Vom ed­len Ac­ces­soire zum Weg­werf­pro­dukt

Bil­lig-Schir­me aus Chi­na ver­drän­gen deut­sche Pro­duk­te / Be­gin­nen­der Ge­gen­trend im Pre­mi­um-Seg­ment

Pforzheimer Kurier - - WIRTSCHAFT - Von Ame­lie Rich­ter und Brit­ta Bai­er

Ber­lin/Karls­ru­he. Rolf Lipp­ke kann mit schö­nem Wetter nicht viel an­fan­gen. Er wünscht sich Re­gen, viel Re­gen. Et­wa 500 Re­gen­schir­me gibt es im La­den des ge­lern­ten Schirm­ma­chers in Ber­lin. Sein Be­ruf ist sel­ten. „Das Hand­werk ist ge­löscht wor­den“, sagt Lipp­ke. Aus­zu­bil­den­de ge­be es nicht mehr. Denn die Ver­brau­cher kau­fen be­vor­zugt ei­nen güns­tig her­ge­stell­ten Schirm aus Chi­na. Der Rie­se aus Fer­n­ost be­herrscht die Pro­duk­ti­on nach An­ga­ben des Ver­bands der Schirm- und Stock­fach­händ­ler zu 98 Pro­zent.

Die­sen Trend be­ob­ach­tet auch Ste­fan Wall­baum, der das Ge­schäft Schirm Wei­nig in Karls­ru­he in der fünf­ten Ge­ne­ra­ti­on lei­tet: „Der Trend geht seit vie­len Jah­ren zum Bil­lig­pro­dukt. Ei­ne ganz üb­le Ent­wick­lung.“Denn die Schir­me, die für we­ni­ge Eu­ro in Han­dels­ket­ten an­ge­bo­ten wür­den, gin­gen in der Re­gel schon nach we­ni­gen Ein­sät­zen ka­putt. „Die Me­tall­tei­le sind meis­tens aus Do­sen­blech ge­fer­tigt – das ist, als wür­den Sie ei­ne Woh­nungs­tür aus Pap­pe her­stel­len“, ver­deut­licht der Ge­schäfts­in­ha­ber.

Ein hoch­wer­tig her­ge­stell­ter Schirm hin­ge­gen kann bei gu­ter Pfle­ge Jahr­zehn­te gu­te Di­ens­te leis­ten. Beim Karls­ru­her Spe­zi­al­ge­schäft er­hal­ten die Kun­den zwei Jah­re Ga­ran­tie auf ih­ren Kauf. Wer für Qua­li­tät mehr Geld in die Hand nimmt, für den lohnt sich auch ei­ne Re­pa­ra­tur des treu­en Schlecht­wet­ter-Be­glei­ters. Zwi­schen 1 500 und 2 000 Schir­me wer­den in der Karls­ru­her Werk­statt pro Jahr noch ver­arz­tet – vom ein­fa­chen Stre­ben­bruch bis hin zur Re­pa­ra­tur kom­pli­zier­ter, au­to­ma­ti­scher Öff­nungs- und Schließ­me­cha­nis­men. „Ich bin mir si­cher, dass wir uns auf­grund un­se­res Ser­vice trotz des Bil­li­gT­rends hal­ten kön­nen“, sagt Wall­baum. So kä­men Kun­den auch von wei­ter her aus der Pfalz und dem El­sass nach Karls­ru­he in die Kai­ser­stra­ße – weil ver­gleich­bar spe­zia­li­sier­te Ge­schäf­te rar ge­wor­den sind.

Der Lö­wen­an­teil der Schir­me lan­det in Deutsch­land aber nicht auf der Werks­bank, son­dern im Müll. „Der Re­gen­schirm ist zum Weg­werf­pro­dukt ge­wor­den“, stellt Wil­ly Schüff­ler fest, der den Ver­band der Schirm- und Stock­fach­händ­ler lei­tet, dem rund 50 Fach­ge­schäf­te in Deutsch­land und Ös­ter­reich an­ge­hö­ren. Der Durch­schnitts­preis für ei­nen Re­gen­schirm lie­ge in Deutsch­land in­zwi­schen bei 4,50 Eu­ro. Vie­le Mo­del­le sind auch schon für we­ni­ger zu ha­ben. Hat der Schirm den Sturm nicht über­lebt, lan­det er in ei­nem Stück im Müll­ei­mer – was das Re­cy­celn schier un­mög­lich macht. „Das sind zu vie­le un­ter­schied­li­che Ma­te­ria­li­en“, er­klärt Schüff­ler, der selbst ei­nen Fach­la­den in Es­sen be­treibt. Die Schir­me müss­ten des­halb al­le de­po­niert wer­den. Dass die Pro­duk­te nicht be­son­ders lang­le­big sei­en, spie­le na­tür­lich auch den Her­stel­lern in die Ta­sche, kri­ti­siert er.

Eu­ro­pas Num­mer eins für die Her­stel­lung von Re­gen­schir­men sitzt in Brau­nau am Inn, di­rekt an der deutsch-ös­ter­rei­chi­schen Gren­ze. Die Fir­ma Dopp­ler hält un­ter an­de­rem die Li­zenz für Pro­duk­ti­on und Ver­trieb für die Mo­de­mar­ken s.Oli­ver und Bu­gat­ti. „Die­se Schir­me kos­ten im La­den dann zwi­schen 15 und 40 Eu­ro“, er­klärt Ge­schäfts­füh­rer Her­mann Würf­lings­do­bler. Der Groß­teil kommt aus Fer­n­ost. Bis zu 20 000 pro­du­ziert sei­ne Fir­ma pro Jahr noch in Eu­ro­pa. „Ex­klu­si­ve Mo­del­le wer­den in der Ma­nu­fak­tur in Ös­ter­reich her­ge­stellt“, so Würf­lings­do­bler. Das Un­ter­neh­men mit rund 170 Mit­ar­bei­tern lie­fert auch die Schir­me für Lou­is Vuit­ton oder Rolls Roy­ce. Et­wa 52 Mil­lio­nen Eu­ro Um­satz ma­che Dopp­ler pro Jahr, er­klärt der Ge­schäfts­füh­rer. Dopp­ler ge­hört auch der In­be­griff des deut­schen Klapp­schirms: der Knirps. Das Un­ter­neh­men über­nahm die Mar­ke mit Sitz im baye­ri­schen Pfarr­kir­chen 2005. Ein Knirps kos­tet im On­li­ne-Shop durch­schnitt­lich ab 50 Eu­ro. Dass die Kun­den bei teu­ren Schir­men we­ni­ger zu­grei­fen, kann Würf­lings­do­bler be­stä­ti­gen. Aber er ist zu­ver­sicht­lich. „Es gibt ein klei­nes Wachs­tum bei un­se­rer Ma­nu­fak­tur“, sagt er. Die­se Schir­me kos­ten ab 89 Eu­ro. „Wir glau­ben, dass der Auf­wärts­trend da ist.“Aber dass in Deutsch­land ir­gend­wann mal wie­der 100 000 Schir­me aus eu­ro­päi­scher Pro­duk­ti­on ver­kauft wür­den, sei na­tür­lich ei­ne Il­lu­si­on.

4,50 Eu­ro zah­len Deut­sche im Schnitt für ei­nen Schirm

KEIN STABILER BEGLEITER: Für vie­le Kun­den steht beim Schirm­kauf der Preis an ers­ter Stel­le. Lang­le­big sind die Bil­lig­pro­duk­te sel­ten. Fo­to: dpa

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.