Ei­ne Rich­tungs­wahl

Pforzheimer Kurier - - POLITIK -

RU­DOLF GRU­BER

Nach ei­nem Ma­ra­thon-Wahl­kampf kön­nen 6,4 Mil­lio­nen stimm­be­rech­tig­te Ös­ter­rei­cher end­lich den neu­en Bun­des­prä­si­den­ten wäh­len. Der Aus­gang ist völ­lig of­fen und hat auch eu­ro­pa­po­li­ti­sche Be­deu­tung. Ei­nen der­ar­ti­gen Wahl­kampf, von per­sön­li­chen An­grif­fen, ab­stru­sen Ver­schwö­rungs­theo­ri­en und tech­ni­schen Pan­nen bis ins Lä­cher­li­che ver­zerrt, hat es in Ös­ter­reich noch nie ge­ge­ben. Die Pro­ble­me be­gan­nen im Früh­jahr mit dem Raus­wurf der Kan­di­da­ten der zu­neh­mend un­po­pu­lä­ren rot­schwar­zen Re­gie­rung. So­zi­al­de­mo­kra­ten (SPÖ) und Kon­ser­va­ti­ve (ÖVP) ver­lo­ren erst­mals seit 1945 die Erb­pacht auf die Wie­ner Hof­burg, den Amts­sitz des Prä­si­den­ten.

Seit­her steht Ös­ter­reich vor ei­ner Rich­tungs­wahl zwi­schen zwei kon­trä­ren Kan­di­da­ten: dem Ex-Grü­nen­chef Alex­an­der van der Bel­len, ei­nem Ver­fech­ter der re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie und der eu­ro­päi­schen Idee, so­wie Nor­bert Ho­fer, dem Kan­di­dat der rech­ten Frei­heit­li­chen Par­tei (FPÖ) und An­hän­ger ei­nes eher au­to­ri­tä­ren Amts­ver­ständ­nis­ses. Am 22.

Mai war der Wirt­schafts­pro­fes­sor Van der Bel­len mit nur rund 30 000 Stim­men Vor­sprung be­reits zum Prä­si­den­ten ge­wählt wor­den, doch nach der Wahl­an­fech­tung der FPÖ kas­sier­te das Ver­fas­sungs­ge­richt in Wi­en das Re­sul­tat und ord­ne­te ei­ne Wie­der­ho­lung der ge­sam­ten Wahl an. Die­ser Wahl­kampf hat Ös­ter­reich tie­fer ge­spal­ten denn je. Als Brand­be­schleu­ni­ger wirk­ten da­bei die Hass­pos­tings im In­ter­net, die je­nen der ver­fein­de­ten La­ger im US-Wahl­kampf nicht nach­stan­den. Die un­ver­hält­nis­mä­ßi­ge Här­te des Wahl­kampfs hat das vor­wie­gend re­prä­sen­ta­ti­ve Prä­si­den­ten­amt nach­hal­tig be­schä­digt. Ur­sa­che da­für ist auch die völ­li­ge Un­ge­wiss­heit über den Aus­gang der Wahl. Für die Rech­ten, die das En­de der EU her­bei­wün­schen, spielt Ös­ter­reich – ne­ben Ita­li­en, das am glei­chen Tag über ei­ne Ver­fas­sungs­re­form ab­stimmt – ei­ne Vor­rei­ter­rol­le. Die­se Prä­si­den­ten­wahl, die im Früh­jahr be­reits ei­nen Kanz­ler­wech­sel er­zwang, hat auch das Ko­ali­ti­ons­kli­ma in Wi­en so schwer be­las­tet, dass auch je­der­zeit mit Neu­wah­len ge­rech­net wird.

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