„Po­li­tik ge­stal­tet nicht in die­sem Land“

Der Phi­lo­soph Richard Da­vid Precht über Mer­kel, Ga­b­ri­el, Pau­schal­rei­sen, bil­li­ges Fleisch und sei­ne Stu­di­en­zeit

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN -

Karls­ru­he. Mit dem Buch „Wer bin ich und wenn ja wie vie­le“wur­de Richard Da­vid Precht auch dem brei­ten Le­se­pu­bli­kum be­kannt. Der Pu­bli­zist ist ei­ner der be­kann­tes­ten deut­schen Phi­lo­so­phen, er hat ei­ne Fern­seh­sen­dung, für die er 2013 den Deut­schen Fern­seh­preis er­hielt, und ist auch im­mer wie­der zu Gast bei TV-Talk­run­den. In Karls­ru­he nahm der 51-Jäh­ri­ge an ei­ner Po­di­ums­dis­kus­si­on zum The­ma „Er­näh­rung der Zu­kunft“teil, die das Stu­die­ren­den­werk Karls­ru­he or­ga­ni­siert hat­te. Dort traf ihn un­ser Mit­ar­bei­ter Ben­ja­min We­de­wart.

Herr Precht, Sie sind der Son­ny­boy der deut­schen Phi­lo­so­phen­gil­de. Was be­wegt Sie in Ih­rem Han­deln, ist es der Ruhm oder das lie­be Geld?

Precht: Mei­ne Trieb­fe­der war es si­cher­lich noch nie, viel Geld zu ver­die­nen. Sonst hät­te ich nicht Phi­lo­so­phie stu­diert, son­dern wahr­schein­lich Wirt­schaft oder Ju­ra. Die Din­ge, die ich heu­te ma­che, ha­be ich be­reits ge­tan, be­vor ich da­mit ver­nünf­tig Geld ver­dient ha­be. Nur muss­te ich mir frü­her Sor­gen ma­chen, dass die Kar­te nicht mehr aus dem Geld­au­to­ma­ten kommt. Das hat sich heu­te zum Glück er­le­digt.

Wie vie­le freie Ta­ge gön­nen Sie sich?

Precht: Die Fra­ge ha­be ich mir noch nie ge­stellt. Ich weiß es nicht. In mei­nem Fal­le ist Be­ruf und Frei­zeit in dem Sin­ne nicht ge­trennt. Ich gön­ne mir schon Ur­lau­be mit mei­ner Le­bens­ge­fähr­tin, aber auch dann ar­bei­te ich. Es gibt sehr flie­ßen­de Über­gän­ge. Das al­les hat sich so er­ge­ben, nach­dem ich da­mals an der Uni nicht wei­ter­ma­chen konn­te.

Klä­ren Sie uns auf?

Precht: Mein da­ma­li­ger Pro­fes­sor such­te sich im­mer je­weils ei­ne Frau und ei­nen Mann als As­sis­ten­ten aus. Und ich hat­te, wie auch vie­le an­de­re, auf die­se Stel­le spe­ku­liert. Ich ha­be acht Se­mes­ter stu­diert, mei­ne Ex­amen mit 1,0 ge­macht, und mit Opus exi­mi­um pro­mo­viert. Ich war mir si­cher, ge­nom­men zu wer­den. Wur­de ich aber nicht.

Wie ging es dann wei­ter?

Precht: Ich be­warb mich ei­ne zeit­lang auf Stel­len, und ob­wohl mei­ne Leis­tun­gen for­mal nicht zu über­bie­ten wa­ren, be­kam ich kei­ne Vor­stel­lungs­ge­sprä­che. Da wur­de mir klar, wie ver­filzt der Markt war und dass man oh­ne Kon­tak­te nicht weit kommt. Dann leb­te ich ei­ne Zeit von Ar­beits­lo­sen­geld und ha­be ein paar Es­says für Zei­tun­gen ge­schrie­ben. Auch für den Hör­funk hat­te ich klei­ne Tä­tig­kei­ten. Ich konn­te so eben da­von le­ben.

Wie emp­fan­den Sie Ih­re Stu­di­en­zeit?

Precht: Als ich im ers­ten Se­mes­ter ei­ne phi­lo­so­phi­sche Vor­le­sung zu Des­car­tes ge­hört ha­be, ver­stand ich kein Wort. Gar nichts. Ich bin dann auch nie wie­der zu die­sem Pro­fes­sor ge­gan­gen. Erst nach mei­ner Pro­mo­ti­on bin ich wie­der in sein Ober­se­mi­nar ge­gan­gen. Und ich ha­be noch im­mer kein Wort ver­stan­den. Die­ser Mann re­de­te in ir­gend­ei­ner Pri­vat­spra­che. Am An­fang mei­ner Stu­di­en­zeit war das ent­setz­lich. Ich dach­te, ich hät­te ein Fach ge­wählt, dem ich nicht ge­wach­sen war. Aber ich hat­te mit Phi­lo­so­phie et­was ge­fun­den, das mich wahn­sin­nig in­ter­es­siert und fas­zi­niert hat. Auch wenn vie­le mei­ner Pro­fes­so­ren nicht gut wa­ren. Ich bin dann ein­fach nicht mehr hin­ge­gan­gen und ha­be mein Stu­di­um auf der Couch ver­bracht und dort ge­le­sen.

Sie spra­chen vor­hin von Ur­laub. Was hal­ten Sie von Pau­schal­rei­sen?

