Eu­ro­pa fällt ein St­ein vom Her­zen

Er­leich­te­rung nach dem Sieg Van der Bel­lens bei der Prä­si­den­ten­wahl in Ös­ter­reich

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN - Von Ve­re­na Sch­mitt-Ro­sch­mann und Tho­mas La­nig

Wi­en/Brüs­sel/Ber­lin. Vor dem Wahl­tag kur­sier­ten schon die Un­ter­gangs­sze­na­ri­en. Was soll aus Eu­ro­pa wer­den, wenn rings­um Po­pu­lis­ten Breit­sei­ten ge­gen Brüs­sel feu­ern? Doch am En­de be­sieg­te bei der Prä­si­den­ten­wahl in Ös­ter­reich der EU-freund­li­che ehe­ma­li­ge Grü­nen­Chef Alex­an­der Van der Bel­len den EUK­ri­ti­ker Nor­bert Ho­fer klar. Spit­zen­po­li­ti­ker in der EU at­me­ten spür­bar auf: Po­pu­lis­ten sind eben doch nicht un­schlag­bar. „Ganz Eu­ro­pa fällt St­ein vom Her­zen“, schrieb SPD-Chef Sig­mar Ga­biel

Der Aus­blick auf 2017 ist al­les an­de­re als ent­spannt

auf Twit­ter. Das Wah­l­er­geb­nis sei ein kla­rer Sieg der Ver­nunft ge­gen den Rechts­po­pu­lis­mus in Eu­ro­pa. Lu­xem­burgs Au­ßen­mi­nis­ter Je­an As­sel­born sah das ganz ähn­lich: „Nach dem Trump-Sieg und dem Br­ex­it-Vo­tum ha­ben die ös­ter­rei­chi­schen Wäh­ler ge­zeigt, dass Ver­nunft, To­le­ranz und Men­sch­lich­keit kei­ne Fremd­wör­ter bei Wah­len in der Eu­ro­päi­schen Uni­on sind“, sag­te As­sel­born ges­tern Abend.

Das Er­staun­lichs­te dar­an ist viel­leicht die Über­ra­schung der an Tief­schlä­ge ge­wöhn­ten EU-Po­li­ti­ker. Denn in den Wo­chen vor der Wahl hat­ten sie schon fast mit Ge­wiss­heit an­ge­nom­men, dass Po­pu­lis­mus im­mer zieht. Die EU ist tief ver­un­si­chert und ge­schwächt von Kri­sen und Selbst­zwei­feln – die Br­ex­itEnt­schei­dung der Bri­ten im Ju­ni war da­für das sicht­bars­te Sym­bol. Das macht die Ge­mein­schaft für Po­pu­lis­ten auch leicht an­greif­bar. Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­an-Clau­de Juncker und an­de­re be­kla­gen seit lan­gem, dass „Brüs­sel“gern für Fehl­schlä­ge ver­ant­wort­lich ge­macht wird, wäh­rend sich die Mit­glied­staa­ten Er­fol­ge sel­ber auf die Fah­ne schrei­ben. Un­term Strich läuft es in der EU zwi­schen Kom­mis­si­on, Par­la­ment und Mit­glied­staa­ten al­les an­de­re als rund, und auf die vie­len Kri­sen fin­den sich nur schwa­che Ant­wor­ten. Nun ist mit Van der Bel­lens Wahl zu­min­dest ein an­de­res Si­gnal ge­setzt. Ge­löst sind die vie­len Schwie­rig­kei­ten der EU da­mit aber noch nicht. Auch der Aus­blick ins Wahl­jahr 2017 ist al­les an­de­re als ent­spannt. In den Nie­der­lan­den steht der EU-Kri­ti­ker Geert Wil­ders für die Wahl im März in den Start­lö­chern, in Frank­reich hofft die Rechts­po­pu­lis­tin Ma­ri­ne Le Pen im Mai auf Er­folg. Wür­de Le Pen wirk­lich ge­wählt und trie­be sie wirk­lich den Aus­tritt aus dem Eu­ro oder der EU vor­an, gin­ge es für die EU ums Über­le­ben – 60 Jah­re nach den Rö­mi­schen Ver­trä­gen für ih­re Grün­dung. In Ber­lin könn­te die Al­ter­na­ti­ve für Deutsch­land bei der Bun­des­tags­wahl in neun Mo­na­ten das Macht­ge­fü­ge durch­ein­an­der­wir­beln.

„Es gab ei­ne Mehr­heit für ein tra­di­tio­nel­les Amts­ver­ständ­nis – ru­hig, sach­lich, di­plo­ma­tisch“, ana­ly­sier­te der Po­li­to­lo­ge Pe­ter Filz­mai­er ges­tern Abend im ORF das Er­geb­nis. Ei­nen we­sent­li­chen Aus­schlag zu­guns­ten des 72-jäh­ri­gen Wirt­schafts­pro­fes­sors Van der Bel­len gab auch sein kla­rer Pro-Eu­ro­paKurs. Für 65 Pro­zent sei­ner Wäh­ler war die­se Ein­stel­lung das ent­schei­den­de Mo­tiv für ih­re Ent­schei­dung. „Das ist ja nicht das En­de der Ge­schich­te“, sag­te et­was zer­knirscht FPÖ-Ge­ne­ral­se­kre­tär Her­bert Kickl. Viel­leicht nicht das En­de, aber es ist ein ge­hö­ri­ger Dämp­fer für die Rechts­po­pu­lis­ten.

JUBEL IN WI­EN: Un­ter den An­hän­gern von Alex­an­der Van der Bel­len ist die Freu­de ges­tern Abend groß. Schon nach den ers­ten Pro­gno­sen ist klar, dass ihm der Wahl­sieg nicht mehr zu neh­men ist. Fo­to: AFP

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