Schreckt Ge­bühr die Aus­lands­stu­den­ten ab?

Rek­to­ren se­hen es ge­las­sen – oder „eher positiv“

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied El­vi­ra Wei­sen­bur­ger

Karls­ru­he. Aus­ge­rech­net die grün ge­führ­te Lan­des­re­gie­rung will neue Stu­di­en­ge­büh­ren ein­füh­ren – für aus­län­di­sche Stu­den­ten aus Staa­ten au­ßer­halb der Eu­ro­päi­schen Uni­on. 1 500 Eu­ro pro Se­mes­ter müs­sen Neu­an­fän­ger ab nächs­ten Win­ter be­zah­len (sie­he „Hin­ter­grund“). Viel­stim­mi­ge Kri­tik ern­ten Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann (Grü­ne) und sein grün-schwar­zes Ka­bi­nett für die­sen Ge­set­zes­ent­wurf.

„Nicht klu­ge, son­dern rei­che Köp­fe sol­len stu­die­ren dür­fen“, ur­teilt die Bil­dungs­ge­werk­schaft Er­zie­hung und Wis­sen­schaft (GEW). „Wer In­ter­na­tio­na­li­sie­rung for­dert, kann nicht gleich­zei­tig Ge­büh­ren von in­ter­na­tio­na­len Stu­die­ren­den ver­lan­gen“, be­tont die Lan­des­vor­sit­zen­de Do­ro Mo­ritz. Die Hoch­schu­len der Re­gi­on stim­men in die­sen Chor der Kri­ti­ker kei­nes­wegs laut ein – ob­wohl sie ger­ne ihr kos­mo­po­li­ti­sches Image pfle­gen. „Ich se­he es eher positiv“, er­klärt Die­ter Höp­fel, Pro­rek­tor der Hoch­schu­le Karls­ru­he – Tech­nik und Wirt­schaft zur Stu­di­en­ge­bühr. „Man soll­te an das The­ma et­was we­ni­ger ideo­lo­gisch her­an­ge­hen.“

1 500 Eu­ro als Schnäpp­chen

„Un­se­re Stu­den­ten zah­len we­sent­lich mehr, wenn sie ins Aus­land ge­hen“, be­tont Höp­fel. 1 500 Eu­ro pro Se­mes­ter wä­ren in an­de­ren Staa­ten ge­ra­de­zu ein „Schnäpp­chen“. Es sei ei­ne be­rech­tig­te Fra­ge, ob deut­sche Steu­er­zah­ler das Kos­ten­los-Stu­di­um an­de­rer Staats­bür­ger fi­nan­zie­ren müss­ten.

Bes­se­re Stu­den­ten er­hofft

Der stell­ver­tre­ten­de Hoch­schul­chef glaubt, dass ers­tens die Wert­schät­zung fürs Stu­di­um wächst, wenn die Be­zahl­schran­ke kommt – und dass zwei­tens leis­tungs­stär­ke­re Aus­lands­be­wer­ber sich in Karls­ru­he ein­schrei­ben: „Es kom­men dann die Stu­den­ten, die wirk­lich hier stu­die­ren wol­len – und nicht die­je­ni­gen, die nur kom­men, weil es bil­lig ist.“Er ha­be es schon öf­ter er­lebt, dass Frem­de völ­lig un­gläu­big nach­frag­ten, ob das Stu­di­um wirk­lich nichts kos­te. Als zwei­te Re­ak­ti­on ste­he dann die Fra­ge im Raum: „Ist es auch et­was wert, wenn es kos­ten­los ist?“

„Nicht Klu­ge, son­dern Rei­che dür­fen stu­die­ren“

Chi­ne­sen sind Num­mer eins

Am stärks­ten drän­gen chi­ne­si­sche Aus­lands­stu­den­ten in die ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Hör­sä­le. Lan­des­weit stel­len sie 21 Pro­zent der Stu­den­ten mit frem­dem Pass. Am Karls­ru­her In­sti­tut für Tech­no­lo­gie (KIT) ist die Quo­te weit hö­her: 1 700 Chi­ne­sen sind hier ein­ge­schrie­ben – da­mit stel­len die Asia­ten fast die Hälf­te der rund 3 600 Stu­den­ten aus Nicht-EU-Län­dern. Ins­ge­samt hat das KIT 25 000 Stu­den­ten.

