Atem­be­rau­ben­der Blick auf al­ten Stoff

Im Sch­wet­zin­ger Hof­thea­ter ist die 1796 ur­auf­ge­führ­te Oper „Gi­uli­et­ta e Ro­meo“zu se­hen

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Tas­ten­de Sehn­sucht und wahn­sin­ni­ger Schmerz, him­mels­se­li­ge Ver­liebt­heit und halt­lo­se Ver­zweif­lung: Es ist groß­ar­tig, atem­be­rau­bend, schier un­glaub­lich, was Kang­min Jus­tin Kim als Ro­meo im Sch­wet­zin­ger Ro­ko­ko­thea­ter auf die Büh­ne bringt. Dort steht der­zeit die 1796 an der Mai­län­der Sca­la ur­auf­ge­führ­te Oper „Gi­uli­et­ta e Ro­meo“auf dem Pro­gramm, ei­ne freie Be­ar­bei­tung von Wil­li­am Sha­ke­speares Tra­gö­die von „Ro­meo and Ju­liet“. Aber Hand aufs Herz: Will man den x-mal ad­ap­tier­ten Stoff mit sei­nem aus Schein­tod und Sui­zid kon­stru­ier­ten Glaub­wür­dig­keits­pro­blem wirk­lich noch ein­mal se­hen? Man will, und zwar un­be­dingt, wenn man die Pro­duk­ti­on er­lebt hat, mit der das Thea­ter Hei­del­berg sei­ne Rei­he „Win­ter in Sch­wet­zin­gen“fort­setzt.

Nad­ja Losch­ky und Tho­mas Wil­helm, die ge­mein­sam Re­gie führ­ten, un­ter­le­gen die Ou­ver­tü­re mit ei­nem Ta­bleau der Ge­walt und des Frie­dens. Mit­glie­der der bei­den ver­fein­de­ten Fa­mi­li­en (die hier Mon­tec­chi und Cap­pel­li­ni hei­ßen) ran­geln sich, der­weil ein weiß ge­klei­de­tes Mäd­chen mit ei­nem wei­ßen Luft­bal­lon pa­zi­fis­ti­sche Si­gna­le sen­det. Auch Gi­uli­et­ta ist da­bei. Man wird ihr gleich wie­der­be­geg­nen – im ers­ten Akt, ein­ge­zwängt in ein Braut­kleid, in dem sie dank der raf­fi­niert viel­deu­ti­gen Ko­s­tü­me von Vio­lai­ne Thel an­mu­tet wie ein Trans­ves­tit, der in die fal­sche Ver­an­stal­tung ge­ra­ten ist. Das passt. Schlägt doch Gi­uli­et­t­as Herz, wie sich bald her­aus­stellt, nicht für den von Va­ter Ever­ar­do vor­be­stimm­ten Te­o­bal­do, son­dern nur für ei­nen – für Ro­meo.

Die ers­te vor­sich­ti­ge, dann zu­neh­mend lei­den­schaft­li­che An­nä­he­rung zwi­schen den bei­den von Amor Ent­flamm­ten er­füllt sich in ei­nem der zau­ber­haf­ten Du­et­te, die Nic­colò An­to­nio Zin­ga­rel­li (1752 bis 1837) kom­po­niert und Fe­li­ce Ven­an­zo­ni als Di­ri­gent am Ham­mer­kla­vier zu­sam­men mit dem Phil­har­mo­ni­schen Orches­ter Hei­del­berg mit schö­nem Ge­spür für die Wir­kung der Ge­ne­ral­pau­sen mu­si­ka­lisch um­ge­setzt hat. Wenn an sei­nem Di­ri­gat et­was aus­zu­set­zen wä­re, dann nur, dass er man­ches Pia­no hät­te fei­ner aus­le­gen kön­nen. Aber was gilt die­ser Ein­wand ne­ben den Auf­trit­ten des Coun­ter­te­nors Kang­min Jus­tin Kim als Ro­meo, der mü­he­los die Hö­hen sei­ner Par­tie er­klimmt, bruch­los dort fort­fährt, wo er für zu­vor für span­nend lan­ge Se­kun­den un­ter­bro­chen hat­te und selbst dann noch mit Stei­ge­run­gen trumpft, wenn man meint, jetzt müss­ten al­le Re­ser­ven ver­braucht sein. Kein Wun­der, dass die­ser Sän­ger im kom­men­den Jahr auf fast al­len gro­ßen in­ter­na­tio­na­len Fes­ti­vals ver­tre­ten sein wird.

