Die Fan­ta­sie als mög­li­che Par­al­lel­rea­li­tät

Best­sel­ler­au­tor Pe­ter Stamm las im Karls­ru­her Prinz-Max-Pa­lais aus sei­nem Ro­man „Weit über das Land“

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

„Wer die Zei­tung liest, will et­was Neu­es er­fah­ren. Wer da­ge­gen ei­nen Ro­man liest, möch­te auf Be­kann­tes tref­fen – aber mög­lichst neu er­zählt.“Stimmt die­ser Satz des Schwei­zer Au­tors Pe­ter Stamm? Zu­min­dest wirft er be­zeich­nen­des Licht auf Stamms neu­en Ro­man „Weit über das Land“(S. Fi­scher, Frank­furt/Main, 224 Sei­ten, 19,99 Eu­ro), der im Früh­jahr er­schien und aus dem er jetzt im Prinz-Max-Pa­lais am Ab­schluss­wo­chen­en­de der Karls­ru­her Bü­cher­schau ei­ni­ge Kost­pro­ben vor­trug. Da geht es um ei­nen An­ge­stell­ten na­mens Tho­mas, der un­ver­mit­telt Fa­mi­lie und Be­ruf ver­lässt und sich „über Land“auf­macht in ein nur va­ge be­wuss­tes Ziel im Ge­bir­ge, wäh­rend sei­ne Frau As­trid sich mit den Nö­ten des All­tags und der Ein­sicht ab­fin­den muss (und schließ­lich ab­fin­det), dass ihr Mann weg ist.

Die Si­tua­ti­on ist aus Li­te­ra­tur und Ki­no nicht ganz un­be­kannt, und Stamm selbst er­klärt, dass er sich von Nat­ha­ni­el Haw­t­hor­nes kur­zer Er­zäh­lung „Wake­field“ha­be an­re­gen las­sen, de­ren poin­tier­te Grund­si­tua­ti­on bei ihm al­ler­dings ab­ge­wan­delt er­schei­ne. Aber nicht nur die Hand­lung ist bei ihm va­ri­iert, son­dern vor al­lem der Er­zähl­duk­tus des Ro­mans ver­lässt im­mer wie­der die Bah­nen der li­nea­ren Ge­sche­hens­wie­der­ga­be, sprengt in jä­hen Tem­po­wech­seln das zeit­li­che Kon­ti­nu­um von Ges­tern bis Mor­gen und setzt nicht nur die ab­wei­chen­den Per­spek­ti­ven von Tho­mas und As­trid ge­gen­ein­an­der, son­dern flicht auch sprach­li­che zu­sätz­li­che Ebe­nen ein, in de­nen er­fun­de­ne Mög­lich­kei­ten sug­ges­tiv den Rang von al­ter­na­ti­ver Rea­li­tät er­hal­ten.

Schon ganz zu Be­ginn schlägt Stamm pro­gram­ma­tisch ein Kern­wort sei­nes Ver­fah­rens an: „Tho­mas stellt sich vor ...“, und was dann folgt, ist freie Ein­bil­dung, wie vor­stell­bar die­se auch im­mer er­schei­nen mag. Die Gren­zen der rea­len und fik­ti­ven Schich­ten wie auch der sub­jek­ti­ven Wahr­neh­mun­gen sei­ner Prot­ago­nis­ten deu­tet der Au­tor mit ei­nem gram­ma­ti­ka­li­schen Kniff an: Er wech­selt zwi­schen In­di­ka­tiv und Kon­junk­tiv, ver­mischt so Fan­ta­sie und Wirk­li­ches, Nach­ah­mung und Kon­kre­tes, hält den Gang der Hand­lung span­nend in der Schwe­be und spielt mit den Er­war­tun­gen sei­ner Le­ser, die bei der Lek­tü­re ih­re je ei­ge­ne Ge­schich­te zu er­le­ben glau­ben.

Stamm ist ein viel zu aus­ge­pich­ter (üb­ri­gens auch stu­dier­ter) Psy­cho­lo­ge, als dass er die see­li­schen Struk­tu­ren oder die Mo­ti­ve sei­ner bei­den Hel­den ana­ly­sie­ren wür­de. Die nüch­ter­ne Bei­läu­fig­keit sei­ner Pro­sa hält sich schein­bar an der Ober­flä­che auf, aber gera­de die in­si­nu­ie­ren­de Ab­bil­dung die­ser Ober­flä­che macht sie durch­sich­tig für psy­chi­sche Vor­gän­ge. Kaum je er­laubt der Au­tor ei­nen Blick ins In­ne­re der Fi­gu­ren. As­trid wird ob­jek­tiv kennt­lich in ih­rem All­tags­ver­hal­ten, und Tho­mas er­hält an­schau­li­che Kon­tur vor der Land­schaft, durch die er streift. Und im­mer wie­der er­weist sich selbst die Na­tur als un­echt und mu­tet an wie ei­ne Mo­del­lLand­schaft, in der wie­der­um Wah­res und Fal­sches ver­mengt sind und der Be­trach­ter mehr von sich preis­gibt als den blo­ßen An­schein.

„Weit über das Land“, des­sen Aus­gang der Au­tor bei der Le­sung be­wusst un­er­zählt ließ, ist ein Ro­man, der sei­ne Qua­li­tä­ten im klei­nen De­tail, in der schein­bar ne­ben­säch­li­chen Nuan­ce, der An­deu­tung und er­zäh­le­ri­schen Raf­fi­nes­se ent­fal­tet. Stamm er­weist sich als in­tel­li­gen­ter Er­zäh­ler, der mit sprach­li­cher Bra­vour und der Kunst des Un­der­state­ments be­zwin­gen­de Wir­kung er­zielt. An­dert­halb Jah­re ha­be er, wie er im Ge­spräch mit Mo­de­ra­tor Hans­ge­org Schmidt-Berg­mann mit­teilt, an dem Buch ge­ar­bei­tet – ei­ne re­la­tiv kur­ze Zeit. Da­bei wis­se er nicht schon von Vorn­her­ein, was sei­ne Hel­den, die er ja an­fangs gar nicht ken­ne, tun wer­den: „Ich schrei­be ge­ra­de­aus.“Auch das ge­hört zur ko­ket­ten Al­lü­re des Dich­ters, der ganz aus sich selbst her­aus schafft.

Über­zeu­gend und sym­pa­thisch be­währ­te sich Stamm im Li­te­ra­tur­haus als un­ver­schnör­kel­ter Au­tor. Mü­he­los schuf er den Kon­takt mit „sei­nem“Pu­bli­kum im aus­ver­kauf­ten Saal. in dem auf­fäl­lig vie­le Schü­ler sa­ßen. Kein Wun­der, denn Stamms Ro­man „Ag­nes“, mit dem er 1998 sei­nen Durch­bruch schaff­te und der in­zwi­schen ei­ne Auf­la­ge von 400 000 Ex­em­pla­ren (in 25 Spra­chen) er­reicht hat, ge­hört in Ba­den-Würt­tem­berg zum Abitur­stoff und ist zu­dem seit 2012 sehr er­folg­reich als Büh­nen­stück am Ba­di­schen Staats­thea­ter zu se­hen. K.

Gang der Hand­lung bleibt span­nend in der Schwe­be

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