Das KIT un­ter­hält ei­ne stra­te­gi­sche Part­ner­schaft mit Chi­na. Re­gel­mä­ßig schickt es Prü­fer dort­hin, die Sprach­tests ab­neh­men und die Eig­nung der zahl­rei­chen Be­wer­ber prü­fen.

Spon­so­ren für Här­te­fäl­le

Aus­län­di­sche Stu­den­ten sei­en „ganz oh­ne Fra­ge ei­ne we­sent­li­che Be­rei­che­rung für un­ser Land und am KIT hoch will­kom­men“, er­klärt Alex­an­der Wan­ner, KIT-Vi­ze­prä­si­dent für Leh­re. Um aus­län­di­sche In­ter­es­sen­ten nicht ab­zu­schre­cken, soll­ten die neu­en Stu­di­en­ge­büh­ren „be­hut­sam und so­zi­al­ver­träg­lich“ein­ge­führt wer­den. KIT-Prä­si­dent Hol­ger Han­sel­ka zeig­te sich im Ge­spräch mit den BNN zu­ver­sicht­lich, dass „für so­zia­le Not­fäl­le“Spon­so­ren ge­fun­den wer­den. Auch die Karls­ru­her Mu­sik­hoch­schu­le er­klärt: „Wir trau­en es uns durch­aus zu, in so­zia­len Här­te­fäl­len ge­eig­ne­te Lö­sun­gen zu fin­den, um den be­trof­fe­nen Stu­die­ren­den ei­ne Fort­füh­rung des Stu­di­ums zu er­mög­li­chen.“

„Froh und dank­bar“

Fast 40 Mil­lio­nen Eu­ro jähr­lich will Wis­sen­schafts­mi­nis­te­rin The­re­sia Bau­er (Grü­ne) mit­tel­fris­tig über die Stu­di­en­ge­bühr für Aus­län­der ein­neh­men. Un­term Strich ist KIT-Prä­si­dent Han­sel­ka „froh und dank­bar“, dass Bau­er so ih­ren Etat sta­bi­li­sie­re – und nicht in den Geld­topf für den Hoch­schul­pakt grei­fe.

Kul­tur- und Sprach­hür­den

Bau­er will ei­nen Teil der Ge­büh­ren – ge­plant sind 300 der 1 500 Eu­ro – di­rekt an die Hoch­schu­len wei­ter­lei­ten, da­mit die­se die aus­län­di­schen Jung­aka­de­mi­ker bes­ser be­treu­en kön­nen. Bis­her hät­ten „noch zu vie­le Stu­die­ren­de die­ser Grup­pe Schwie­rig­kei­ten mit den kul­tu­rel­len und sys­te­mi­schen Un­ter­schie­den“, meint die Mi­nis­te­rin. Der Karls­ru­her Pro­rek­tor Höp­fel nennt die Sprach­kennt­nis­se der weit ge­reis­ten Stu­die­ren­den „zum Teil schon ver­bes­se­rungs­wür­dig“. Al­le Be­wer­ber müs­sen zen­tra­le Sprach­tests in Kon­stanz ab­sol­vie­ren, da­nach nutz­ten vie­le Stu­den­ten die Sprach­kur­se, die von der Karls­ru­her Hoch­schu­le im ei­ge­nen Haus per­ma­nent an­ge­bo­ten wer­den.

Elek­tro­tech­ni­ker aus Ka­me­run

Aus wel­chen Län­dern die Stu­den­ten an­rei­sen – das ist manch­mal auch zu­fäl­li­gen Tra­di­tio­nen ge­schul­det. „In der Elek­tro­tech­nik ha­ben wir im­mer wie­der ei­ne grö­ße­re Grup­pe aus Ka­me­run“, sagt der Karls­ru­her Hoch­schul-Vi­ze Höp­fel. „Karls­ru­he hat sich dort wohl her­um­ge­spro­chen.“Die deut­schen Abitu­ri­en­ten sind in E-Tech­nik eher Man­gel­wa­re, trotz gu­ter Job-Aus­sich­ten. So fül­len die Aus­lands­stu­den­ten auch lee­re Plät­ze in Man­gel­fä­chern.

