„Die Her­aus­for­de­rung ist, die Ge­gen­sät­ze aus­zu­hal­ten“

Patrick Roth, be­kannt für die Neu­in­ter­pre­ta­ti­on bi­bli­scher Stof­fe, liest heu­te aus sei­nem Jo­seph-Ro­man „Sun­ri­se“

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Vom bi­bli­schen Jo­sef weiß man we­nig. In den Evan­ge­li­en taucht er als Zieh­va­ter von Je­sus auf, als Zim­mer­mann, des­sen auf­fäl­ligs­te Tat ist, den neu ge­bo­re­nen Mes­si­as zu ret­ten, in­dem er ei­nem Traum folgt und mit sei­ner Fa­mi­lie nach Ägyp­ten flieht. Ei­nen ganz an­de­ren Jo­sef er­lebt man in Patrick Roths Ro­man „Sun­ri­se“, aus dem der in Karls­ru­he auf­ge­wach­se­ne Au­tor heu­te in der Klei­nen Kir­che in sei­ner Hei­mat­stadt liest.

Jo­seph, wie der Prot­ago­nist in Roths be­wusst al­ter­tüm­lich ge­hal­te­nem, at­mo­sphä­risch in­ten­si­vem Sprach­stil ge­schrie­ben wird, ist hier ein Zer­ris­se­ner zwi­schen tie­fem Glau­ben und Un­ge­hor­sam ge­gen Gott, zwi­schen ir­di­schen Zwän­gen und hö­he­rem Auf­trag. Er ist ein Prot­ago­nist, dem der Au­tor ei­ne auf­wüh­len­de Lei­dens­ge­schich­te zu­mu­tet, von der sich et­li­che Re­zen­sen­ten des 2012 für den Deut­schen Buch­preis no­mi­nier­ten Ro­mans ge­fes­selt und be­ein­druckt zeig­ten. „Jo­seph ver­sucht, aus die­sem Lei­den ei­ne Ant­wort her­bei­zu­be­schwö­ren, aber er war­tet lan­ge ver­geb­lich“, sagt Roth. „Wenn man sich dar­auf ein­lässt beim Le­sen, wenn man die­sen Weg mit­geht, dann kommt man selbst in die­se Pha­se, die nur schwer aus­zu­hal­ten ist – aber ich bin über­zeugt, dass dies die Grund­la­ge da­für ist, dass sich am En­de ein neu­es Be­wusst­sein ein­stel­len kann und nicht nur die Ant­wort auf of­fe­ne Fra­gen aus der Sto­ry.“

Das Zu­sam­men­füh­ren von Ge­trenn­tem, durch das et­was Drit­tes, et­was Neu­es ent­steht, ist seit je­her ein Leit­mo­tiv im Schrei­ben von Roth, der 1991 mit der Chris­tus-No­vel­le „Ri­ver­si­de“de­bü­tier­te, in der zwei Je­sus-Jün­ger in ei­ner un­er­war­te­ten Wie­der­be­geg­nung ei­ne über­ra­schen­de Fa­cet­te ih­res Glau­bens er­fah­ren. Auch Roths Le­sung in Karls­ru­he wird ein Abend der Ge­gen­sät­ze sein: „Im ers­ten Teil ha­ben wir Feu­er, im zwei­ten Eis und Schnee. Der ers­te Teil spielt vor 2000 Jah­ren, der zwei­te im New York der Ge­gen­wart.“

Zu­nächst wird Roth aus „Sun­ri­se“die Pas­sa­ge le­sen, in der Jo­seph aus ei­nem lich­ter­loh bren­nen­den Land­gut zwei Men­schen ret­tet – „und ich hof­fe, dass es mir ge­lingt, die trau­ma­ti­sche Wir­kung die­ses Brand­er­leb­nis­ses zu ver­mit­teln“, so der Au­tor. Für Jo­seph ist das Feu­er ei­ner­seits höchs­te Le­bens­ge­fahr, Roth sieht es aber auch als sym­bo­li­sches Bild ei­ner Läu­te­rung, ei­nes Über­gangs von ei­ner Kul­tur in die an­de­re: „Hier wird ge­wis­ser­ma­ßen der Kern des Chris­ten­tums aus­ge­schmol­zen.“Im Zen­trum von Roths Er­zäh­lung „Lich­ter­nacht“, die an Hei­lig­abend in New York spielt, steht ein Nah­tod-Er­leb­nis, das eben­falls ei­ne um­wäl­zen­de Wir­kung nach sich zieht.

So krei­sen die Tex­te, die bi­bli­sche Mo­ti­ve mit der span­nungs­ge­la­de­nen Film­dra­ma­tur­gie von Hol­ly­wood (wo Roth lan­ge als Film­jour­na­list ar­bei­te­te) ver­bin­den, um ei­nen Zu­stand, der sich der­zeit als ste­tig wach­sen­des ge­sell­schaft­li­ches Phä­no­men zeigt: „Wir er­le­ben ein stän­di­ges Es­ka­lie­ren der Ge­gen­sät­ze, et­wa wenn auf Oba­ma nun Trump folgt, oder wenn in der Flücht­lings­fra­ge bei­de Sei­ten so sehr auf ihr Recht­ha­ben be­har­ren, dass kei­ner mehr ei­ne drit­te Per­spek­ti­ve ein­neh­men kann“, kon­sta­tiert Roth im BNN-Ge­spräch. „Die Her­aus­for­de­rung an das In­di­vi­du­um ist es, sich nicht be­din­gungs­los auf ei­ne Sei­te zu schla­gen, son­dern die Ge­gen­sät­ze aus­zu­hal­ten – vor al­lem wenn man sich an et­was Hö­he­res ge­bun­den fühlt.“Dann erst kön­ne je­nes Drit­te ent­ste­hen, das die Chan­ce er­öff­ne, die Ge­gen­sät­ze wie­der zu ver­ei­nen.

Die Kraft ei­nes ver­wan­deln­den Er­eig­nis­ses steht für Roth auch im Zen­trum des Weih­nachts­fes­tes, das für ihn zu­dem „ei­ne Hul­di­gung an den ge­rings­te Fun­ken in un­se­rer Psy­che ist, der das Ver­spre­chen auf das größ­te Licht in sich trägt.“Als Au­tor sieht er Par­al­le­len zur Ent­ste­hung und zum Wach­sen ei­ner schöp­fe­ri­schen Idee: „Wenn wir ei­nen Ein­fall ha­ben, der uns wirk­lich wich­tig ist, dann ha­ben wir oft den Im­puls, ihn zu­nächst zu ver­ste­cken – so wie sich die Weih­nachts­ge­schich­te im Ge­hei­men ab­spielt, in ei­ner Höh­le bei Beth­le­hem. Und das Ver­ste­cken ist rich­tig, denn so­bald ei­ne Idee in die Welt tritt, läuft sie Ge­fahr, at­ta­ckiert zu wer­den – des­halb muss man sie zu­nächst in Si­cher­heit wach­sen las­sen, so wie beim Exil in Ägyp­ten.“Aus ge­nau die­sem Grund ver­rät Roth auch nicht, woran er ge­ra­de ar­bei­tet: „Nicht ein­mal mein Lek­tor weiß, was es wird.“Andre­as Jütt­ner

Ter­min

Patrick Roth ist zu Gast bei Wolf­gang Abend­schön und des­sen Band „Ak­zen­te“heu­te, 3. De­zem­ber, ab 20 Uhr in der Klei­nen Kir­che Karls­ru­he.

BIBELFESTER AU­TOR: Patrick Roth liest heu­te in Karls­ru­he. Fo­to: Man­tra­gas

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