Precht: Ich könn­te sa­gen, die sind zu güns­tig. Al­so das Flie­gen ist zu güns­tig. Das ist mei­ner Mei­nung nach ein gro­ßes Pro­blem. Dann sa­gen die Leu­te aber, das lässt sich leicht sa­gen, wenn man so viel Geld hat. Aber dann er­in­ne­re ich dar­an, dass ich den län­ge­ren Teil mei­nes Le­bens ganz we­nig Geld hat­te und trotz­dem den glei­chen Satz ge­sagt ha­be. Es gibt Din­ge in die­sem Land, die sind viel zu güns­tig und das sorgt da­für, dass wir sie nicht zu schät­zen wis­sen, was dann wie­der­um öko­lo­gi­sche Schä­den an­rich­tet. Da ge­hört das Flie­gen da­zu. Und da­zu ge­hört aber auch Fleisch. Und bei­des wür­de ich, wenn ich po­li­ti­sche Macht hät­te, ra­sant ver­teu­ern.

Al­so kein An­spruch auf bil­li­ge Flü­ge und bil­li­ges Fleisch?

Precht: Es gibt so­wie­so kei­nen An­spruch, in ei­ner Kul­tur zu le­ben von „al­les und zugleich“und das ist das, was die Po­li­tik, ein­schließ­lich der Grü­nen, ver­sucht, den Men­schen wei­ter­hin als Le­bens­stil zu ver­kau­fen.

Was hal­ten Sie den Grü­nen denn vor?

Precht: Ich krei­de Ih­nen den Ver­rat an ih­ren Idea­len an. Ich ha­be bei mei­ner ers­ten Bun­des­tags­wahl im Früh­jahr 1983 die Grü­nen ge­wählt, un­ter an­de­ren we­gen der For­de­rung nach der Ab­schaf­fung des in­ner­deut­schen Luft- ver­kehrs. Da will heu­te kein Grü­ner mehr was da­von hö­ren. An­fang der 80er Jah­re wa­ren die Grü­nen noch ein Sam­mel­be­cken kri­ti­scher In­tel­li­genz. Das sind sie heu­te nicht mehr.

Könn­ten Sie sich vor­stel­len als po­li­ti­scher Be­ra­ter zu ar­bei­ten?

Precht: Ich ha­be durch­aus Kon­takt zu Spit­zen­po­li­ti­kern, neh­me da­für aber kein Geld, das möch­te ich be­to­nen. Da kommt es schon mal vor, dass man sich auf ein, zwei oder drei Glä­ser Rot­wein trifft, aber das ist ei­ne sehr un­be­frie­di­gen­de Tätigkeit.

Wes­halb?

Precht: Es sind im­mer Po­li­ti­ker der Op­po­si­ti­ons­par­ti­en, die sich mit mir tref­fen wol­len, weil die ein­fach mehr Zeit ha­ben. Die wol­len dann meis­tens von mir ei­nen Satz oder ei­ne Aus­sa­ge hö­ren, die sie für das Par­tei­pro­gramm oder ei­ne Re­de ge­brau­chen kön­nen, aber nicht, um wirk­lich et­was zu än­dern. Ich ent­de­cke bei die­sen Ge­sprä­chen – es mag sehr we­ni­ge Aus­nah­men ge­ben – kein stra­te­gi­sches In­ter­es­se. Und auch kein In­ter­es­se am Den­ken. Es geht nur dar­um, ei­ne schö­ne For­mu­lie­rung zu fin­den. Das führt zu gar nichts. Ich kann mich da an ei­ni­ge wirk­lich frus­trie­ren­de Be­geg­nun­gen er­in­nern.

Al­so wer­den wir Sie nicht ei­nes Ta­ges in der Po­li­tik wie­der­fin­den?

Precht: Auf der po­li­ti­schen Ebe­ne ent­schei­den sich die Din­ge, die mich be­schäf­ti­gen, gar nicht. Die ge­sam­te ge­sell­schaft­li­che Dy­na­mik – oder sa­gen wir 90 Pro­zent – ge­hen von der Öko­no­mie aus und die rest­li­chen zehn Pro­zent kom­men von Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen. Des­we­gen ist mir per­sön­lich auch egal, wer re­giert. Al­so ich möch­te jetzt nicht die AfD mit über­wäl­ti­gen­der Mehr­heit ha­ben, aber bei den eta­blier­ten Par­tei­en ist mir das völ­lig egal.

Wer ist die an­ge­neh­me­re Per­son, An­ge­la Mer­kel oder Sig­mar Ga­b­ri­el?

Precht: Ich kann aus mei­ner per­sön­li­chen Er­fah­rung her­aus sa­gen, dass An­ge­la Mer­kel ein sehr viel an­ge­neh­me­rer Mensch ist als Sig­mar Ga­b­ri­el. Und sie ist auch prin­zi­pi­en­fes­ter und we­ni­ger ge­fähr­lich. Ga­b­ri­el fragt vor ei­ner Bun­des­tags­wahl ei­ne Wer­be­agen­tur, wel­che The­men die SPD neh­men soll und hält dann ein paar Wo­chen Grund­satz­dis­kus­sio­nen dar­über, dass man wie­der lin­ker wer­den muss und das ist dann nach drei Wo­chen vor­bei, weil wie­der ein an­de­res Er­eig­nis kommt. Dann muss man wie­der die Par­tei der in­ne­ren Si­cher­heit sein oder ir­gend­et­was. Da ist tat­säch­lich nichts. Das ist kei­ne Über­trei­bung, da ist tat­säch­lich kei­ne Sub­stanz! Po­li­tik ge­stal­tet nicht in die­sem Land, Po­li­tik ver­wal­tet. Und Po­li­tik re­agiert auf Me­di­en. Po­li­tik setzt doch kei­ne The­men mehr.

FRUS­TRIE­REN­DE GE­SPRÄ­CHE: Richard Da­vid Precht ver­misst bei Be­geg­nun­gen mit Po­li­ti­kern meis­tens stra­te­gi­sches In­ter­es­se und die Lust am Den­ken. Fo­to: Berg

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