In der eben­falls in­ter­na­tio­nal prä­sen­ten Mez­zo­so­pra­nis­tin Emi­lie Renard hat er ei­ne Büh­nen­part­ne­rin, die stimm­lich und dar­stel­le­risch über­aus ein­drucks­voll agiert. Über­zeu­gend ihr Wan­del vom ent­zück­ten Mäd­chen zur von Sor­ge ge­plag­ten Frau, nach­dem sie mit Ro­meo ver­hei­ra­tet wur­de. Die heim­li­che Hoch­zeit ze­le­briert der Ver­trau­te Gil­ber­to: Ter­ry Wey gibt die­ser Rol­le ru­hi­ge, ge­mes­se­ne Sta­tur und bil­det so den Kon- ter­part zu Zacha­ry Wil­der als El­ve­r­a­do, des­sen Ari­en sich ein uns an­der Mal in vä­ter­li­che Zor­nes­aus­brü­che stei­gern – erst recht nach­dem er vom Tod Te­o­bal­dos, sei­nes Schwie­ger­sohns in spe er­fährt; Nam­won Huh singt die Par­tie im Du­ett mit Kang­min Jus­tin Kim, das zum Du­ell wird, mit viel Aplomb.

Si­cher ist das, was Ser­gej Pro­ko­wjew (1891 bis 1953) in sei­ner 1. Orches­ter­sui­te zu „Ro­meo und Ju­lia“mu­si­ka­lisch aus Ty­balts Tod (Ty­balt gleich Te­o­bal­do) ge­macht hat, raf­fi­nier­ter. Das heißt aber nicht, dass Zin­ga­rel­lis Mu­sik ein­tö­nig oder aus­drucks­arm wä­re – auch wenn der Ne­a­po­li­ta­ner schon zu Leb­zei­ten hin­neh­men muss­te, dass sich sein ers­ter Ro­meo, der Kastrat Gi­ro­la­mo Cre­scen­ti­ni, ei­ne ei­ge­ne Arie hin­zu­kom­po­nier­te. Die­ses „Om­bra ado­ra­ta as­pet­ta“ist jetzt auch im Sch­wet­zin­ger Ro­ko­ko­thea­ter zu hö­ren. Kang­min Jus­tin Kim singt die­se Zu­satz­kom­po­si­ti­on und macht dar­aus ei­nen der vie­len Glanz­punk­te des herr­li­chen Abends, zu des­sen Ge­lin­gen nicht zu­letzt die ge­sang­lich sehr an­spre­chen­den Auf­trit­te von Rin­nat Mo­riah als Ma­til­da, die Bei­trä­ge des Chors und das klug im­mer wie­der neu sich for­mie­ren­de Büh­nen­bild von Da­nie­la Kerck bei­tra­gen – Qua­li­tä­ten, die vom Pu­bli­kum auch in der drit­ten Auf­füh­rung im­mer wie­der mit Sze­nen­ap­plaus und an­hal­ten­dem Schluss­bei­fall ge­wür­digt wur­den. Micha­el Hübl

ÜBER­AUS EIN­DRUCKS­VOLL sind die Dar­bie­tun­gen von Emi­lie Renard als Gi­uli­et­ta und Kang­mi Jus­tin Kim als Ro­meo in der Neu­in­sze­nie­rung von Nic­colò An­to­nio Zin­ga­rel­lis Oper „Gi­uli­et­ta e Ro­meo“. Fo­to: Taa­ke

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