Rö­mi­scher Draht­seil­akt

Die EU blickt mit Sor­ge auf das Re­fe­ren­dum in Ita­li­en und fürch­tet ei­nen neu­en Kri­sen­herd

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Mar­kus Gra­bitz

Brüs­sel. In Brüs­sel ist es wie je­des Mal in die­sen Mo­na­ten, wenn ir­gend­wo ei­ne Volks­ab­stim­mung mit mög­li­cher­wei­se un­an­ge­neh­men Fol­gen für die EU an­steht. Die Ab­ge­ord­ne­ten und Kom­mis­si­ons­be­am­ten ge­ben sich be­tont un­be­tei­ligt. So war es vor dem Re­fe­ren­dum in den Nie­der­lan­den ge­gen die Ko­ope­ra­ti­on der EU mit der Ukrai­ne. So war es vor der Br­ex­it-Ab­stim­mung we­ni­ge Wo­chen spä­ter, so war es auch kurz vor den Prä­si­dent­schafts­wah­len in den USA. Und so ist es auch dies­mal, wenn das Re­fe­ren­dum in Ita­li­en über die Ver­fas­sungs­re­form vor der Tür steht. Ni­co­la

War­nung vor Gril­los Fünf-Ster­ne-Be­we­gung

Ca­pu­to, der Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­te und Par­tei­freund von Ita­li­ens Re­gie­rungs­chef Mat­teo Ren­zi, wie­gelt ab: „Ein Nein der Bür­ger wür­de zwar schlimm sein für Ita­li­en, weil un­ser Land wie­der blo­ckiert wä­re. Aber Aus­wir­kun­gen für Eu­ro­pa? Nein, die se­he ich nicht.“Auch Ban­ker ver­su­chen zu be­schwich­ti­gen. Ihr Te­nor: Die wirt­schaft­li­chen Fol­gen dürf­ten nicht über­be­tont wer­den. Die Bot­schaft ist klar: Das The­ma Ita­li­en soll tie­fer ge­hängt wer­den.

Doch so ein­fach ist es nicht. Hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand wird viel ge­re­det, es ru­mort in Brüs­sel. Ein maß­geb­li­cher deut­scher Au­ßen­po­li­ti­ker und Ab­ge­ord­ne­ter im Eu­ro­pa-Par­la­ment hat Ita­li­en kürz­lich be­sucht. Der Christ­de­mo­krat ist noch im­mer ge­schockt von der Wel­le der an­ti-eu­ro­päi­schen Ge­füh­le, die ihm da ent­ge­gen­ge­bracht wur­den. „Mir wur­de ge­sagt, dass mitt­ler­wei­le 40 Pro­zent der Ita­lie­ner die EU ab­leh­nen.“Er warnt da­vor, die Fünf-Ster­ne-Be­we­gung des Ko­mi­kers Bep­po Gril­lo zu un­ter­schät­zen: „Das sind kei­ne lus­ti­gen Clowns, das sind die reins­ten Hor­rorC­lowns, die wol­len Eu­ro­pa zer­stö­ren.“Düs­te­re Vor­ah­nun­gen, be­vor die Wahl­lo­ka­le schlie­ßen.

Klar, ei­gent­lich geht es bei dem Re­fe­ren­dum um ei­ne in­ne­r­ita­lie­ni­sche An­ge­le­gen­heit. Es wird nicht ein­mal über die Re­form­agen­da von Ren­zi ab­ge­stimmt und auch nicht über Eu­ro­pa. Doch in Brüs­sel wird be­fürch­tet, dass die Tren­nung wie­der ein­mal nicht funk­tio­niert. Und die Sor­ge ist groß, dass die Ver­ant­wort­li­chen in Rom die Ver­ant­wor­tung für ein Schei­tern am Mon­tag in Brüs­sel ab­la­den könn­ten. Auch des­we­gen äu­ßern sich jetzt so we­ni­ge in Brüs­sel zum The­ma Ita­li­en.

Soll­te Ren­zi mit sei­nem Vor­schlag beim Volk schei­tern, die Ver­fas­sung zu re­for­mie­ren, wird in Brüs­sel nach ei­nem wirt­schaft­li­chen und ei­nem po­li­ti­schen Sze­na­rio un­ter­schie­den. Klar ist: Die wirt­schaft­li­chen Fol­gen wer­den sich schnel­ler ein­stel­len. Schon wenn die Fi­nanz­märk­te am Mon­tag öff­nen, wird es span­nend. Wet­ten die Märk­te ge­gen Ita­li­en? Be­reits in den ver­gan­ge­nen Ta­gen sind die Ri­si­ko­auf­schlä­ge für ita­lie­ni­sche Staats­an­lei­hen in die Hö­he ge­gan­gen. Da­mit prei­sen In­ves­to­ren po­li­ti­sche Un­si­cher­heit ein. Hin­ter­grund ist: Ren­zi hat sein po­li­ti­sches Schick­sal an den Aus­gang des Re­fe­ren­dums ge­knüpft. Bei ei­nem „Nein“der Bür­ger könn­te er zu­rück­tre­ten. Der So­zi­al­de­mo­krat von Par­ti­to De­mo­cra­ti­co ver­folgt ei­ne Re­form­agen­da, er will die ita­lie­ni­sche Volks­wirt­schaft wie­der flott ma­chen und hat ver­spro­chen da­für zu sor­gen, dass Ar­beits­plät­ze ge­schaf­fen wer­den und das Wachs­tum an­springt. Soll­te er schei­tern, droht Ita­li­en der Rück­fall in Sta­gna­ti­on und Re­form­un­fä­hig­keit. Die­se Aus­sich­ten schre­cken die An­le­ger. Die ita­lie­ni­schen Ban­ken sit­zen näm­lich auf ei­nem rie­si­gen Berg von fau­len Kre­di­ten. Wenn sich die Wirt­schaft nicht bald be­rap­pelt, wer­den die­se Dar­le­hen zu ei­ner im­mer grö­ße­ren Be­dro­hung. Die po­li­ti­schen Fol­gen ei­nes „Nein“und ei­nes Rück­tritts von Ren­zi wä­ren aus Brüs­se­ler Sicht eben­falls ver­hee­rend. Es ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass die Po­pu­lis­ten von der Fünf-Ster­ne-Be­we­gung dann an die Macht kom­men. Auch ei­ne Tech­no­kra­ten-Re­gie­rung wird für mög­lich ge­hal­ten. Klar ist aber, dass da­mit in Ita­li­en wie­der hoch­gra­dig po­li­ti­sche In­sta­bi­li­tät Ein­zug hal­ten wür­de. Die EU hät­te da­mit ei­nen Kri­sen­herd mehr.

ES STEHT VIEL AUF DEM SPIEL: Ita­li­ens Re­gie­rungs­chef Mat­teo Ren­zi hat sein Schick­sal mit dem Aus­gang des Re­fe­ren­dums ver­knüpft. Soll­ten die Bür­ger mit „Nein“stim­men, müss­te er wohl zu­rück­tre­ten, und Ita­li­en droht er­neut ei­ne Pha­se der In­sta­bi­li­tät. Fo­to: dpa

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