Büh­ler­hö­he

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

Ro­sa sag­te nichts. Ra­chel, wuss­te sie, hät­te ge­tobt: „Wie blöd seid ihr denn, euch den Mann durch die Lap­pen ge­hen zu las­sen?“Ih­re Stim­me hall­te förm­lich von den Wän­den wi­der. „Und dann könnt ihr nicht mal sei­ne Iden­ti­tät klä­ren!“Aber sie war nicht Ra­chel. Sie war mü­de und ver­lor den Bo­den un­ter den Fü­ßen. „Und was heißt das jetzt?“, brach­te sie müh­sam her­aus. „Wer kommt an­stel­le von Ari?“

„Nu was, sie schi­cken so schnell wie mög­lich ei­nen Er­satz …“

„Nein.“Ihr ent­setz­ter Schrei füll­te den klei­nen Raum aus.

„Sa­gen Sie nicht, dass ich wei­ter auf mich al­lein ge­stellt bin.“

Eck­stein setz­te sich sei­ne Bril­le wie­der auf die Na­se und ver­such­te es mit ei­nem auf­mun­tern­den Lä­cheln. Als Ro­sa erst lei­se, dann im­mer hef­ti­ger den Kopf schüt­tel­te, er­hob er sich, schlurf­te hin­ter sei­nem Schreib­tisch her­vor zu dem Schrank ne­ben dem Fens­ter, hol­te ein höl­zer­nes Käst­chen her­aus und leg­te es vor Ro­sa auf den Schreib­tisch. „In Ih­rer Zeit bei der Ha­ga­na ha­ben Sie mit der Pa­ra­bel­lum schie­ßen ge­lernt. Oz sagt, es gibt kei­ne bes­se­re Waf­fe als die, die man kennt.“

„Und was sagt Oz noch? Dass ich da­mit den sechs­ten Mann er­schie­ßen soll? Von dem ihr nichts wisst, au­ßer dass es ihn gibt?“, hör­te Ro­sa in ih­rem Kopf wie­der Ra­chel. Ihr selbst fehl­te die Kraft zum Schrei­en. Sie war mü­de, sie war er­schöpft, al­lein fühl­te sie sich der Auf­ga­be nicht ge­wach­sen, sie woll­te nur noch ei­nes: nach Hau­se. „Ich kann das nicht“, flüs­ter­te sie. „Ich soll­te doch Ari nur als Orts­kun­di­ge zur Sei­te ste­hen und sei­ne Ehe­frau spie­len, nichts wei­ter.“

„Ro­sa Sil­ber­mann!“Dok­tor Eck­stein klapp­te den Waf­fen­kof­fer zu, schob die Bril­le wie­der auf den Kopf und sah sie mit sei­nen klu­gen Au­gen an. „Ich soll Sie an die Rosch-Ha-Scha­na-Nacht von 1943 er­in­nern. Sie wa­ren al­lein auf Nacht­wa­che, und in der Zeit gab es ei­nen An­griff von Fel­la­chen. Fünf, sechs Mann min­des­tens, und Sie al­lein. Sie ha­ben ge­war­tet, bis Sie ge­nau hö­ren konn­ten, wo­her die Ara­ber ka­men, ha­ben erst dann ge­schos­sen und das ge­sam­te Ma­ga­zin in ih­re Rich­tung ab­ge­feu­ert.“

Wenn du Angst hast, kannst du al­les, dach­te sie. Min­des­tens ei­nen der Män­ner hat­te sie ge­trof­fen, sei­ne Schmer­zens­schreie hall­ten noch heu­te in ih­rem Kopf wi­der. Die Angst hat­te sie in die­ser Nacht nicht ge­lähmt, sie hat­te ihr ei­ne bis da­hin un­be­kann­te Kalt­blü­tig­keit ge­schenkt. Sie hat­te über­le­ben wol­len.

