Ei­ne Ba­lan­ce zum Woh­le al­ler

Ein Fest­akt zur Rü­ck­er­wer­bung ei­nes Ge­mäl­des von Carl Ble­chen für die Kunst­hal­le Karls­ru­he

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Ro­ger Strauch hat ei­nen Traum: „Das hof­fe ich und da­von träu­me ich, dass ei­nes Ta­ges die Bil­der aus der Samm­lung Mos­se, die von deut­schen Mu­se­en zu­rück­er­wor­ben wur­den, in ei­ner ge­mein­sa­men Aus­stel­lung zu se­hen sein wer­den,“er­klär­te der USA­me­ri­ka­ner ges­tern in ei­nem BNN-Ge­spräch. Strauch ist ein Nach­fah­re von Ru­dolf Mos­se (1843 bis 1920), einst be­rühm­ter und über­aus er­folg­rei­cher Zei­tungs­ver­le­ger in Ber­lin, nicht zu­letzt aber auch ein gro­ßer Kunst­samm­ler. Meh­re­re 1 000 Wer­ke um­fass­te sei­ne Samm­lung, be­rich­te­te Isa­bel Pfeif­fer-Po­ens­gen, Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin der Kul­tur­stif­tung der Län­der, an­läss­lich des glei­chen Er­eig­nis­ses, des­sent­we­gen auch Strauch in die Karls­ru­her Kunst­hal­le ge­kom­men war.

Dort wur­de mit ei­nem klei­nen Fest­akt die of­fi­zi­el­le Über­ga­be ei­nes Wer­kes ge­fei­ert, das be­reits 1969 in die Kunst­hal­le ge­kom­men war. Jan Lauts, sei­ner­zeit Di­rek­tor des Hau­ses, hat da­mals das Ge­mäl­de „Blick auf Klos­ter Sta. Sco­las­ti­ca bei Su­bi­a­co“(1832) von Carl Ble­chen (1798 bis 1840) bei der Mün­che­ner Ga­le­rie Ne­u­meis­ter er­wor­ben. Von sei­nem Kennt­nis­stand her ge­se­hen, recht­mä­ßig. Bis sich her­aus­stell­te, dass Ble­chens be­deu­ten­des Bild aus der Samm­lung von Ru­dolf Mos­se stamm­te. Der Ver­le­ger hat­te es 1898 bei ei­ner Auk­ti­on er­stei­gert, wie Tes­sa Frie­de­ri­ke Ro­se­brock her­aus­fand.

Ro­se­brock ist die Pro­ve­ni­en­z­for­sche­rin der Kunst­hal­le. Das heißt: Sie soll die nicht im­mer lü­cken­los do­ku­men­tier­te Her­kunft der Ge­mäl­de, Plas­ti­ken oder Druck­gra­fi­ken er­kun­den. Und so wur­de sie denn auch um­ge­hend zu­ra­te ge­zo­gen, als 2014 ein Schrei­ben der Kanz­lei Bart­ko Zan­kel Bun­zel, San Fran­cis­co, das Karls­ru­her Mu­se­um er­reich­te, in dem dar­auf auf­merk­sam ge­macht wur­de, dass es sich bei dem Ble­chen um Raub­kunst han­delt. Denn der Kunst­be­sitz der Fa­mi­lie Mos­se war von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ein­ge­zo­gen und 1934 bei dem Auk­ti­ons­haus Ru­dolf Lep­ke ver­stei­gert wor­den – oh­ne dass die bald nach der Macht­über­nah­me emi­grier­ten Er­ben des in­zwi­schen ver­stor­be­nen Ru­dolf Mos­se et­was von dem Li­qui­da­ti­ons­er­lös er­hal­ten hät­ten.

War­um kam die Rück­for­de­rung so spät? J. Eric Bart­ko, Lei­ter des Mos­se Art Re­sti­tu­ti­on Pro­ject, er­in­nert dar­an, dass es schon bald nach dem En­de des Zwei­ten Welt­kriegs An­fra­gen ge­ge­ben ha­be, auf die es nicht sel­ten aus­wei­chen­de oder gar fa­den­schei­ni­ge Ant­wor­ten ge­ge­ben ha­be wie „Es sei al­les im Krieg ver­brannt“. Auf die Be­stän­de in öf­fent­li­chen Samm­lun­gen sei man oh­ne­hin erst auf­merk­sam ge­wor­den durch die Ver­öf­fent­li­chung des Ber­li­ner Auk­ti­ons­ka­ta­logs von 1934.

