The­ra­pie ab­bre­chen müs­sen, sag­te Heid­rich. Auf­la­gen gab es al­ler­dings: Der An­ge­klag­te darf kei­ne Tä­tig­keit, bei de­nen er mit Kin­dern und Ju­gend­li­chen in Kon­takt kommt, auf­neh­men. Er muss Treff­punk­te von Kin­dern und Ju­gend­li­chen mei­den, darf nicht ak­tiv Kon­takt zu ih­nen auf­neh­men – egal ob di­rekt oder über so­zia­le Me­di­en. Er muss sei­ne The­ra­pie fort­füh­ren und 6 000 Eu­ro Stra­fe zah­len. Isa­bel Han­sen

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