„Oz hat Sie nicht nur her­ge­schickt, weil Sie die Ge­gend ken­nen“, fuhr Eck­stein fort. „Er hat Sie aus­ge­wählt, weil Sie in ge­fähr­li­chen Si­tua­tio­nen nicht die Ner­ven ver­lie­ren und weil er weiß, dass Is­ra­el auf Sie zäh­len kann. Und Is­ra­el braucht Sie jetzt, Ro­sa Sil­ber­mann.“

Stumm griff Ro­sa nach dem Kof­fer, öff­ne­te ihn und hol­te die Pa­ra­bel­lum her­aus. Sie nahm sie in die Hand, be­sah sie von al­len Sei­ten, zog das Ma­ga­zin her­aus, zähl­te die Ku­geln, schloss es wie­der. Die Waf­fe war gut in Schuss, aber sie trau­te sich nicht zu, da­mit ei­nen un­be­kann­ten Scharf­schüt­zen au­ßer Ge­fecht zu set­zen. „Das ist Wahn­sinn, Dok­tor Eck­stein, das gan­ze Un­ter­neh­men ist ein Wahn­sinn“, mur­mel­te sie.

„Nu was, was ist schon Wahn­sinn? Noch vor fünf Jah­ren hat’s ein je­der für Wahn­sinn ge­hal­ten, dass es den Staat Is­ra­el je­mals ge­ben wird. Chuz­pe und Mas­sel, oh­ne die hät­ten wir Ju­den nichts er­reicht. Nur noch ein, zwei Ta­ge müs­sen Sie al­lei­ne durch­hal­ten, dann kommt Ver­stär­kung.“

Wie­der be­trach­te­te Ro­sa das Bild Cha­galls, be­wun­der­te die leuch­ten­den Far­ben, den ele­gan­ten Pin­sel­schwung, die Schwe­re­lo­sig­keit der Fi­gu­ren. Sie wünsch­te sich, ein paar Stri­che in die­sem Bild zu sein, als klei­ner Vo­gel, als win­zi­ge Blu­me, als fer­ner Stern, als leuch­ten­des Rot. Los­ge­löst von al­ler ir­di­schen Schwe­re, be­freit von die­sem un­er­füll­ba­ren Auf­trag. Es war jetzt sehr still in Eck­steins Bü­ro, die Stu­den­ten vor der Tür muss­ten ge­gan­gen sein.

„Und Sie glau­ben wirk­lich, dass Ari noch kommt?“, ver­such­te Ro­sa sich selbst Mut zu ma­chen.

„Ist ein Steh­auf­männ­chen, wie es im Bu­che steht.“

Ein Steh­auf­männ­chen, ein Phö­nix aus der Asche. Exis­tier­te der Mann wirk­lich? Sie sah sich ver­geb­lich am Bahn­hof von Ba­den-Ba­den auf ihn war­ten und er­in­ner­te sich an die ver­wa­sche­nen Bil­der, die sie ihr von Ari ge­zeigt hat­ten. „Ha­ben Sie ein gu­tes Fo­to von ihm?“

Jetzt lach­te Eck­stein auf. „Ein Fo­to? Nützt Ih­nen nichts. Ari ist ein Cha­mä­le­on. Mal blond, mal braun. Je nach­dem, was er gra­de braucht. Aber Sie ha­ben ja das Co­de­wort.“Ro­sa nick­te tap­fer. „Ist üb­ri­gens ein ver­dammt gu­ter Jas­ser“, er­gänz­te Eck­stein und zwin­ker­te ihr zu. Ro­sa ver­stand nicht. „Jas­sen. Ein Schwei­zer Kar­ten­spiel. War in den ein­sa­men Ber­g­näch­ten oft un­ser ein­zi­ges Ver­gnü­gen. Und nur wenn zwei von de­nen, die wir durch die Ber­ge brach­ten, es be­herrsch­ten. Zum Jas­sen muss man näm­lich zu viert sein.“

„Aha.“Kar­ten­spie­le in­ter­es­sier­ten Ro­sa nicht. Sie wür­de Ari ja nicht als Teil­neh­mer ei­ner Jass-Run­de tref­fen. „Ich brau­che noch an­de­re In­for­ma­tio­nen“, er­klär­te sie dann und be­rich­te­te von dem be­lausch­ten Ge­spräch zwi­schen Pfis­ter, Fritsch und Frey.

