Au­ge in Au­ge mit dem Sil­ber­rü­cken

Pforzheimer Kurier - - REISE -

Hier kriegt kei­ner was ge­schenkt! Lässt sich aus dem über­mü­ti­gen Kräch­zen der Nas­horn­vö­gel nicht so­gar ei­ne ge­hö­ri­ge Por­ti­on Scha­den­freu­de her­aus­hö­ren? Deut­lich er­kenn­bar sit­zen sie im Ge­äst ei­nes aus­la­den­den Baum­rie­sen im Tro­cke­nen und bli­cken aus ih­rer er­höh­ten Po­si­ti­on her­ab auf ei­ne klei­ne Schar selt­sa­mer We­sen, die sich im Gän­se­marsch über den feuch­ten Pfad quält. Der glit­schi­ge Schlamm ver­langt höchs­te Auf­merk­sam­keit ab. Doch trotz al­ler Wid­rig­kei­ten trei­ben Aben­teu­er­lust und Ent­de­cker­freu­de die Grup­pe vor­an. Schließ­lich wird ih­re Ge­duld von Er­folg ge­krönt. Denn ur­plötz­lich zieht ein schnar­ren­des Grun­zen die Bli­cke nach oben in die Baum­kro­nen. Dort oben liegt das Nacht­la­ger ei­ner Schim­pan­sen­fa­mi­lie, die sich ge­schäf­tig ih­rer Mor­gen­toi­let­te hin­gibt. Je­der hilft da­bei je­dem, um das wäh­rend der Nacht­ru­he zer­zaus­te Fell wie­der neu zu ord­nen. Bis ein jä­her Schrei die Schim­pan­sen zu ei­ner wil­den Auf­bruchs­jagd an­treibt, hin­ein in das Aben­teu­er des noch jun­gen Mor­gens im Nyung­we-Na­tio­nal­park in Ruan­da.

Das klei­ne Land im Her­zen Afri­kas ver­spürt Auf­bruchs­stim­mung. Ein­ge­zwängt zwi­schen sei­nen Nach­barn Ugan­da, Tan­sa­nia und dem Kon­go sind es nur we­nig mehr als zwan­zig Jah­re her, seit die Be­völ­ke­rungs­grup­pe der Hu­tu über die der Tut­si her­fiel und mit un­vor­stell­ba­rer Bru­ta­li­tät Aber­tau­sen­de vor den Au­gen der Welt­öf­fent­lich­keit tö­te­te. Kaum ein Be­su­cher des Ge­no­zid-Mu­se­ums in der Haupt­stadt Ki­ga­li schüt­telt nicht den Kopf an­ge­sichts des Aus­ma­ßes an Ver­blen­dung. Da­bei könn­te das klei­ne Land ein Tou­ris­ten­ma­gnet sein, dank der vie­len un­ter­schied­li­chen Land­schaft­s­ty­pen. die in un­mit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft ne­ben­ein­an­der­lie­gen. Vom dich­ten Re­gen­ur­wald bis zur aus­ge­dehn­ten Sa­van­nen­land­schaft, von Hoch­ge­birgs-Vul­kan­ket­ten bis hin zu ro­man­ti­schen Se­en­land­schaf­ten – hier gibt es kaum ei­ne afri­ka­ni­sche Land­schafts­for­ma­ti­on, die nicht an­zu­tref­fen wä­re.

Vom Nyung­we-Na­tio­nal­park im Süd­wes­ten des Lan­des ist es nicht weit bis zum La­ke Ki­vu. Ruan­das schöns­ter See, der bis zu 500 Me­ter tief ist und durch den die Gren­ze zur De­mo­kra­ti­schen Re­pu­blik Kon­go ver­läuft, gilt mit sei­nen klei­nen In­seln und den ma­le­ri­schen Buch­ten als der schöns­te im Os­ten des Schwar­zen Kon­ti­nents. So macht die ma­le­ri­sche Fahrt bis hin­auf nach Gi­sen­yi an sei­ner Nord­spit­ze im­mer neue Fo­to­s­topps er­for­der­lich.

Im äu­ßers­ten Nor­den des Lan­des, an der Gren­ze zum Kon­go und nach Ugan­da, fällt Be­su­chern die Sil­hou­et­te der mäch­ti­gen Ru­wenz­ori-Ge­birgs­ket­te ins Au­ge. Das ge­wal­ti­ge Mas­siv im Grenz­raum zu Ugan­da steigt bis auf vier­ein­halb­tau­send Me­ter an. Bis zu sei­ner Mit­te ist es ein­ge­hüllt in ei­nen Bergd­schun­gel, aus dem sich nach je­dem Re­gen­fall flie­ßen­de Ne­bel­schwa­den ge­spens­ter­haft in Be­we­gung set­zen. Er­in­nert die­se Ge­gend nicht so­fort an Di­an Fos­sey, die hier in die­ser wil­den Land­schaft ein Zu­hau­se fand, je­doch ihr Le­bens­werk des Na­tur­schut­zes mit dem Le­ben be­zahl­te? Die un­ter­schied­li­chen Grup­pen von Berg­go­ril­las wur­den erst zu Be­ginn des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts ent­deckt und wa­ren schon bald von der Aus­rot­tung be­droht – weil sie als „Busch­fleisch“gal­ten. Da­bei kann sich kaum ei­ner dem Ein­druck der sanf­ten Rie­sen ent­zie­hen, de­nen Ge­walt in ih­rem in­ners­ten We­sen fremd ist. So grenzt es fast an ein Wun­der, dass an den Hän­gen der Vul­ka­ne noch ei­ni­ge Af­fen-Fa­mi­li­en le­ben, die man mit et­was Glück und un­ter kun­di­ger Lei­tung auf­spü­ren kann.

