Der neue Start nach dem Bur­nout

Patri­cia Kaas

Pforzheimer Kurier - - LÄNDER UND LEUTE - In­ter­view: Stef­fen Rüth

Die neue Plat­te heißt so wie sie selbst, ein­fach „Patri­cia Kaas“. Das zehn­te Stu­dio­al­bum ist nicht nur das ers­te mit neu­en Songs seit 13 Jah­ren, son­dern auch ein künst­le­ri­scher Neu­an­fang. Man hört den fri­schen Biss zu je­der Se­kun­de an. Patri­cia Kaas, die 1988 mit dem De­büt „Ma­dame Chan­te Le Blues“gleich groß raus­kam, klingt et­was rau­er, we­ni­ger po­liert als frü­her, das Her­be, Ernst­haf­te der neu­en Lie­der steht ihr vor­züg­lich. Wir spra­chen mit Kaas, die im fran­zö­si­schen For­bach an der deutsch-fran­zö­si­schen Gren­ze auf­wuchs (die Mut­ter war Deut­sche, der Va­ter Fran­zo­se) in Straß­burg. Frau Kaas, was darf man sich un­ter ei­ner „Ma­dame Tout Le Mon­de“vor­stel­len?

Patri­cia Kaas: Ich wür­de den Aus­druck mit „Ei­ne Frau wie du und ich“über­set­zen, oder, et­was we­ni­ger char­mant, mit „Al­ler­welts­frau“.

Se­hen Sie sich so?

Kaas: Das ist eher ein Chan­son für al­le Frau­en, mich ein­ge­schlos­sen. Das Lied ist ein biss­chen fe­mi­nis­tisch. Es geht dar­um, dass die Ge­sell­schaft von uns Frau­en wirk­lich sehr viel ver­langt. Wir sol­len Er­folg im Be­ruf ha­ben, ei­ne gu­te Part­ne­rin sein, Sport trei­ben. Man muss Mut­ter sein, man muss ver­füh­re­risch sein, man muss hübsch sein. Die­se An­sprü­che kön­nen ei­nen zu­wei­len über­for­dern.

Ver­langt die Ge­sell­schaft viel oder zu viel?

Kaas: Sie ver­langt viel. Ob es zu viel ist, muss je­de Frau selbst für sich be­stim­men. Das Le­ben hat sich für Frau­en in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten stär­ker ver­än­dert als für Män­ner. Ich bin der An­sicht, für ei­ne Frau ist es ins­ge­samt schwie­ri­ger als für ei­nen Mann.

Sind Sie ei­ne Fe­mi­nis­tin?

Kaas: Ich ha­be mei­ne Mei­nun­gen und An­sich­ten, aber nein, ei­ne Fe­mi­nis­tin bin ich nicht. Ich ge­he nicht auf die Stra­ße und kämp­fe für die Rech­te der Frau­en.

„Ma­dame Tout Le Mond“ist ein sehr le­bens­fro­hes, leich­tes, Lied. Aber es ist nicht ty­pisch für „Patri­cia Kaas“. Sie sin­gen über vie­le erns­te Din­ge. „La Mai­son En Bord De Mer“be­han­delt das The­ma In­zest, in „Co­gne“geht es um häus­li­che Ge­walt ge­gen Frau­en, das dunk­le „Mar­re De Mon Amant“ist im Ori­gi­nal von der bel­gi­schen Sin­ger/Song­wri­ter-Le­gen­de Ar­no.

Kaas: Ich muss­te erst die Frau wer­den, die ich heu­te bin, um ein sol­ches Al­bum ma­chen zu kön­nen. Das heißt, ei­ne Frau mit all ih­ren Er­fah­run­gen, ih­ren Hö­he­punk­ten und Tief­schlä­gen. Seit et­wa zwei Jah­ren füh­le ich mich bes­ser in mei­nem Kopf und auch in mei­nem Kör­per. Ich ha­be deut­lich an Selbst­ver­trau­en ge­won­nen.

Was ist denn pas­siert, dass Sie sich bis vor zwei Jah­ren schlecht fühl­ten?

Kaas: Ich konn­te nicht mehr. Ich hat­te ei­nen Bur­nout. Bis vor zehn Jah­ren hat­te ich das Ge­fühl, mein Le­ben ist ei­ni­ger­ma­ßen aus­ge­gli­chen, ich war auch noch jün­ger und viel­leicht be­last­ba­rer. Aber dann kam es mir so vor, als wür­de ich prak­tisch blind nach vor­ne lau­fen. Ich konn­te kaum noch et­was spü­ren, nichts mehr füh­len, was in mei­nem In­ne­ren war. Mir ging es nicht gut.

Was ha­ben Sie un­ter­nom­men?

Kaas: Ich bin kon­struk­tiv vor­ge­gan­gen. Ich ha­be mir di­rekt Hil­fe ge­sucht und zum Glück fand ich die Hil­fe auch schnell. Manch­mal schafft man es nicht al­lein. Es gibt Mo­men­te im Le­ben, in de­nen braucht man ei­ne Schul­ter, an die man sich leh­nen und sei­nen Kopf dar­auf­le­gen kann. Selbst zu er­ken­nen, dass man auch Schwä­che zei­gen darf, das war ei­ne wich­ti­ge Er­fah­rung für mich.

Wie ha­ben Sie kon­kret aus der Krank­heit her­aus­ge­fun­den?

Kaas: Ganz klas­sisch. Mit ei­ner The­ra­pie bei ei­ner Per­son, der ich ver­trau­te. Mit Re­den und mit Me­di­ka­men­ten. Durch die Be­hand­lung ha­be ich ei­nen bes­se­ren, ei­nen kla­re­ren, Blick auf mich selbst be­kom­men. Als ich wie­der ge­sund war, fühl­te es sich an wie ein neu­er Start in mein Le­ben. Wie ein klei­ner Neu­an­fang.

Der Song „Le Jour Et L’Heu­re“ist von den An­schlä­gen in Pa­ris vom No­vem­ber 2015 in­spi­riert. Wo wa­ren Sie an dem Abend?

Kaas: In ei­nem Re­stau­rant in der Nä­he mei­ner Woh­nung, zu­sam­men mit ei­ner Freun­din. Wir be­ka­men zu­nächst nichts mit, erst als wir raus­gin­gen und auf un­se­re Han­dys schau­ten, sa­hen wir, dass prak­tisch ein Krieg in der Stadt aus­ge­bro­chen war. Hat sich ihr Le­ben seit­dem ge­än­dert?

Kaas: Nach ei­ner be­stimm­ten Zeit musst du Ab­stand ge­win­nen, sonst wirst du ver­rückt. Dann kam ja noch die­ses Niz­za-At­ten­tat im Som­mer. Die Men­schen sa­gen „Das Le­ben geht wei­ter“– da­mit bin ich to­tal ein­ver­stan­den. Ich ha­be kei­ne Angst.

DAS LE­BEN GEHT WEI­TER: Patri­cia Kaas. Fo­to: stu­dio c Yann Or­han

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