Ra­ben­schwar­zer Schwarz­ma­ler

Chris­toph Sie­ber zeigt sich „hoff­nungs­los op­ti­mis­tisch“in der Rem­chin­ger Kul­tur­hal­le

Pforzheimer Kurier - - ENZKREIS -

Das muss erst mal ei­ner schaf­fen: „25 Mi­nu­ten vor­bei und schon ist die Stim­mung im Arsch.“Mo­ment mal. Auf dem Pro­gramm steht aber schwarz auf weiß: „hoff­nungs­los op­ti­mis­tisch“. Im fal­schen Pro­gramm ge­lan­det? Oder hat Chris­toph Sie­ber et­wa statt der obe­ren die un­ters­te Text-Schub­la­de auf­ge­zo­gen, be­vor er die Büh­ne der Kul­tur­hal­le Rem­chin­gen be­tre­ten hat? Ir­gend­was läuft da je­den­falls ge­wal­tig schief. Der schlak­si­ge Kerl im Ram­pen­licht er­zählt je­den­falls nicht das Blaue vom Him­mel run­ter. Im Ge­gen­teil: Sie­ber ist ein ra­ben­schwar­zer Schwarz­ma­ler. Mit Ed­ding­stift in der Hand, da­mit es auch ja nicht mehr so leicht weg geht.

Aber wä­re viel­leicht auch nicht ganz ver­kehrt, wenn was hän­gen bleibt von den Be­trach­tung der „Ama­zon“- und „Za­lan­do“-Welt mit krei­schen­den Post­bo­ten und den Kun­den auf der an­de­ren Sei­te des Pa­kets, die ei­ne „App“auf ih­rem Smart­pho­ne brau­chen, um nicht ge­gen die Kan­te zu ren­nen. Von we­gen zwei St­un­den lang Ka­ba­rett mit Sturm ge­gen die Bas­til­le, dann ei­nen Pro­sec­co schlür­fen und sich sa­gen „war ein pri­ma Abend“– oh­ne Kon­se­quen­zen. Das wa­ren noch Zei­ten, als die Bür­ger auf die Stra­ße gin­gen. Kann sich Chris­toph Sie­ber jetzt aber auch nicht so rich­tig vor­stel­len, dass das Rem­chin­ger Pu­bli­kum nach­her los­zieht. „Die Hälf­te wür­de nach we­ni­gen Me­tern auf­ge­ben und die an­de­re in die Bau­gru­be vor der Kul­tur­hal­le rein­lau­fen.“

Aber die Rei­chen, die ha­ben es auch nicht ein­fach und schon gar nicht, wenn sie „un­ver­schul­det“zu Reich­tum ge­kom­men sind. Und schon springt Sie­ber ins wei­ße Yacht-Ja­ckett mit ro­tem Ein­steck­tuch: „Ich bin auf dem Bo­den ge­blie­ben, ich steh je­den Mor­gen auf.“Pau­se. „Um halb elf.“Dann be­ginnt ein an­stren­gen­der Tag mit Golf und Ten­nis so­wie „hal­be St­un­de im Bü­ro vor­bei­schau­en, da­mit die wis­sen, der Chef sieht al­les“. Hun­gern­de Men­schen? Die be­kom­men En­de des Jah­res, be­vor drei Ta­ge weih­nacht­li­ches „Fres­sen“be­ginnt, ei­ne Spen­de. Aber wo­zu ei­gent­lich? „Ist ja ein Fass oh­ne Bo­den. Os­tern ste­hen die schon wie­der da.“

Ab­win­ken. Weg­we­deln. Auch das The­ma Flücht­lin­ge: Am bes­ten mei­den, sonst hat man das Bü­fett für sich al­lei­ne. Aber kei­ne Sor­ge, al­les wird gut, und den Ter­ro­ris­ten wird so­wie­so der Per­so­nal­aus­weis ent­zo­gen. „Oh­ne kann man ja auch kein Selbst­mord­at­ten­tat ma­chen und die Zu­tei­lung der 72 Jung­frau­en im Him­mel, das wird schwie­rig.“Der 46-jäh­ri­ge Ba­lin­ger lässt sie al­le an den zahl­rei­chen Zu­schau­ern vor­bei­fla­nie­ren, die AfD-Pe­trys die­ser Welt – „die schon lan­ge mit­re­gie­ren“– samt „chau­vi­nis­ti­schem Ras­sis­ten“an der Spit­ze ei­ner (US-)Welt­macht, der den Schwar­zen an die „Pus­sy“fasst. Das La­chen bleibt ei­nem dann ab­rupt in der Keh­le ste­cken, denn dann haut er sie raus, die knall­har­ten Fak­ten, die so „läs­tig“sind: dass die Angst vor den Flücht­lin­gen nur die Angst vor dem ei­ge­nen Ab­stieg bis vor die Tür des Ta­fel-La­dens ist. Dann doch lie­ber ein Gut­mensch, der nur Fleisch isst, „wenn ich weiß, wo es her­kommt.“Wo­her wohl: „vom to­ten Tier na­tür­lich.“Und die Milch von glück­li­chen Kü­hen. Nicht mal mehr Au­to fah­ren soll man? „Dann flieg ich halt.“

Fa­zit: Nicht nur die Stim­mung, son­dern auch Eu­ro­pa ist am Arsch. Woran man das merkt? Der Fran­zo­se raucht kei­ne Gau­loi­ses oh­ne Fil­ter mehr, son­dern sitzt jetzt mit E-Zi­ga­ret­te im Ca­fé; der En­g­län­der cremt sich mit Son­nen­milch ein. Schlech­te Zei­ten und ein Ka­ba­ret­tist, der kei­ne Ant­wor­ten gibt, son­dern noch mehr Fra­gen stellt. Da hilft nur noch ei­ne Du­sche. Am bes­ten die kal­te. Von Sie­ber. Zum Wach­wer­den.

Su­san­ne Roth

Fo­to: Roth

HOFF­NUNGS­LOS OP­TI­MIS­TISCH? Eher ei­ner, der den Fin­ger in die Wun­de(n) legt: Chris­toph Sie­ber be­geis­tert die Be­su­cher in der Kul­tur­hal­le Rem­chin­gen mit knall­har­ten Fak­ten und schwar­zem Hu­mor.

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