Ber­nice und Je­ro­me ge­hö­ren zu dem Ran­ger-Team, das täg­lich 80 ri­si­ko­freu­di­gen Aben­teu­rern in klei­nen Grup­pen den Zu­gang zu den Berg­go­ril­las er­mög­licht. Die Zahl wur­de be­wusst be­grenzt. Der ers­te Ein­druck, Au­ge in Au­ge mit den Berg­go­ril­las ist über­wäl­ti­gend. Er gilt zu­nächst ei­nem Schwarz­rü­cken na­mens Ubur­an­ga, was nach Je­ro­mes Über­set­zung so viel heißt wie „schön an­zu­se­hen“. See­len­ru­hig nagt er an Blättern und Zwei­gen, oh­ne sich mehr als nö­tig um die Ein­dring­lin­ge in sei­ner un­mit­tel­ba­ren Nä­he zu küm­mern. Ir­gend­wann scheint ihn die Neu­gier­de zu pa­cken. Und er tut, was den Be­su­chern nicht er­laubt ist: zart und ein­fühl­sam be­tas­tet er die au­ßer­ge­wöhn­li­chen Ob­jek­te sei­nes In­ter­es­ses und macht da­bei so­gar vor lo­cker her­ab hän­gen­den Schnür­sen­keln nicht Halt.

Et­was tie­fer ins Ge­büsch hat sich das Go­ril­la­weib­chen Ka­bat­wa mit ih­rem jüngs­ten Ba­by zu­rück­ge­zo­gen. Vor we­ni­gen Jah­ren hat­te sie ih­rem „Sil­ber­rü­cken“Mun­y­inya ein Zwil­lings­paar ge­bo­ren, das sei­ne Selbst­stän­dig­keit und Pfif­fig­keit im Fa­mi­li­en­ver­band längst täg­lich un­ter Be­weis stellt. Mun­ter hüp­fen und klet­tern die bei­den Halb­wüch­si­gen her­um und schei­nen da­bei so­gar die nach Ru­he su­chen­den Er­wach­se­nen ein we­nig zu ner­ven. Nur ihr Va­ter Mun­y­inya lässt den ju­gend­li­chen Über­mut nicht an sich her­an. In stoi­scher Ru­he ge­nießt er die Fell­pfle­ge. Viel­leicht lässt sein nach­denk­li­ches Ge­sicht dar­auf schlie­ßen, dass er es frü­her als Num­mer zwei in der Su­za-Go­ril­la­grup­pe nicht eben leicht hat­te. „Be­son­ders die Da­men lie­ßen ihn aus Grün­den der Hier­ar­chie beim „djig­gi djig­gi“ih­re Ver­ach­tung spü­ren“, weiß Ber­nice schmun­zelnd zu be­rich­ten. So grün­de­te er sei­ne ei­ge­ne Go­ril­la­grup­pe´.

Eben­so wohl wie die Berg­go­ril­las in ih­rem be­que­men Bu­sch­werk füh­len sich auch die Be­su­cher der über das Land ver­streu­ten Na­tio­nal­park-Lod­ges. Ei­ne der schöns­ten liegt in­mit­ten von Tee­plan­ta­gen: die „Nyung­we Fo­rest Lodge“. Von ih­rer Ter­ras­se aus kann man

mit et­was Glück die in ei­gen­wil­li­gem Schwar­zweiß ge­klei­de­ten Co­lo­bus Mon­keys und die le­bens­fro­hen Ver­vet Mon­keys her­um­tol­len se­hen. Auf dem durch die Baum­gip­fel füh­ren­den Ca­no­py walk, dem ein­zi­gen sei­ner Art in Ost­afri­ka, kann man die Viel­falt des hier vor­han­de­nen Tier- und Pflan­zen­le­bens er­le­ben. Die „Go­ril­la Moun­tain View Lodge“liegt am Fu­ße der Ru­wenz­ori-Ge­birgs­ket­te. Und hier kön­nen Be­su­cher all­täg­lich die wil­den Tän­ze der tra­di­tio­nel­len Krie­ger in ih­ren far­ben­fro­hen Trach­ten ver­fol­gen. Das „Ru­zi­zi Ten­ted Camp“schließ­lich liegt im Aka­ge­ra-Na­tio­nal­park na­he der tan­sa­ni­schen Gren­ze. Von ei­nem weit in den See hin­aus­ra­gen­den Steg aus er­lebt man mor­gens den Son­nen­auf­gang über dem öst­li­chen See­ufer. Oder ge­nießt mit Ein­bruch der Dun­kel­heit das fu­rio­se Kon­zert der Frö­sche.