„G 45, sa­gen Sie?“, hak­te Eck­stein nach. „Sehr in­ter­es­sant, dass Fritsch das Sturm­ge­wehr schon wei­ter­ent­wi­ckelt. Wenn Sie da en pas­sant an wei­te­re In­for­ma­tio­nen kom­men, wä­re das sehr dien­lich. Fritsch ist üb­ri­gens nicht der Ein­zi­ge, der in den Start­lö­chern steht. Die Vor­be­rei­tun­gen für die Wie­der­be­waff­nung lau­fen schon län­ger im Ver­bor­ge­nen. Das Amt Blank ist da­für zu­stän­dig. Fritsch hat schon Waf­fen für die Na­zis pro­du­ziert. Sei­ne Toch­ter hat ei­ne Schwä­che für SS-Män­ner, Frey ist der drit­te, mit dem sie ver­hei­ra­tet ist. Ein Her­ren­mensch der übels­ten Sor­te, aber ein be­gna­de­ter In­ge­nieur. Fritsch hat ge­schmiert und ge­scho­ben, um ihm ei­ne halb­wegs rei­ne Wes­te zu ver­schaf­fen.“

Die Na­men Pfis­ter und Nour­ri­di­ne/ Ma­saad sag­ten Eck­stein auf An­hieb nichts.

„Kön­nen bei die­sem ge­platz­ten Waf­fen­ge­schäft in Tan­ger un­se­re Leu­te be­tei­ligt ge­we­sen sein? Im­mer­hin wa­ren die Waf­fen für die Ägyp­ter ge­dacht.“

„Mög­lich“, mein­te Eck­stein. „Durch­aus mög­lich.“Er ver­sprach, Nach­for­schun­gen an­zu­stel­len und Ro­sa über sei­ne Er­geb­nis­se zu un­ter­rich­ten. „Ach, fast hät­te ich es in der Auf­re­gung ver­ges­sen“, füg­te er hin­zu. „Ich soll Sie von Ben grü­ßen und Ih­nen sa­gen, dass er mit Joke­le und Aa­ron die größ­te Sand­burg der Welt ge­baut hat.“

„Nie­mals hät­ten Sie das ver­ges­sen.“Ro­sa war plötz­lich klar ge­wor­den, dass Oz Eck­stein ge­nau in­stru­iert hat­te, wie, wo und wann er die Grü­ße ih­res Soh­nes plat­zie­ren muss­te. Da­mit sie wei­ter­mach­te: für Ben, für Oma­rim, für ihr Land. Es funk­tio­nier­te. Den­noch hät­te sie Oz, den Klug­schei­ßer, den Skla­ven­trei­ber, gern in tau­send Stü­cke ge­ris­sen. Doch das muss­te bis zu ih­rer Rück­kehr war­ten.

Büh­ler­hö­he

An die­sem Mor­gen saß nie­mand auf der Hirsch­ter­ras­se, als die Rei­sacher hin­aus­trat, um nach­zu­se­hen, ob nicht ei­ner der Kell­ner es ver­säumt hat­te, die Stuhl­kis­sen ins Tro­cke­ne zu brin­gen. Die Ti­sche glänz­ten re­gen­nass, or­dent­lich und oh­ne Kis­sen lehn­ten al­le Stüh­le an den Tisch­kan­ten. Die Rei­sacher trat zum Vo­gel­häus­chen an die Ba­lus­tra­de und sah in ei­ne damp­fen­de Wol­ken­sup­pe, die an die­sem Mor­gen al­les in Grau pack­te und den Ein­druck ver­mit­tel­te, die Welt wä­re in ein paar Me­tern zu En­de. Frös­telnd rieb sie sich die Ar­me.

Fortsetzung folgt

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