Der blin­de Zeu­ge

Kri­mi der Wo­che

Pforzheimer Kurier - - BUNTE SEITE -

Ein mas­kier­ter und be­waff­ne­ter Gangs­ter hat­te den tür­ki­schen Schmuck­la­den auf der Tau­ent­zi­en über­fal­len – so viel war klar, als Kom­mis­sa­rin Ma­ri­on Schnei­der von der So­ko Ber­lin ein­traf. Schutz­po­li­zis­ten be­frag­ten den Au­gen­zeu­gen, Ret­tungs­sa­ni­tä­ter küm­mer­ten sich um ei­nen Mann.

„Er ist blind!“er­klär­te ei­ner der Sa­ni­tä­ter. „Er bet­telt hier auf der Tau­ent­zi­en, sa­gen die La­den­in­ha­ber. Der Gangs­ter hat ihn bei der Flucht über den Hau­fen ge­rannt.“

Ge­ra­de als Ma­ri­on sich über den Mann beug­te, kam er wie­der zu sich. Sei­ne Li­der flat­ter­ten. Ma­ri­on blick­te in star­re Pu­pil­len.

„Schnei­der, So­ko Ber­lin!“, stell­te sie sich vor.

Der Blin­de streck­te sei­ne Hand aus. „Al­fons Det­te!“Er tas­te­te her­um. „Mei­ne Bril­le!“

„Hier!“Der Sa­ni­tä­ter reich­te ihm ei­ne dunk­le Son­nen­bril­le.

Det­te setz­te sie auf. „Ick er­in­ner mir nur, dass mich ee­ner vorm Ju­we­lier­la­den an­je­rem­pelt und mir ein Ding ver­passt hat“, sag­te er. „Ick je­he die Stre­cke je­den Tag und weeß je­nau, wel­che Ge­schäf­te wo sind.“

„Al­fons Det­te?“Der Na­me ließ bei der Kom­mis­sa­rin et­was klin­geln. „Ha­ben Sie sich nicht im­mer wie­der in die Cha­rité ein­wei­sen las­sen, um dort wo­chen­lang auf Kos­ten der Kran­ken­kas­se zu le­ben?“

„Det is ja wohl Un­sinn!“Det­te senk­te den Kopf. „Ick hab nen Ge­hirn­tu­mor! Seit ei­nem Jahr bin ick voll­kom­men blind. Des­we­gen kann ick jetzt auch nur sa­gen, dass der Kerl, der mir dat Ding ver­passt hat, wohl so mei­ne Jrö­ße hat. Und Turn­schu­he hat­ter ge­tra­gen, die ha­ben so be­stimm­te Je­räu­sche ge­macht, als er zu dem blau­en Wa­gen je­spur­tet is. Ich hab noch den Mo­tor auf­heu­len hö­ren – und dann sind bei mir die Lich­ter aus­jegan­gen!“

Ma­ri­ons Kol­le­ge Wolf kam zu sei­ner Che­fin. „Die Vi­deo­über­wa­chung aus dem Ju­we­lier­la­den hat auf­ge­zeich­net, wie der Gangs­ter den Blin­den über­rannt hat und dann in ei­nen blau­en Ford sprang. Die Fahn­dung läuft.“Er sah zu Det­te. „So ein Vi­deo ist ent­schie­den bes­ser als die Aus­sa­ge von ei­nem Blin­den, oder?“

„Un­be­dingt“, mein­te Ma­ri­on, und zu Det­te sag­te sie: „Bei Ih­nen drü­cke ich mal ein Au­ge zu – so blind, wie Sie tun, sind Sie gar nicht!“

„Ach, sind Se jetz och noch Ärz­tin, Jnä­digs­te?“

„Nee, ick hab een­fach nach­je­dacht“, ber­li­ner­te die Kom­mis­sa­rin. „Und da hab ick mir je­fragt, wie’n Blin­der wie Sie sa­jen kann, das­ses ein blau­es Au­to war, in dem die Gangs­ter ge­flo­hen sind!“

Det­tes Ge­sicht ver­stei­ner­te. „Nu ja, dann will ich ma nich so sein!“, mur­mel­te er. „Sie sa­gen es!“, mein­te Ma­ri­on Schrö­der. „Und ab so­fort hal­ten Se sich von Kran­ken­häu­sern fern, klar?“

H.P. Karr

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