Der Aka­ge­ra-Na­tio­nal­park im Os­ten Ruan­das ist ei­nes der land­schaft­lich schöns­ten Sa­van­nen-Re­ser­va­te Afri­kas. In den Mor­gen­stun­den hat­te Tour-Gui­de Bosco ge­sagt, dass es der­zeit nicht sehr wahr­schein­lich sei, Ele­fan­ten zu se­hen. Die Tie­re hal­ten sich vor­zugs­wei­se im süd­li­chen Teil des Parks auf, wo dich­te Bü­sche und ho­he Sträu­cher wach­sen. Zwar tra­gen ei­ni­ge Tie­re ei­nen GPS-Sen­der. Aber seit Ta­gen sei­en sie schon weit

ab­seits der Au­to­rou­ten un­ter­wegs, sagt Bosco. Glück­li­cher­wei­se gibt es im Aka­ge­ra-Na­tio­nal­park nicht nur Ele­fan­ten zu se­hen. Für man­che Tie­re muss der Be­su­cher in den nörd­li­chen Teil fah­ren, in die Sa­van­ne, für an­de­re in die Feucht­ge­bie­te in den Os­ten an der Gren­ze zu Tan­sa­nia, die vom Fluss Aka­ge­ra ge­speist wer­den, ei­nem der fünf Nil-Zuflüs­se.

Knapp zehn St­un­den dau­ert ei­ne gro­ße Rund­tour von der „Aka­ge­ra Ga­me Lodge“am süd­li­chen En­de des rund 60 Ki­lo­me­ter lan­gen Parks zur Kila­la-Ebe­ne im Nor­den. Es gibt zwei Haupt­rou­ten durch den Park: den Weg ent­lang der West­gren­ze, der sich über ei­ne nied­ri­ge Berg­ket­te bis hin­ter die Kila­la-Ebe­ne im Nor­den schlän­gelt, und die La­keSho­re-Road, die an den zahl­rei­chen Se­en mit­tig von Nord nach Süd durch den Park führt. An we­ni­gen Stel­len gibt es Qu­er­ver­bin­dun­gen, die aber oft nur ein ge­schul­tes Au­ge ent­deckt.

Der 25-Jäh­ri­ge Bosco ist ei­ner von 24 frei­be­ruf­li­chen Frem­den­füh­rern. Er er­klärt Be­su­chern und Ein­hei­mi­schen, war­um der Schutz von Flo­ra und Fau­na wich­tig ist. Wil­de­rer sei­en ein gro­ßes Pro­blem ge­we­sen, das in­zwi­schen ein­ge­dämmt sei, er­zählt er. Um die einst im Park hei­mi­schen Lö­wen aus­zu­rot­ten, wa­ren gar kei­ne Wil­de­rer nö­tig: Sie wur­den wäh­rend des Bür­ger­kriegs und Völ­ker­mor­des in den Neun­zi­ger Jah­ren ge­tö­tet und müs­sen nun müh­sam wie­der an­ge­sie­delt wer­den.

Nach zwei St­un­den Fahrt ist auf 1825 Me­tern der höchs­te Punkt er­reicht: Mu­tum­ba Hills. Vor­bei an Kan­de­la­berKak­te­en und bu­schi­gen Bäu­men geht es in die gro­ße of­fe­ne Step­pe, ins Gras­land. In der Fer­ne sind Gi­raf­fen zu se­hen. Sie wa­ren nicht im­mer hei­misch im Aka­ge­ra-Park. „1986 ka­men sechs Ma­sai-Gi­raf­fen als Ge­schenk aus Süd-Ke­nia her“, sagt Bosco. „Es war ein Ex­pe­ri­ment, um zu se­hen, ob sie auch hier zu­recht­kom­men.“Das scheint ge­glückt: Heu­te le­ben schon 70 Tie­re im Aka­ge­ra. Bernd Kre­gel / Ni­na C. Zim­mer­mann

SIL­BER­RÜ­CKEN & CO: Wer zu Ruan­das Berg­go­ril­las will, muss fit sein, denn die Wan­de­rung im Re­gen­wald ist kräf­te­zeh­rend. Da­für ist der Be­such bei den Men­schen­af­fen ein un­ver­gleich­li­ches Er­leb­nis. Fo­tos: Kre­gel (2) / Zim­mer­mann

FOLKLORE FÜR DIE TOU­RIS­TEN: Tanz­grup­pen in tra­di­tio­nel­len Trach­ten tre­ten häu­fig in den Lod­ges in den Na­tio­nal­parks von Ruan­da auf. Das Land ist als Rei­se­ziel für Sa­fa­ris noch eher un­be­kannt.

IN GU­TEN HÄN­DEN: Gui­de Bosco und der Fah­rer Vin­vent im Aka­ge­ra-Na­tio­nal­park.

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