1 169 aus­län­di­sche Stu­den­ten hat die Hoch­schu­le, das ent­spricht 14 Pro­zent. Aus Nicht-EU-Staa­ten kom­men 675 Stu­die­ren­de (8 Pro­zent). In­der, Chi­ne­sen, Süd­ame­ri­ka­ner bil­den die größ­ten Grup­pen.

Ko­rea­ni­sche Mu­si­ker

Die an­ge­hen­den Mu­si­ker, Sän­ger und Kom­po­nis­ten an der Hoch­schu­le für Mu­sik in Karls­ru­he kom­men zu 37 Pro­zent aus dem Aus­land. Die größ­te Grup­pe stel­len hier die Ko­rea­ner, vor Chi­ne­sen und Tai­wa­ne­sen. Über Ein­stiegs­schwie­rig­kei­ten klagt das Team um Rek­tor Hart­mut Höll nicht – im Ge­gen­teil: Al­le Be­wer­ber müss­ten „Grund­qua­li­fi­ka­tio­nen auf sehr ho­hem Ni­veau“mit­brin­gen. „Da­zu ge­hö­ren ne­ben den rein mu­si­ka­lisch-fach­li­chen Qua­li­fi­ka­tio­nen auch sol­che auf den Ge­bie­ten All­ge­mein­bil­dung, Kul­tur, Ge­sell­schaft und Spra­che. Da­durch ist be­reits bei der Zu­las­sung zur Auf­nah­me­prü­fung ein ho­her Qua­li­täts­durch­schnitt ge­währ­leis­tet.“

Dass sie gan­ze Orches­ter für Asi­en kos­ten­los aus­bil­de­ten, muss­ten sich die Mu­sik­hoch­schu­len schon öf­ter von Lan­des­po­li­ti­kern an­hö­ren. Die 640 Stu­die­ren­den in Karls­ru­he kom­men aus 48 Län­dern, auch bei den Do­zen­ten spie­len aus­län­di­sche Künst­ler „ei­ne au­ßer­or­dent­lich gro­ße Rol­le“, er­klärt die Mu­sik­hoch­schu­le. Das ist für sie nicht nur selbst­ver­ständ­lich, son­dern auch Qu­el­le von In­spi­ra­ti­on und Er­folg. Ei­ne lan­ge Lis­te er­folg­rei­cher aus­län­di­scher Ab­sol­ven­ten kann die Mu­sik­hoch­schu­le nen­nen, dar­un­ter die Pia­nis­tin Glo­ria Cam­pa­ner, der Kom­po­nist Vi­to Zu­raj und der Pia­nist Fa­bio Mar­ti­no.

Nur mehr Ver­wal­tungs­ar­beit?

Zer­stö­ren die neu­en Stu­di­en­ge­büh­ren die­se Viel­falt? Ver­grau­len sie die Aus­län­der? Hölls Team gibt sich ge­las­sen, fürch­tet – ab­ge­se­hen vom ho­hen Ver­wal­tungs­auf­wand – kei­ne „nen­nens­wer­ten“Kon­se­quen­zen: „Wir rech­nen da­mit, dass die Zahl der aus­län­di­schen Stu­di­en­be­wer­ber kon­stant bleibt, auch wenn es zu­nächst so aus­se­hen mag, dass nur wohl­ha­ben­de­re Be­wer­ber in den Ge­nuss ei­nes Stu­di­en­plat­zes kom­men kön­nen.“

Ähn­lich ent­spannt sieht das KIT-Chef Han­sel­ka: „Ich glau­be nicht, dass wir durch die Stu­di­en­ge­büh­ren aus­län­di­sche Stu­die­ren­de ver­lie­ren.“

IHR INTERNATIONALES IMAGE pfle­gen Uni­ver­si­tä­ten wie das KIT ger­ne. Als es kurz­zei­tig zur Eli­te-Uni auf­stieg, ju­bel­ten auch aus­län­di­sche Stu­den­ten. Ih­re jün­ge­ren Lands­leu­te dürf­ten sich über die neue Stu­di­en­ge­bühr für Aus­län­der kaum freu­en. Fo­to: Ar­chiv/Fa­b­ry

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