Dank der For­schun­gen von Tes­sa Frie­de­ri­ke Ro­se­brock war auch in Karls­ru­he rasch klar, dass es sich um ei­nen Re­sti­tu­ti­ons­fall han­delt. Doch wie wür­de es wei­ter­ge­hen? Wür­de das Bild in der Kunst­hal­le blei­ben kön­nen? Die Er­ben, ver­tre­ten durch Ro­ger Strauch, über­lie­ßen die licht­durch­flu­te­te Klos­ter­an­sicht dem Mu­se­um für ein­ein­halb Jah­re als Leih­ga­be – ei­ne Zeit, die man nutz­te, um an der Fi­nan­zie­rung ei­nes mög­li­chen Rü­ck­er­werbs zu ar­bei­ten, wie Pia Mül­ler-Tamm, die ak­tu­el­le Di­rek­to­rin der Kunst­hal­le be­ton­te. Das Land Ba­den-Würt­tem­berg si­cher­te ger­ne sei­ne Un­ter­stüt­zung zu, wie Pe­tra Ol­schow­ski, Staats­se­kre­tä­rin im Mi­nis­te­ri­um für Wis­sen­schaft For­schung und Kunst (MWK) her­vor­hob – nicht oh­ne dar­an zu er­in­nern, dass der Staat an­ge­sichts der ho­hen Prei­se auf dem Kunst­markt bei der Ak­qui­si­ti­on neu­er Ob­jek­te in­zwi­schen oft ge­nug auf Mä­ze­ne an­ge­wie­sen sei.

Das war auch jetzt bei der Rü­ck­er­wer­bung des Ble­chenGe­mäl­des nicht an­ders. Sie kam durch ei­ne kon­zer­tier­te Ak­ti­on mit der Kul­tur­stif­tung der Län­der, des För­der­krei­ses der Kunst­hal­le und der Fon­ta­na-Stif­tung zu­stan­de. Über den Kauf­preis wur­de Still­schwei­gen ver­ein­bart, aber auf al­len Sei­ten be­stand Ei­nig­keit dar­über, dass man ei­ne gu­te Ba­lan­ce zum Woh­le al­ler ge­fun­den ha­be. „Mr Strauch, we are most gra­te­ful to you“, Herr Strauch, wir sind Ih­nen äu­ßerst dank­bar,“be­teu­er­te Mül­lerTamm zum Schluss ih­rer Re­de. Der so An­ge­spro­che­ne ver­wies spä­ter ge­gen­über den BNN dar­auf, dass es sich bei dem Mos­se Art Re­sti­tu­ti­on Pro­ject wohl um das größ­te Vor­ha­ben zur Rück­füh­rung il­le­gal ent­eig­ne­ten jü­di­schen Ei­gen­tums han­delt. An­ders als in an­de­ren Fäl­len ge­he es aber ihm und der Mos­se Foun­da­ti­on, de­ren Prä­si­dent er ist, um ei­nen kon­struk­ti­ven, po­si­ti­ven und auf Ge­lin­gen aus­ge­rich­te­ten Um­gang mit dem bit­te­ren Er­be der Ge­schich­te. Nicht zu­letzt liegt ihm dar­an, dass sein Stief­groß­va­ter Ru­dolf Mos­se nicht we­gen sei­ner Re­li­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit in Er­in­ne­rung bleibt, son­dern als der ge­wür­digt wird, der er war: ein fort­schritt­li­cher Un­ter­neh­mer und ein groß­zü­gi­ger Phil­an­throp. Micha­el Hübl

Er­in­ne­rung an ei­nen Phil­an­thro­pen

VEREINTE FREU­DE: Eric Bart­ko, Tes­sa Ro­se­brock, Pe­tra Ol­schow­ski, Ro­ger Strauch, Isa­bel Pfeif­fer-Po­ens­gen, Pia Mül­ler-Tamm (von links) vor Carl Ble­chens An­sicht des Klos­ters Sta. Sco­las­ti­ca. Fo­to: Grün­schloss

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