Ju­bi­lä­um ver­gisst gan­ze Be­völ­ke­rungs­tei­le

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM -

Zum Pforz­hei­mer Schmuck­ju­bi­lä­um und der Auf­füh­rung des Thea­ters Ti­ta­nick er­reich­te uns fol­gen­de Le­ser­zu­schrift: Es gibt den Auf­ruf in der Pres­se, bei der Ju­bi­lä­ums­ver­an­stal­tung 250 Jah­re Gold­stadt bei dem Thea­ter Ti­ta­nick eh­ren­amt­lich mit­zu­wir­ken. Ich bin von Be­ruf frei­er Thea­ter­künst­ler und be­strei­te da­mit mei­nen Le­bens­un­ter­halt. Nun be­kommt das Thea­ter Ti­ta­nick meh­re­re 100 000 Eu­ro für ih­re Ins­ze­nie­rung, was na­tür­lich er­freu­lich ist für das Thea­ter – al­ler­dings stel­len sich mir Fra­gen, die sich auch nach zwei Be­geg­nun­gen mit Herrn Baral, dem Ko­or­di­na­tor der Fei­er­lich­kei­ten, nicht klär­ten.

War­um wer­den nicht re­gio­na­le pro­fes­sio­nel­le Künst­ler ge­fragt ob sie so ein Spek­ta­kel um­set­zen wol­len mit ei­ner an­ge­mes­se­nen fi­nan­zi­el­len Aus­stat­tung? Man muss hier­zu an­mer­ken, dass sich re­gio­na­le Künst­ler mit ei­nem Bei­trag be­wer­ben konn­ten. Al­ler­dings soll­te die­ses An­ge­bot bis ma­xi­mal 2 000 Eu­ro ho­no­riert wer­den. Das mag im ers­ten Mo­ment nach ei­ner gu­ten Bezahlung klin­gen, ist es je­doch nicht, wenn man den Zeit­auf­wand für Vor­be­rei­tung, Pro­ben und Auf­füh­rung da­ge­gen rech­net. Auch freie Thea­ter­künst­ler müs­sen Steu­ern, Kran­ken­ver­si­che­rung und Ren­te zah­len. Bei nä­he­rer Be­trach­tung von 250 Jah­re Gold­stadt fal­len auch die ho­hen Ein­tritts­prei­se bei der Er­öff­nungs­ver­an­stal­tung auf.

Ist es mög­lich, da­mit ei­ne brei­te Bür­ger­be­tei­li­gung zu er­rei­chen bei der ho­hen Ar­muts­zahl in Pforz­heim? Und ist es sinn­voll und wün­schens­wert, ei­ne Fei­er zu kre­ieren, oh­ne ei­nen Blick auf die Le­bens­wirk­lich­keit von vie­len Pforz­hei­mern zu wer­fen? Was sind die Schat­ten­sei­ten der Schmuck­in­dus­trie und wel­chen An­teil hat die­se an der Ve­r­elen­dung wei­ter Be­völ­ke­rungs­tei­le in Pforz­heim? Fin­det durch die Preis­bar­rie­re nicht ei­ne Aus­gren­zung gan­zer Be­völ­ke­rungs­tei­le statt – ganz ab­ge­se­hen von der Aus­gren­zung der orts­an­säs­si­gen Künst­ler. Für mich stellt sich da ganz au­to­ma­tisch fol­gen­der Ein­druck ein: Hier ist Esta­blish­ment mit gu­ter Ab­sicht am Werk, aber oh­ne Be­rück­sich­ti­gung der Ver­hält­nis­se und oh­ne den ge­rings­ten Wil­len, die Be­völ­ke­rung ein­zu­be­zie­hen.

Ge­sell­schaft­li­che Teil­ha­be soll­te mehr sein, als nur die ein­sei­ti­ge Be­reit­schaft zu eh­ren­amt­li­cher Un­ter­stüt­zung – hier geht es auch dar­um, mit­re­den und mit­be­stim­men zu kön­nen! Ro­ger Koch Kel­tern

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