Fa­mi­lie statt For­mel 1

Ros­bergs über­ra­schen­des Kar­rie­re­en­de

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN - Von Mar­tin Mora­vec und Chris­ti­an Holl­mann

Wi­en. Die­se Ent­schei­dung er­for­dert enor­me Cou­ra­ge. Ge­ra­de ein­mal fünf Ta­ge nach sei­nem Gip­fel­sturm in der For­mel 1 ver­kün­det der neue Welt­meis­ter Ni­co Ros­berg sei­nen Rück­tritt aus der Kö­nigs­klas­se des Mo­tor­sports. Nur we­ni­ge St­un­den vor der of­fi­zi­el­len Über­ga­be des Po­kals in Wi­en gibt der ge­bür­ti­ge Wies­ba­de­ner sei­nen Rück­zug be­kannt. Wohl­über­legt, aus­ge­ruht, mit Klas­se. „Ich spü­re ei­ne gro­ße Er­leich­te­rung. In den nächs­ten Wo­chen wer­de ich be­stimmt noch mehr ver­ste­hen, was und wie die­ses Jahr al­les pas­siert ist. Da­nach wer­de ich das nächs­te Ka­pi­tel in mei­nem Le­ben auf­schla­gen“, schrieb Ros­berg bei Face­book. „Ich bin ge­spannt, was es be­reit hält für mich …“

Das Ka­pi­tel For­mel 1 hat­te es in sich. Was Ros­berg 2016 un­ter Be­weis stell­te, war enorm. Mit sei­nem Ver­mö­gen zur Selbst­op­ti­mie­rung er­klomm er den Olymp für For­mel-1-Fah­rer – 34 Jah­re nach sei­nem Va­ter Ke­ke. Mit Prä­zi­si­on und De­tail­ver­ses­sen­heit ar­bei­te­te er an sei­nen De­fi­zi­ten. Ros­berg über­wand sei­ne vor­über­ge­hen­de Schwä­che bei Starts, tüf­tel­te an At­mung und Schlafrhyth­mus. Zu­dem wähl­te der 31-Jäh­ri­ge die für ihn per­fek­te men­ta­le Marsch­rou­te, um den For­mel-1-Gip­fel zu er­klim­men: nur von Ren­nen zu Ren­nen zu den­ken und da­bei das Ma­xi­mum her­aus­ho­len.

„Ni­co hat ei­nen ana­ly­ti­schen Geist“, be­schei­nig­te ihm Mer­ce­des-Mo­tor­sport­chef To­to Wolff ein­mal. Man kön­ne ihn da­her ru­hig „Pro­fes­sor Ros­berg“nen­nen. Ei­nen ge­wis­sen An­teil an sei­ner Ent­wick­lung hat auch Re­kord­cham­pi­on Micha­el Schu­ma­cher. Als Ros­berg 2010 zu den Sil­ber­pfei­len wech­sel­te, war nie­mand Ge­rin­ge­res als der sie­ben­ma­li­ge Welt­meis­ter sein Team­kol­le­ge. Und von die­sem konn­te Ros­berg ei­ni­ges in Sa­chen Lei­den­schaft, Dis­zi­plin und Kampf­geist ler­nen. Im vier­ten ge­mein­sa­men Mer­ce­des-Jahr schlug er end­lich auch Ha­mil­ton. Ros­berg hat da­mit das Image als ewi­ger Zwei­ter ab­ge­wen­det. Au­ßer­dem konn­te er aus dem Schat­ten sei­nes Va­ters Ke­ke tre­ten.

Ros­bergs Her­kunft un­ter­schei­det ihn grund­le­gend von den Stra­ßen­kämp­f­er­fah­rern wie Schu­ma­cher, Ha­mil­ton oder auch Vet­tel, die schon zu Be­ginn ih­rer

„Ich spü­re ei­ne gro­ße Er­leich­te­rung“

Kart- und Mo­tor­sport­lauf­bahn im­mer wie­der von der ban­gen Exis­tenz­fra­ge ge­prägt wa­ren. Welt­meis­ter­sohn Ros­berg wuchs hin­ge­gen fern von fi­nan­zi­el­len Sor­gen im mon­dä­nen Mo­na­co auf. Doch der Fa­mi­li­en­va­ter ruh­te sich nie aus. Enor­mer Ehr­geiz auf dem As­phalt und ab­seits der Stre­cke zeich­nen ihn aus. Ros­berg be­herrscht fünf Spra­chen flie­ßend. Hät­te es mit der Mo­tor­sport­kar­rie­re nicht ge­klappt, soll ihm am re­nom­mier­ten Im­pe­ri­al Col­le­ge in Lon­don ein Stu­di­um der Luft- und Raum­fahrt- tech­nik of­fen­ge­stan­den ha­ben. Nach sei­nem Tri­umph in Abu Dha­bi stürz­te sich Ros­berg in ei­nen Par­ty­ma­ra­thon. Mit Va­ter Ke­ke, Mut­ter Si­na und Frau Vi­vi­an ju­bel­te er über sein Meis­ter­stück. „Ich und mei­ne Frau freu­en uns glei­cher­ma­ßen, dass es Ni­co gut geht. Ganz ein­fach“, sag­te der Va­ter.

Bei der ers­ten Umar­mung der bei­den nach dem Tri­umph konn­te man se­hen, wie viel Last von dem Ju­ni­or ab­fiel. Nun freu­en sich Vi­vi­an und die klei­ne Toch­ter Alaia auf viel Zeit ih­ren Sie­ger­ty­pen.

MEHR ZEIT ZU ZWEIT: Der frisch ge­ba­cke­ne For­mel-1-Welt­meis­ter Ni­co Ros­berg mit sei­ner Frau Vi­vi­an. Fo­to: dpa

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